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Lamborghini Huracán: Schärfster aller Audi

Auch nach jahrelanger Erfahrung kann einem ein Lambo mal durchgehen. Adrenalinausstoß inklusive. So geschehen mit dem Lamborghini Huracán, einem richtig guten Audi.

07.02.2016 radical mag

Wahrscheinlich bin ich einfach zu viele heckgetriebene Fahrzeuge gefahren, lately. Vor einiger Zeit waren es einige beim #radical14, danach den wunderbaren 911 GTS in seiner Basisform, auch noch den Mercedes-AMG GT. Und an einem Fahrkurs mit noch so manchen Hecktrieblern war ich auch. Und deshalb bin ich da die eine Kurve wohl falsch angegangen. Gut, die Straße war auch noch nass, die Reifen sicher nicht auf der optimalen Temperatur, doch dass mir der Huracán dort derart vorne weggeht, dass ich ihn fast verloren hätte, das hat mich dann schon überrascht. Mein Fehler, eindeutig, ich gebe es ja zu, ich hätte auf Zug fahren sollen, die vorderen Räder das tun lassen, was sie bei einem Allradler tun können und sollen, nämlich die Fuhre aus dem Dreck zu ziehen (das ist hier auf keinen Fall wörtlich zu verstehen). Doch manchmal denkt man halt nicht alles, oder ist zu langsam in der Reaktion, oder: egal. Danach, nach einem ziemlich heftigen Schub an Adrenalin, denn der Straßengraben war schon sehr, sehr nah, da hatte ich das dann im Griff.

Lamborghini-Huracán (1)
© Bild: Peter Ruch

Lamborghini Huracán, wilder Stier

Und dann auch viel Freude am Lamborghini Huracán LP610-4, wie er bei vollem Namen heißt. Er ist nämlich allgemein so eher – freundlich? Das Fahrverhalten ist auf jeden Fall ausgewogen, fast schon lieb, man muss den Teufel tun, um den Huracán aus der Ruhe zu bringen. Feine Balance, außer, eben, vielleicht etwas leicht auf der Vorderachse, auch die Lenkung ist etwas zu soft-ice, doch das ist ein sehr, sehr subjektives Gefühl, hat viel mit Erwartungen und auch Erfahrungen zu tun, die Lambos einst waren Böcke, Viecher, Stiere halt, auch der Gallardo war noch einer. Und wohl deshalb ist das Leichte, Beschwingte, Feinstoffliche eine Überraschung. Wie schon geschrieben, die Straße war nass, die Straßen da in der Umgebung von Sant’Agata sind jetzt auch nicht gerade Rennstrecken, die Temperaturen waren dazu eher unfreundlich, also war da nicht so sehr mit ein bisschen am Limit und richtig grob und überhaupt. Doch wer kann so einen Lambo schon im Grenzbereich bewegen?

Großartig: das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe

Endlich ist Lamborghini auch dort angekommen, wo es sich gehört für die Audi-Tochter; dies automatisierte Zeugs bisher war ja eher in Richtung grauslig. Doch jetzt geht es gut und flott und sauber, wunderbare Übergänge. Und das ist dann halt schon ein Erlebnis, den 5,2-Liter-V10-Sauger hochzutreiben, immer so bei 8.000/min abzuholen, und weiter, weiter, weiter. Man fragt sich ein bisschen, weshalb das nicht schon lange so ist – und warum der Aventador… Andererseits: ist halt schon auch etwas technischer Aufwand, 560 Nm stemmt halt nicht grad jedes DKG, hat ja auch bei Audi ein bisserl gedauert.

Lamborghini-Huracán (2)
© Bild: Peter Ruch

Es gibt drei Fahrmodi im Huracan

Strada kannste rauchen, das ist völlig für die Katz‘ und die Füchse gleich auch noch. Da tönt er nicht, der Lambo, also, im Leerlauf tönt er dann fast schon übel, öd, wie ein Audi im Parkhaus, er schaltet bei gefühlten 1.500/min hoch, man bewegt sich wie ein Schleicher. Sport muss es mindestens sein, da geht dann auch etwas an der Lärmkulisse, die dann anständig wird, nicht unangenehm, nicht proletarisch. Corsa schließlich sollte man sich für den Track-Day aufsparen, wie ich da in jener Kurve spürte. Aber eigentlich ist Corsa bestens, die einzig richtige Stellung des Schalters am Lenkrad, da bellt der Huracán wie ein heiserer Hofhund, etwas gröber beim Runterschalten (mit Zwischengas, logisch), aber auch beim Hochschalten. Bretterhart ist er dann, bei allem, Lenkung, Getriebe, Fahrwerk, so, wie man sich einen Lamborghini halt vorstellt.

