1/12
 

Maserati Ghibli, unterwegs mit einer Legende

Außen ist der Maserati Ghibli unglaublich filigran, innen schlicht bis karg und spätestens wenn man dann den Motor startet kommt schon Ehrfurcht vor diesem wunderbaren Fahrzeug.

12.11.2015 radical mag

Die Geschichte des Maserati Ghibli haben wir schon erzählt, wie es dazu kam, Technik und so. Doch wie wusste schon der Italienkenner Goethe: Grau, treuer Freund, ist alle Theorie, und Grün des Lebens goldner Baum. Und deshalb nun noch die eigene Erfahrung, buchstäblich. Wir fuhren dann aber nicht den goldenen Ghibli, der auch zur Verfügung gestanden wäre, sondern den roten. Denn Rot passt einfach besser, zu Italien, zu Maserati, zum Ghibli – gülden sind seine Linien etwas gar weich, zu süßlich, und das passt irgendwie zum genialen Wurf von Giorgetto Giugiaro. Wobei wir da auch schon wieder mitten in einer langwierigen Diskussion wären, doch die haben wir ja schon in der Background-Story zum Ghibli geführt…

Schritt 1, der Maserati Ghibli von außen

Doch man muss ihn sich schon unbedingt einmal genauer ansehen, diesen Ghibli. Nicht bloß, wie er so dasteht auf der schönen Piazza Santo Stefano in Bologna, Kopfsteinpflaster, Kirchen im Hintergrund. Sondern auch im Geist seiner Zeit. Man stelle sich einen Miura vor daneben – und der Lambo wird wirken wie ein grober Klotz. Oder einen 365 GTB/4, also Daytona von Ferrari; ein Prahlhans. Der Maserati ist unglaublich filigran, nicht nur, weil er auf (für heutige Verhältnisse) sehr schmalen Gummis steht, alles wirkt zierlich und fein an diesem doch 4,59 Meter langen, 1,8 Meter breiten und 1,16 Meter hohen Meisterwerk. Die Linien sind so wunderbar schlicht, harmonisch, da ist kein Strich zu viel – außer vielleicht diese unendlich langen Auspuffendrohre, die sind zwar irgendwie cool, aber auch ein wenig ein Fremdkörper. Auch wenn der Ghibli in Sachen Fahrleistungen damals nicht mit dem Miura und dem Daytona mithalten konnte – beim Design wird er wohl gewinnen. Oder doch der Miura, der halt ein Gandini ist, so ganz anders? Ach, ich weiß es nicht. Aber ich muss es ja auch nicht wissen, sind eh beide so ein bisschen außerhalb meiner Reichweite. Wobei die Ghibli ja noch relativ günstig sind, da geht noch was – und das deutlich unter 200.000 Dollar.

Maserati Ghibli (6)
© Bild: Werk

Schritt 2, ein Blick ins Innere

Innen – naja. Es ist eher schlicht, sehr flächig. Ja, schöne, sehr klassische Uhren, aber für die Anbringung ebendieser erhalten die Innenraumgestalter jetzt keinen Preis. Ein mächtiger Mitteltunnel. Die Sitze sind so, wie die Sitze damals waren, Seitenhalt schien noch kein Thema gewesen zu sein. Aber weil das Fahrzeug schmal ist und der Mitteltunnel breit, rutscht man dann trotzdem nicht weit. Und man kann sich ja auch am schönen Holzlenkrad festhalten. Ganz hinten ist viel, viel Platz, anscheinend dachte man in Modena schon damals an die zukünftigen Golfbag-Transportierer.

