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Abarth 695 biposto: Völlig sinnbefreit. Völlig genial!

Unterwegs sein mit dem Abarth 695 biposto ist die Rückkehr zum Auto. Zum Ursprung. Zum Fahrerlebnis. Nix vernetztes, nix autonomes. Echter Schweiß!

25.01.2016 radical mag

Liebevoll. Ein unterschätztes Wort. Es wird ja auch nicht mehr oft verwendet. Dabei: liebevoll, also – voller Liebe. Oder besser: voll von Liebe. Der Abarth 695 biposto verdient genau dieses Wort: liebevoll. Er ist außerordentlich liebevoll gemacht, also: Abarth hat diesem Produkt ganz viel Liebe angedeihen lassen. Da waren Menschen am Werk, die überbordende Freude an ihrer Arbeit haben, mit viel Benzin im Blut, mit großem Enthusiasmus, einem Hauch Wahnsinn. Und genau so ist dieses Fahrzeug – man muss es einfach lieben. Es ist die Antithese zum autonomen Fahren, es ist wahnsinnig, es ist reines Herzblut. Es ist ganz wichtig, dass es solche Fahrzeuge noch gibt, dass sich ein Hersteller die Mühe macht (und gibt), für solch ein Gerät eine Straßenzulassung zu erreichen – dass es überhaupt gebaut wird, denn die große Kohle wird FCA mit dem biposto nicht verdienen, zu klein die Auflage, zu groß der Aufwand. Wenn für einmal die Controller in ihren biederen Büros zusammen mit ihren Gummibäumen eingeschlossen werden und die Freaks sich austoben dürfen, dann, und nur dann kann entstehen, was der Abarth darstellt. Schön: der 695 biposto ist nach dem Alfa 4C schon das zweite ganz gute Stück aus dem Hause Fiat, das wirklich außerordentlich ist; andere Hersteller, Weltmarktführer und solche die es werden wollen, bringen es auf – weniger… Und auch deshalb betrachten wir den Abarth 695 biposto äußerst: liebevoll.

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© Bild: Peter Ruch

Die Schaltung im Abarth 695 biposto als erste Hürde

Aber zuerst einmal – wie doof sich ein Mensch anstellen kann, ist doch immer wieder sanft wunderlich. Da hast Du also dieses Klauengetriebe, und da ist unten, wunderbar offen in der polierten Kulisse, alles verkehrt, also: der erste Gang rechts hinten, der fünfte links hinten. Aber: es ist ja eigentlich alles wie gehabt, es ist ja nur – unten. Oben, an diesem wunderbaren Stock, ist alles wie immer, eins links oben, fünf rechts oben. Doch bis das drin ist im Köpfchen, also: meinem, das dauerte eine Ewigkeit. Immer wieder schaute ich runter, ganz runter in die Kulisse, war verwirrt, wo ist jetzt, ach. Irgendwann ärgerte ich mich über mich selber, irgendwann wurde ich richtig sauer – und irgendwann dachte ich weniger nach, dann gar nicht mehr, und dann ging es endlich. Je wilder es gehen durfte, desto sauberer kamen die Automatismen. Aber eben. Bös geknirscht im Gebälk hat es aber nie; ich hätte mich geschämt.

Dem einen ist er zu laut. Mir ist er zu leise

Er dürfte für meinen Geschmack noch mehr röhren, der 695er. Aber es ist halt nur ein 1,4-Liter, da fehlt wahrscheinlich das Volumen. Obwohl es beim Alfa 4C mit 1,75 Liter Hubraum ja auch geht. Er dürfte auch deshalb lauter sein, der biposto, weil man dann weniger hören würde, was alles scheppert. Es scheppert nämlich so ziemlich alles. Nicht deshalb, weil er qualitativ so schlecht wäre, nein, nein, es sind diese Plastik-Rennscheibchen und die Renngurten und das Zeugs, das ich im Auto hatte. Denn: er hüpft. Wir sprechen von einer knochentrockenen Federung, null Dämpfung, mächtigen Reifen und 2,3 Meter Radstand. Er kann gar nicht anders als durch die Gegend hüpfen, der Abarth. Auf schlechten Straßen hat er wohl kaum je alle Viere auf der Gasse – und es ist völlig egal. Denn das Hüpfen irritiert weder den Fahrer noch den Wagen, das muss so sein – und es macht halt Freude. Dann knallst Du über den Berg mit dem Zwerg, und es ist nur Ah! und Oh! und Agilität vom Feinsten und ein schweißnasser Rücken von der Arbeit am Lenkrad und am Schaltstock und auf der bestens dosierbaren Bremse. Wie geschrieben: die Antithese zum autonomen Fahren. Wie früher. Und so, wie es sein soll.

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© Bild: Peter Ruch

Kurven will er, Kurven kriegt er

Wie früher auch deshalb, weil wir es hier nicht mit einem PS-Drehmoment-Monster zu tun haben, das, wenn man das Fahrpedal auch nur anschaut, weit über die Toleranz auch des großzügigsten Verkehrspolizisten schießt. Natürlich geht er gut, sehr gut, aber eben nicht jenseitig wie ein Porsche Turbo oder sonst so ein Gerät. Was aber auch daran liegt, dass man sich die richtigen Wege sucht für den kleinen Italiener, eng soll es sein, sehr kurvig. Umwege will man fahren, und vielleicht nimmt man sogar wieder eine Straßenkarte aus dem Archiv, weil man eh nur die Nebenstraßen will, sicher nicht die Autobahn und nicht einmal die breite Landstraße.

Großartige Sitze

Navi hat er eh keins, auch keinen Radio – und auf Gespräche mit dem Passagier muss man auch verzichten. Denn der kann sich nicht am Lenkrad festhalten und hüpft zusammen mit dem 695 ähnlich wild durch die Gegend. Außer, er hat sich mit den Renngurten festgezurrt an den großartigen Sitzen; dann ist er (oder sie) sowieso ganz ruhig und sehr mit sich selber beschäftigt. Wie das halt so ist, wenn man in der Zwangsjacke steckt.

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© Bild: Peter Ruch

Völlig sinnbefreit. Genial!

Selbstverständlich sind 44.100 Euro völlig irr für diesen Fiat 500. Aber er ist jeden einzelnen Euro wert, der biposto. Weil er mit Garantie ein Klassiker werden wird. Weil er komplett sinnbefreit ist. Weil er uns zeigt, wie Autofahren eigentlich sein muss. Weil er uns beschäftigt und zu denken gibt – und weil bald eine Zeit kommt, die solche Automobile unmöglich macht. Wir werden uns glücklich schätzen, dass wir den Abarth 695 biposto noch erleben durften.

Besten Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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