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McLaren 570S – Ehrliche Begeisterung

Wer die Qual der Wahl hat, sich nicht recht entscheiden kann ob es nun ein Porsche oder doch ein Ferrari sein soll, der sollte zum McLaren 570S greifen.

21.10.2015 radical mag

Man muss, ja: muss die Leistung von McLaren schon bewundern. Vor sechs Jahren gingen die Engländer an den Start, 2011 brachten sie ihr erstes Fahrzeug auf den Markt (MP4-12C), unterdessen umfasst die Modellpalette den P1 (und den P1 GTR), den 650er als Coupé und Spider (sowie aufgerüstet als 675LT) und bald auch noch die Sport Series mit dem 540C und dem 570S. Man schreibt in Woking anscheinend Gewinn, im vergangenen wie in diesem Jahr werden es etwas unter 2.000 verkaufte Fahrzeuge sein, aber für einen anständigen Return on Investment dürfte das noch nicht ausreichen. 2017 will man aber bei rund 4.000 Wagen jährlich sein, auf diesem Niveau auch bleiben, also klar vor Lamborghini und deutlich hinter Ferrari – und die Rechnung ist offensichtlich. Es geht McLaren so gut, dass die Entwicklungsabteilung für nächstes Jahr über ein um 30 Prozent erhöhtes Budget von 120 Millionen Pfund verfügen darf.

McLaren hat bislang alles richtig gemacht

Bewundernswert ist aber nicht nur, wie schnell McLaren eine anständige Palette aus dem Boden gestampft hat (die so gehypten Super-Super-Jungs von Tesla kommen auf, äh, 2, sie haben aber schon 2003 begonnen, sind seit 2008 auf dem Markt – und schreiben aber massiv viel mehr Miese als McLaren, trotz staatlicher Hilfe), sondern auch: was. Der P1 hat sowohl LaFerrari als auch dem 918 Spyder heftiges Muffensausen beschert, die Sache mit dem P1 GTR ist ausgebucht, der 675LT ausverkauft – und der 650S ja irgendwie ein bisschen, hmm unterschätzt. Und großartig ist halt auch das: wie. Wirklich sehr, sehr sauber verarbeitet, wie man so hört auch technisch ohne gravierende Mängel – und sogar die Gebrauchtwagenpreise halten sich über den Erwartungen. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, da darf man wirklich den Hut ziehen.

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© Bild: Werk

Rein in den McLaren 570S

Ort des (ersten) Geschehens: Portimao, diese wunderbare Berg-und-Tal-Bahn in der Algarve. Dort präsentieren die deutschen Sportwagen-Überbeisser Porsche und AMG gerne ihre Geschosse, dann zuckelt man im Konvoi ein bisschen hintereinander her, weil der Kurs die meisten Motorjournalisten ziemlich überfordert. McLaren stellt vier neue 570S in die Boxen, je vier Journalisten dürfen (sich) mit jeweils einem Instruktor an Bord 45 Minuten frischfrommfröhlichfrei um die Strecke prügeln. Erste Runde ganz brav, sich mal kennenlernen, zweite Runde etwas flotter, ab der dritten Runde sämtliche Assi-Systeme aus. Gut so. Denn wir haben hier: 570 PS auf 1.313 Kilo. Das ergibt das wirklich beachtliche Leistungsgewicht von 2,3 Kilo/PS.

Leistung im Vergleich zur Konkurrenz

So ein neuer Porsche 911 (mit Turbo) kommt in der leichtesten Variante mit 370 PS und 1.430 Kilo auf 3,9 Kilo/PS, als «echter» Turbo S mit 560 PS und 1.605 Kilo auf 2,9 Kilo/PS; der Lamborghini Hurancan mit 610 PS und 1.420 Kilo (und Allradantrieb) liegt dafür nur knapp über dem McLaren. Preislich ist der 570S mit einem Basispreis von 181.750 Euro sauber zwischen den 911 Turbo und dem Lambo positioniert.

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© Bild: Werk

McLaren 570S auf der Rennstrecke

Doch darum geht es dort in Portimao gar nicht. McLaren sieht die Sport Series ja eigentlich auch gar nicht unbedingt als rennstreckentauglich an, wer solches will, soll sich den 650/675 oder den P1 kaufen. Es sei aber vermeldet: er kann trotzdem. Er kann sogar bestens – vielleicht nicht auf der Jagd nach der letzten Zehntelsekunde (aber das können wir ja eh und auch nicht), aber halt dort, wo es um die Übertragung von Fahrspaß geht. Das hat viel damit zu tun, dass sich der Pilot wohl fühlt, sicher, nicht überfordert ist vom Fahrzeug – und das kann der McLaren wirklich wunderbar vermitteln. Mit 570 PS an der Hinterachse ist beim Kurvenausgang ja eigentlich nicht zu spaßen, doch der 570S kündigt sich so schön an, dass man auch ohne Talent zum Rennfahrer in den Automatismen von Gegenlenken, dosiertem Gas und Coolness verbleibt – mit über 200 km/h auf die enge Spitzkehre zubrettert, massiv in die Eisen steigt, gleichzeitig die Gänge bis runter in den 2. sortiert, auf der Bremse einlenkt, früh schon wieder auf Pinsel treten kann, und in einem sauberen Drift über die Curbs hoch in die nächste blinde Halbrechts knallt. Auch sehr sehr beeindruckend: auf der Zielgerade mit über 280 km/h auf dem Tacho über diesen sanften Hügel, dann sehr massiv in die Bremsen, der Wagen wird hinten zwar leicht, aber nicht instabil, um dann grob den Halbrechtsbogen zu ziehen, sich weit hinaustragen zu lassen, die zweite Halbrechts ganz eng, und dann wieder grob in die Eisen für die enge Links.

