Infiniti Q50 Eau Rouge Prototyp
Wie wird sich der VR38DETT-Motor des Nissan GT-R mit der HG-7-Gang-Automatik aus den Infiniti-Modellen vertragen?
 

Exklusiver Blick auf den Infiniti Q50 Eau Rouge Prototypen

Es gibt gute und schlechte Nachrichten zum Infiniti Q50 Eau Rouge. Den Sound gibt es aber auf jeden Fall schon zu hören.

01.08.2014 passion:driving

Die Damen und Herren bei Infiniti machen augenscheinlich ernst. Zumindest wollen sie uns das Gefühl vermitteln. Nachdem in Genf bekannt, dass im Infiniti Q50 Eau Rouge der Motor des Nissan GT-R werkeln soll, hat Infiniti nun kurz vor der Beijing Auto Show einen kleinen, auserwählten Kreis von nur 3 Personen ins britische Wellingborough in Northamptonshire geladen, um sich selbst von den Fortschritten des Prototypen des Q50 Eau Rouge zu überzeugen. Ich durfte neben dem britischen “evo magazine” und Fabian von Autophorie.de eine dieser 3 Personen sein und habe euch natürlich ein wenig was mitgebracht…

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Zuerst die schlechte Nachricht vorab: weder konnte ich den Verantwortlichen bei diesem Termin ein eindeutiges “Ja” zum Bau des Q50 Eau Rouge abringen, noch ließen sie mit sich verhandeln, den Prototypen als Rückreisemöglichkeit zum Flughafen Birmingham zu nutzen. Trotzdem gibt es gute Neuigkeiten zu berichten. Denn in Beijing hat Infiniti heute zumindest auch offiziell den Status des Projektes als “Machbarkeitsstudie” angegeben. Der Eau Rouge ist damit über das Stadium der reinen Studie hinaus. Und genau hierfür wird auch der Prototyp entwickelt, den ich mir in nächster Nähe ansehen durfte. Denn eine spannende Aufgabe dieser Machbarkeitsstudie wird es sein herauszufinden, wie die verschiedenen Komponenten, die sich bisher fremd waren, zur Zusammenarbeit zu bringen sind, beispielsweise der VR38DETT-Motor des Nissan GT-R zusammen mit der HG-7-Gang-Automatik aus den Infiniti-Modellen._Infiniti-Q50-Eau-Rouge--FELGE

Ein Uboot-Projekt mit dem Namen eines japanischen Donnergotts

Aber zurück auf Anfang, denn im Gespräch mit Peter Smith, Program Director bei Infiniti, und Jerry Hardcastle, Projects Director Innovations & Performance, hatte ich auch Gelegenheit über die Ursprünge des Projektes zu sprechen. Das begann vor etwas über einem Jahr mit der schlichten Ansage, einen Q50 auf die Beine zu stellen, der ganz stark auf einen Markenwert abzielen soll: Performance. Gestartet ist das ganze zunächst als ein reines “Skunk Works”-Projekt. Ein Uboot-Projekt, von dem nur ein kleiner Kreis von 3 Personen innerhalb des Unternehmens überhaupt etwas wussten, betitelt mit dem Codenamen “Raijin”, der Name eines japanischen Donnergotts. Dabei wurde zuerst evaluiert, welche Motoren denn in Frage kommen würden, wo die Entscheidung aber recht schnell klar war. Zwar wäre auch der 5-Liter-V8 aus dem QX70 eine gute Option gewesen, aber die reinen Daten waren nicht ausreichend genug und eine Leistungssteigerung des Motors durch Aufladung würde nahezu eine Neuentwicklung bedeuten. Damit war der Motor aus dem Nissan GT-R die einfachste und beste Möglichkeit.

>> So klingt der Infiniti Q50 Eau Rouge Prototyp

Adaptieren, reinquetschen und feilen

Der aber passt natürlich nicht einfach so in den Q50: eigentlich gehen sich die Längemaße dank des Ladeluftkühlers nicht aus, das Lenkgetriebe ist im Weg des Turboladers und des Anlassers. So mussten die Ingenieure nun viel feilen und basteln, aber offensichtlich haben sie es geschafft, dass der VR38DETT nun in den Q50 hineinpasst, ohne die Außenmaße des Q50 verändern zu müssen, indem beispielsweise der vordere Überhang vergrößert wird. Das GT-R-Doppelkupplungsgetriebe konnte ebenfalls nicht übernommen werden, ist es im GT-R doch in Transaxle-Bauweise an der Hinterachse untergebracht. Daher griff man auf das Infiniti HG-Getriebe zurück, eine 7-Gang-Automatik, für die immerhin “nur” die unteren Befestigungspunkte angepasst werden mussten, damit sie an das neue Triebwerk passt._Infiniti-Q50-Eau-Rouge-seite2