Schritt 3, den Motor starten

Dann wollen wir doch mal die Maschine anwerfen. Sie erwacht ein bisschen knurrend, es war ja auch kalt und grausiges Wetter dort in Bologna, läuft aber bald ruhig, mit sonorem Bass. Der 4,7-Liter war ein direkter Abkömmling des 450S aus dem Jahre 1956, hatte schon den wunderbaren 5000GT bewegt Er hatte also schon ein paar Jahre auf dem Buckel, aber: Leichtmetallzylinderblock und -köpfe, vier obenliegende Nockenwellen, vier Weber-Fallstrom-Doppelvergaser (40 DCNL 5), Trockensumpfschmierung; die war beim Ghibli auch nötig, weil sich sonst die flache Front nicht hätte realisieren lassen. 310 oder auch 330 PS, 440 Nm maximales Drehmoment bei 4.000/min. Über die Fahrleistungen gab es einst sehr widersprüchliche Angaben, Maserati sagte etwas von 275 km/h, von einem bekannten Fachblatt wurden aber «nur» 248 km/h gemessen; beim Wert von 7 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 war man sich aber einigermaßen einig.

Maserati Ghibli (8)
© Bild: Werk

Raus aus der Stadt in Richtung Berge

Man könnte ja meinen, so ein Ghibli mit dieser ausgeprägten Keilform sei unübersichtlich. Ist er aber nicht. Auch deshalb, weil er halt keine 2 Meter breit ist wie moderne Sportwagen. So brausen wir schon ganz flott aus Bologna raus, in Richtung Berge im Süden, die Straße ist nass, der Regen rauscht, kalt ist es auch. Aber auf der Autobahn ist er ganz fein, ein dumpfes Grollen aus dem Motorraum, bisschen mehr als 3.000/min im 5. Gang bei Tacho 150+, und es ist ein angenehmes Reisetempo, man kann sich auch noch gut unterhalten. Die Bremsen lassen sich deutlich besser dosieren als im 3500 GT, sie zeigen sogar etwas Wirkung – er lässt sich bewegen wie ein einigermaßen modernes Auto.

Schon damals nicht Modern

Dann geht es in die Berge. Nebel und alles, was man auch sonst im Leben nicht braucht. Und dort merkt man ihm die Jahre dann schon an, dem Ghibli. Und auch, dass er auch für damals keine besonders moderne Konstruktion war. Das liegt an der Starrachse hinten. Es ist schon erstaunlich, dass Maserati sich für diese Lösung entschieden hatte (und das Ding nicht einmal selber bastelte, sondern bei der Salisbury Wheel Company zukaufte), denn der damals schon gut ausgereifte Quattroporte hatte eine anständige De-Dion-Hinterachse.

Maserati Ghibli (4)
© Bild: Werk

Das Fahrverhalten

Und ja, man darf das Fahrverhalten des Ghibli als schroff bezeichnen – ohne Ankündigung geht er hinten weg. Und dann ist man ziemlich am Rudern am Lenkrad, das braucht dann auch noch Kraft, denn Servo gab es damals nur gegen Aufpreis. Im Stand will man daran nicht arbeiten müssen. Es sind also nicht die großen Abenteuer, die man versuchen will bei diesen Straßenverhältnissen, denn man hat ja Respekt, wir bewegen hier eine Ikone, ein Meisterwerk – das mehr (Be-)Achtung verdient hätte.

Man muss wissen, was man will

Er hat gut Kraft aus dem Drehzahlkeller, so lässt es sich über Land ganz entspannt cruisen. Das 5-Gang-Getriebe von ZF (das seine Karriere in einem Hanomag begonnen hatte) braucht gar nicht einen derart hohen Kraftaufwand, wie man mir immer erzählt hatte. Aber man muss halt schon konsequent das tun, was man vorhat, so ein bisschen Geschiebe mag der nicht, der Maserati. Und in langgestreckten Kurven, auf Zug, präzis gefahren, geht das auch ein bisschen schneller.

Maserati Ghibli (2)
© Bild: Werk

Sein Geld wert

Und ja, wenn man sich an das schwankende Heck gewöhnt hat, weiß, dass es in den unmöglichsten Momenten seine ganz eigenen Wege gehen will, dann traut man sich ein bisschen mehr. Doch es ist eben: Gran Turismo. Aus den späten 60ern. Auch beim Sound aus diesen viel zu langen Endrohren. Nicht so sportlich wie ein Daytona, bei weitem nicht so konsequent wie der Miura – und unbedingt sein Geld wert. Auch in Zukunft.

Besten Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-classics.com.

pixel