EU-Kommission nimmt Kältemittel-Tests unter die Lupe

Crashtests des Kraftfahrtbundesamts zu Brandgefahr abgeschlossen – Kreise: „Offizielle“ Testergebnisse erst Ende September

06.08.2013 APA

Die EU-Kommission will die Crashtests des deutschen Kraftfahrtbundesamts (KBA) zur Sicherheitsüberprüfung der umstrittenen Klimaanlagen-Kältemittels R1234yf genauer unter die Lupe nehmen. Die Kommission habe entschieden, dass Gutachter des Joint Research Center die laufenden Tests untersuchten, sagte der Sprecher von EU-Industriekommissar Antonio Tajani in Brüssel. Das Expertengremium solle auch die Untersuchungen des Ingenieursverbands SAE und die Crashtests mehrerer Autohersteller begutachten, um mehr Klarheit über das ab 2017 zwingend in allen Autos vorgeschriebene Kältemittel zu bekommen.

Unsicherheit über unterschiedliche Testergebnisse

Derzeit herrsche bei Autokäufern und Herstellern Unsicherheit über unterschiedliche Testergebnisse mit dem Kältemittel. Daimler hat es – entgegen EU-Vorschriften – wegen Sicherheitsbedenken aus einigen Mercedes-Neuwagen verbannt und provoziert damit ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland. Die EU-Experten könnten technische und wissenschaftliche Hilfe leisten, sofern über die Ergebnisse der laufenden Untersuchungen und die Crash-Versuche Uneinigkeit herrsche. „Die Tests des KBA werden dadurch aber nicht ersetzt“, sagte der Kommissions-Sprecher.

Offizielle Ergebnisse erst Ende September

Das Kraftfahrtbundesamt hatte Anfang Juni damit begonnen, die von Daimler im Spätsommer 2012 aufgeworfene Brandgefahr des Kältemittels R1234yf selbst zu untersuchen. Die Flensburger Behörde begrüßte das Vorhaben der EU. Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn Fachleute weitere Tests für notwendig hielten, sagte ein Sprecher. Die Tests seien wie geplant durchgeführt worden und inzwischen abgeschlossen, die Erkenntnisse würden „zu gegebener Zeit“ an das Bundesverkehrsministerium und die EU-Kommission weitergeleitet. Aus Regierungskreisen verlautete, erst Ende September sei mit den „offiziellen“ Ergebnissen zu rechnen. In dem schon Monate tobenden Streit hat die deutsche Bundesregierung noch Zeit bis Mitte August, um ein Vertragsverletzungsverfahren der EU abzuwenden.

Die Crash-Tests des KBA sollten dafür Material liefern. Die für Fahrzeugzulassungen und deren Sicherheit zuständige Behörde unterzog vier Pkw der Marken Mercedes-Benz, Opel, Hyundai und Subaru Crashtests und simulierte Leckagen an der Klimaanlage. Daimler behauptet, das neue Kältemittel könne sich im heißen Motorraum entzünden und ätzende Säure freizusetzen. Opel hingegen stuft das Mittel bei Unfällen als ungefährlich für Insassen und Rettungskräfte ein.

Kältemittel R1234yf entspricht als einziges den aktuellen Klimaschutzvorschriften

Das von den US-Chemiekonzernen DuPont und Honeywell entwickelte Kältemittel R1234yf erfüllt derzeit als einzige Chemikalie die seit Jahresbeginn verschärften Klimaschutzvorschriften für Autoklimaanlagen der EU, die für einige Neuwagen von Mercedes und anderen Herstellern gelten. Das bisher übliche Gas R134a gilt als Klimakiller und soll spätestens 2017 aus allen Autos verbannt werden. Bis dahin gelten Übergangsvorschriften. Diese wollte Daimler zunächst nicht nutzen, nimmt sie aber inzwischen in Anspruch und muss sich deshalb einer Zulassungsblockade von Neuwagen in Frankreich erwehren.

Experten schätzen Brandgefahr als gering ein

Der Weltverband der Automobilingenieure (SAE) schätzt die Brandgefahr des neuen Kältemittels als gering ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Autoinsassen durch eine Entzündung des Kältemittels gefährdet würden, sei nahezu sechs mal geringer als ein Fahrzeugbrand überhaupt, kalkuliert der Verband anhand von Berechnungen. In dem Ingenieurverband sind die meisten Autobauer – von GM über Renault bis Toyota – organisiert. Die deutschen Hersteller Daimler, BMW und Audi lassen ihre Mitgliedschaft in dem Arbeitskreis wegen des Streits um das Kältemittel seit Monaten ruhen. Als nicht brennbare Alternative zum Kältemittel R1234yf gelten CO2-Klimaanlagen, die aber noch nicht serienreif für Pkw sind und bei Lecks zu Schläfrigkeit der Fahrzeug-Insassen führen können.

Kältemittelstreit geht in die nächste Runde

Unterdessen geht der Kältemittelstreit zwischen Daimler und Frankreich Ende August in die nächste juristische Instanz. Am 23. August werde das oberste Verwaltungsgericht über den Antrag des Autobauers auf eine Einstweilige Verfügung verhandeln, hieß es am Dienstag beim Conseil d’Etat in Paris.

Frankreich weigert sich seit Anfang Juli, die Kompaktmodelle der A-, B- und CLA-Klasse zuzulassen, die vom Kraftfahrtbundesamt mit dem alten Kältemittel R134a zertifiziert worden waren. Aus Brüssel hatte Paris dafür Rückendeckung bekommen. Aus Sicht von Daimler und der deutschen Behörde haben die Typgenehmigungen europaweit Gültigkeit.

Ein Gericht in Versailles hatte den Zulassungsstopp wegen eines Verfahrensfehlers ausgesetzt. Das Ministerium in Paris kündigte daraufhin sofort eine regelgerechte Umsetzung der Klausel an. Nach ihr kann ein EU-Staat die Zulassung von Fahrzeugen bei Risiken für Sicherheit oder Umwelt für bis zu sechs Monate untersagen. Eine Entscheidung in dem Streit trifft schließlich die EU-Kommission.

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