Nehmen und Geben

Es ist herrlich, Runde um Runde besser, fast schon ein Fieber – irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mich der McLaren zu einem besseren Autofahrer macht. Es ist dies ein sehr gutes Gefühl: er fordert, der 570S, aber er gibt auch viel zurück.

Auf der Landstraße und die Sache mit dem Motorsound

Zu einem besseren Menschen macht der McLaren den Piloten allerdings nicht. Tatort portugiesisches Hinterland, wunderbare, verkehrsfreie und auch menschenleere Gassen, breite Landstraßen und schmale Bergwege. Hier ist der 570S dann wirklich in seinem Element. Alle Assi-Systeme drin, Komfort-Stellung beim Fahrwerk, Sport für Schaltung und Lenkung. Und jetzt ist es noch mehr Freud‘, dieses so wunderbare Lenkrad mit der Kante, das perfekt in der Hand liegt, das ausgezeichnete 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, schnell, sanft, «seamless», wie das so schön heißt, die wunderbar präzise, vielleicht ein bisschen zu leichtgängige (elektro-hydraulische) Lenkung, die richtig, richtig guten Bremsen (Karbon-Keramik serienmäßig, vorne 394 Millimeter) – ich bin immer nur weit jenseits. Und doch sicherer unterwegs als in einem, keine Ahnung, in dem es einem an Konzentration fehlt, weil man sich nur langweilt, das Navi neu programmiert, andere Radiostationen sucht. Wenn wir unbedingt einen Kritikpunkt suchen müssen, dann: der Sound. Was eigentlich erstaunlich ist, denn außen brüllt der McLaren sehr anständig, aber innen ist es irgendwie – mau. Dafür ist eine ausgezeichnete HiFi-Anlage von Bowers & Wilkins erhältlich.

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© Bild: Werk

Der Motor ist: eine Wucht

Es handelt sich wieder um den bekannten 3,8-Liter-V8-Doppelturbo, bei dem aber 30 Prozent der Komponenten neu entwickelt wurden. 570 PS bei 7.400/min, ein maximales Drehmoment im für Sportwagen wichtigen Bereich zwischen 5.000 und 6.000/min. So will der McLaren in 3,2 Sekunden auf 100, in 9,5 Sekunden auf 200 und maximal 328 km/h schnell rennen. Und doch, zumindest gemäß Norm, nur 10,7 Liter verbrauchen, dies auch dank einen neuem Stop/Start-System, dem ersten bei McLaren. Weil man nun aber selten die volle Leistung abrufen muss, in sehr tiefen Drehzahlen doch sehr flott über lange Geraden gondeln kann – geradeaus kann ja jeder – und auch am Kurvenausgang die Maschine nicht in die obersten Drehzahlregionen zu drehen braucht, dürfte sich der Verbrauch tatsächlich in vernünftigen Grenzen halten. Nicht, dass das jemand interessieren würde, wer solch einen Wagen kauft. Doch die Engländer haben auch in diesem Bereich ihre Hausaufgaben bestens erledigt, brauchen sich vor dem Klassenprimus Porsche nicht zu verstecken.

Kein Selbstdarsteller

Man könnte nun auch noch ein Fragezeichen setzen beim Design, mäkeln, dass man schon genau hinschauen muss, um 650S und 570S voneinander unterscheiden zu können. Aber dazu kann man auch sagen, schreiben: Porsche. Man darf den/die McLaren aber auch sehen als eine feine Mischung zwischen «form follows function» und britischer Coolness und einer nicht zu bissigen Aggressivität; die Farbauswahl ist toll, passend, wir bevorzugen das giftige Grün gegenüber dem wirklich scharfen Orange. Ein Selbstdarsteller ist der Engländer aber nicht, die große Show eines Lambo zieht er nicht ab. Innen ist alles fein, sehr sogar, wunderbare Materialien, sehr sauber verarbeitet – und sicher moderner im Styling als ein 911er, der irgendwie immer noch ein Käfer ist, und als großes Ganzes dank riesigem Bildschirm filigraner als die oft überfrachteten Ferrari. Alles wirkt spielerisch leicht, und auch das weckt in einem Sportwagen ein gutes Gefühl.

Perfekt für unentschlossene

Wahrscheinlich hat gemerkt, wer bis hierhin gelesen hat: ich find ihn bewundernswert, den McLaren 570S. Ja, eine gute Alternative für alle, die sich bisher nicht zwischen einem Porsche und einem Ferrari entscheiden konnten. Ein ganz, ganz feines Spielzeug, viel Geld zwar, aber auch viel Auto. Und noch mehr Spaß. Das ist ein ausgezeichneter Return on Investment.

Und was sagt Chris Harris über den McLaren 570S?

Besten Dank an die Kollegen von radical-mag.com

  • Marcus

    Der scheint richtig, wahnsinnig gut geworden zu sein! Wahnsinn!
    Für die Fans von Saug-Motoren hat McLaren aber schon lange nichts mehr im Programm. Da kann man bei Porsche immerhin wählen (auch wenn dort die Sauger weniger geworden sind, mittlerweile: GT3, GT4).

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