Läuft – und klingt wie Godzilla

In Zeiten komplexer Steuerungselektronik ist es aber natürlich nicht mit den mechanischen Problemen alleine erledigt. Die großen Hürden finden sich meist in der Verheiratung unterschiedlicher Komponenten, deren Software eigentlich erwartet mit anderen Komponenten kommunizieren zu dürfen. Das gesamte Bordnetz erwartet natürlich kein GT-R-Steuergerät am Ende des Kabelstrangs im Motorraum, zumal auch ABS- und ESP-Steuergeräte adaptiert werden müssen. Die sind zum aktuellen Stand in der Serienabstimmung an Bord. Sie funktionieren also bereits, aber die Regelgüte lässt in Anbetracht des Leistungsunterschiedes von fast 300 PS noch eher zu wünschen übrig… Das wichtigste aber: er lebt wirklich! Für uns wurde der Prototyp in der Halle angelassen und uns mit ein paar Umdrehungen sein akustisches Potential zum Besten gegeben – wenn auch, dank des leeren Tanks, mit ein wenig Schluckauf. 568 PS und ein sagenhaftes Drehmoment von 600 Nm werden dann aber – bei genug Kraftstoffreserven – auf die Straße gebrannt, stilecht verteilt über alle vier Räder, wobei die Hinterachse ganz klar den Vorzug erhält. Und wie er röhrt: das rauhe, kehlige “Roooaar”, wie wir es vom GT-R kennen, ist auch im Q50 Eau Rouge sofort zu erkennen – und ich muss zugeben, dass meine Mundwinkel steil gingen, als der matt-rot-folierte Prototyp das erste Mal zum Leben erwacht ist.

Die Referenz ist der M3 … oder?

“Natürlich müssen wir den ganzen Antriebsstrang auch an das Premium-Verständnis von Infiniti anpassen” stellt Peter Smith schnell klar. Ob wir dann einen Weichspüler zu erwarten hätten, möchte ich wissen und er entgegnet schnell: “Nein, natürlich nicht. Aber natürlich ist das Fahrerlebnis eines GT-R ein ganz anderes. Legt man darin einen Gang ein, hört man die Mechanik durch das ganze Auto arbeiten. Für eine Premium-Limousine gehört sich so etwas nicht.” Eine entsprechende Dämmung wird also das weitere Ziel sein und auch die Charakteristik des Motor wird man ein wenig anpassen. Und die Ziele in Puncto Performance? Sollten doch klar sein, der BMW M3 ist natürlich derjenige, den es herauszufordern gilt. Aber ganz so klar scheint das dann doch nicht zu sein. Immer wieder kann ich heraushören, dass man durchaus eine Klasse höher schielt, ohne konkretes zu sagen. Bis dann irgedwann doch einmal das Kürzel “M5″ fällt. Habe ich da richtig gehört? Offensichtlich. Immerhin, die Performance des Motor sollte auf jeden Fall dafür ausreichen. Und begründen lässt sich das wohl sicher auch in der Ausrichtung des Q50 Eau Rouge. Denn ein Tracktool oder reinrassiger Sportwagen wie der M3 soll der Eau Rouge eher nicht werden. Stattdessen hat man wirklich das Clientel im Auge, das eine leistungsstarke Premiumlimousine sucht, die aber auch problemlos auf der Strecke aufgehoben ist. Da würde der M5 dann tatsächlich ins Bild passen – obwohl er eigentlich in einem höheren Segment angesiedelt ist._Infiniti-Q50-Eau-Rouge-motor2

Auffälligste Unterschiede zur Serie

Ansonsten ist hier noch ein recht seriennaher Prototyp des Q50 Eau Rouge zu sehen. Äußerlich am auffälligsten sind sicher die Aero-Teile, wie wir sie auch bereits von der Studie in Genf kennen, natürlich aber auch die matt-rote Folierung. Innen sind bisher nur die Recaro-Sportledersitze verbaut, aber noch nicht das rote Sichtcarbon. Noch sind nicht alle Teile wie Heckschürze, Frontschürze, Seitenschweller, Kotflügel, Haube und Frontgrill aus Carbon, so wie es eigentlich geplant ist – der Einsatz des leichten Materials beschränkt sich im Prototypen nur auf einzelne Bauteile. Daraus wird klar, dieser Prototyp ist zum Fahren gebaut. Hier geht es erst einmal nur darum, die richtige Abstimmung zu finden, die Komponenten miteinander zu verheiraten und ein grundsätzliches Fahrwerkssetup herauszufahren. Das passiert durch regelmäßige Tests auf dem Millbrook Proving Ground. Ob der Q50 Eau Rouge die elektronische Lenkung “Direct Adaptive Steering” bekommen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch ebenso unklar, wie die Frage, ob wir den Q50 Eau Rouge überhaupt irgendwann in den Bestelllisten von Infiniti werden.

Auch ein Sportcoupé in Planung

“Wir wollen zeigen, dass es uns ernst ist. Wir wollen nicht einfach nur eine Studie basteln oder mal einen Prototypen zusammenschustern!”, betont Jerry Hardcastle nochmals. Das lässt sich aus dem Projektstand, wie ich ihn mir hier ansehen konnte, eindeutig herauslesen. Mit der Entwicklung sind übrigens die Spezialisten der britischen RML Group beschäftigt. Die sind nicht nur selbst in allerlei Rennserien aktiv, sie waren auch diejenigen, die sich für die Umsetzung des Nissan Juke R oder des Nissan ZEOD RC Le-Mans-Rennwagen verantwortlich zeichnen. Expertise haben diese Leute, das wird auch beim Gang durch die Fabrikhallen sofort klar. Hoffen wir auf einen erfolgreichen Verlauf der Machbarkeitsstudie. Herauszuhören war aber auch vor allem eines: bei einem Q50 Eau Rouge soll es nicht bleiben – auch ein Sportcoupé steht scheinbar auf den Notizzetteln der Infiniti-Truppe. Eine abgedroschene Phrase, aber: es bleibt spannend!

Vielen Dank an Sebastian Bauer von passiondriving

pixel