Lamborghini-Huracán (3)
© Bild: Peter Ruch

Innen ist auch alles viel, viel besser

Es ist nicht mehr Lamborghini, denn Lamborghini war einst berühmt für seine oft sehr eigenwilligen Interpretationen, wie man denn ein Cockpit gestalten kann. Jetzt ist es modern, vor den Augen ein Tablet, das man sich in etwa 7.212 Varianten selbst gestalten kann (gut: Drehzahlmesser groß, alles andere weg), alles andere hat schon fast mit Ergonomie zu tun, bisher ein Fremdwort in Sant’Agata. Und es gibt halt weiterhin diese feinen Details, den Startknopf, der sich unter einer roten Lasche befindet, den Rückwärtsgang, der so ein bisschen wie ein Bombenabwurf ist. Unser oranger Huracán hatte auch noch oranges Leder, auf solche Ideen können nur die Italiener kommen, und dafür lieben wir sie ja auch; bei einem Porsche oder Mercedes wär diese Kombi ein Graus‘, beim Lambo passts. Auch die Sitze, wunderbar, wie angegossen. Die vielleicht komfortabelsten Schraubzwingen der Welt.

Gut möglich, dass er es schafft

In 3,2 Sekunden will er auf 100 eilen, der LP610-4. Gut möglich, dass er es schafft. 325 km/h schnell rennen will er auch. Gut möglich, dass er das ebenfalls schafft. Solches erwartet man von einem Lambo, darf man auch. Doch man erwartet von einem Lambo halt noch anderes, und ich, subjektiv, bin jetzt nicht ganz sicher, ob er das wirklich erfüllen kann.

Lamborghini-Huracán (15)
© Bild: Peter Ruch

Bisher war doch so ein Lambo immer: dirty

Nicht so clean wie ein Porsche, nicht so wohlerzogen und strebsam wie ein Ferrari, mehr so: die Wildsau. Und das ist der Huracán nicht, er ist jetzt mehr so der Audi unter den Supersportwagen. Nicht so popelig wie der R8, wahrlich nicht, kein Frisören-Porsche, wirklich nicht, aber das Böse hat er nicht (mehr), weder optisch und schon gar nicht fahrtechnisch. Es ist dies verständlich, die Amerikaner mögen das nicht und die Chinesen verstehen und können das nicht, und es ist schließlich sowie ausschließlich der Markt, der befiehlt. Immer. Und irgendwie hab ich auch Verständnis dafür, so ein bisschen. Lieber ein nicht mehr ganz so räudiger Hund als gar keine Lambos mehr.

Espresso, Zigarette und Lambo

Ich nehm dann noch den Café, dort ein paar hundert Meter weiter von Haupteingang von Lamborghini in Sant’Agata. Ich hab den Espresso dort noch mit jedem Lambo genommen, seit mehr als 20 Jahren. Dann sitz ich so da, rauch eine Zigarette oder auch drei, schau mir den Wagen an, in aller Ruhe. Ja, der Huracán hat auch optisch nicht mehr die Ecken und Kanten eines Countach (war mein erster Lambo) oder Diablo, doch er ist bei eingehender Betrachtung nicht ein Aventador, dem man die Luft rausgelassen hat (auch ich schreib manchmal Blödsinn; sogar ich). Ja länger ich schau (dritter Café unterdessen), desto besser gefällt er mir. Ob ich mich aber deswegen damit abfinden will, dass so ein Lamborghini jetzt auch so etwas wie Normalprogramm wird?

Lamborghini-Huracán (14)
© Bild: Peter Ruch

Spyder

Naja, sie haben dann ja wieder nachlegt und mit dem Spyder eine offene Version gebracht. Und beim Gallardo haben sie ja dann auch die diversesten Versionen aufgelegt. Sogar eine mit nur Heckantrieb…

Besten Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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