Zeitmaschine 1936 Peugeot 302 Blog Strubreiter Aerodynamik
Der Tatra 77.
 

Es strömt

Die Aerodynamik im Automobilbau wurde einst (1936) noch sehr plakativ dargestellt.

28.07.2011 Autorevue Magazin

Der folgende Blog ist eine Ergänzung zur Zeitmaschine für das Jahr 1936 – der Peugeot 302.

Als die Autos endlich mit brauchbarer Zuverlässigkeit fuhren, konnten die Konstrukteure ihren Fokus ein wenig verschieben, und die Flugzeugtechnik durfte einsagen. Bessere Aerodynamik versprach weniger Verbrauch und ­weniger Staubverwirbelungen, erst später rückte die höhere Endgeschwindigkeit ins Visier. Da kam die Stromlinie gerade recht, das Auto ein Stück weiter in die Zukunft beschleunigen zu lassen.

Was, wie die meisten Fortschritte, von Gelächter begleitet war: Die ersten Stromlinienautos ernteten hauptsächlich Spott, was heute nicht weiter verwundert. Edmund Rumplers Tropfenwagen von 1921 war ein grandioser Flop, die letzten unverkauften Exemplare brannten mangels Käufer 1925 in Fritz Langs Film „Metropolis“. Immerhin gab’s von Rumpler auch zwei Frontantriebs-LKW für den Ullstein-Verlag, die verbrannten dann bei Bombardements in Kriegstagen.

Der Stromlinie blieb vorerst also das Vorfühlen in den Köpfen, wofür am liebsten Einzelstücke gefertigt wurden. Paul Jarays Audi Typ K war dank Aerodynamik statt 95 nunmehr 130 km/h schnell, auch für den tschechischen Hersteller Wikov entwarf Jaray eine Sportwagen-Karosserie, die Designanleihen bei Zigarren und ­Kanonenrohren genommen hatte. 50 PS reichten für 130 km/h.

Erstmals in Serie kam die Stromlinie 1934 als Chrysler Airflow, in Europa zog Tatra mit dem Modell 77 nach: Mit luftgekühltem V8-Motor im Heck, 5,13 Meter Länge und Stabilisierungsflosse hinten hielt man ihn für einen Vorgriff auf eine Zukunft, die so aber nie kommen sollte: Das Fahrverhalten war so unberechenbar, dass die Nazi-Besatzer ihren Leuten verboten, den Tatra zu fahren. Der Nachfolger Tatra 88 war dann dramatisch leichter (1370 kg statt 1800) und wurde auch in Nachkriegstagen gefertigt, parallel zum kleineren und ebenfalls plakativ aerodynamischen Tatraplan. Mit dem 1953 präsentierten 603 zeichnete die Stromlinie Tatras Design bis zum Erscheinen des kantigen 613, tief in den traurigen Tagen plan­wirtschaftlichen Ignorierens des Weltmarktes.

In Schweden war der Volvo PV 36, im Jahr 1938 vorgestellt, dem Peugeot 302 sehr ähnlich, nur der Motor war größer: 6 Zylinder in Reihe, 3670 ccm, 80 PS, deutlich geringere Verkaufszahlen.Anleihen bei der Stromlinie rundeten auch den ersten Toyota ever: Der AA trug fließende Linien ins Straßenbild Japans, das 50-Jahr-Jubiläum der Marke feierte Toyota 1986 mit einer Replika des Modells.

Besonders in den USA wurden die Autos ab den späten 30er Jahren aerodynamischer, Chryslers Flop ließ die Designer allerdings vorsichtiger zeichnen: Der Lincoln Zephyr, beispielsweise, kommt 1936 mit verkleideten Scheinwerfern, wird in den folgenden Jahren allerdings konventioneller. Nur die Technik nicht, es bleibt beim V12-Motor.

Erst 1949 traute sich Nash als kleinerer Hersteller über die Stromlinie, das Resultat haselte schnell den Spitznamen Bathtub (Badewanne) ab, was einem europäischen Auto erst 1960 passierte: Der Ford Taunus wandte sich mit seiner „Linie der Vernunft“ radikal vom barocken Vorgänger ab.

Aerodynamik wurde damals allerdings noch immer mit bodenständigen Mitteln feingezeichnet, kaum ein Auto stand jemals im Windkanal. Der fand erst später Eingang in den Automobilbau, damals reifte die Erkenntnis, dass nicht alles aerodynamisch perfekt ist, was danach aussieht. Irgendwie wurde das Autodesign danach, sagen wir, weniger überraschend.

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