Journalist
 

Endlich!

Journalisten werden überflüssig.

26.03.2010 Autorevue Magazin

Abgesehen davon, dass wir das vielleicht eh schon längst sind, wird’s jetzt aber wirklich ernst: Das amerikanische Statistikunternehmen StatSheet wird im Sommer ein Programm veröffentlichen, das automatisch Berichte über College-Basketballspiele schreibt. Es bedient sich dazu der Spielstatistiken und einfacher Satzbausteine, die zu ganzen Texten zusammengefügt werden. In einer Ausbaustufe soll dann sogar die Tonalität wählbar sein: zurückhaltend oder enthusiastisch.

Robbie Allen, StatSheet-Gründer, sagt, er will damit nicht Sportreporter ersetzen, sondern lediglich Veranstaltungen covern, zu denen sowieso kein Reporter erscheint. Und überhaupt würde das kaum ein Leser merken, weil die meisten Sportberichte so schlecht geschrieben sind.

Das Eine ist löblich, das Andere stimmt. Wovon Allen aber nichts sagt, ist die spannende langfristige Perspektive: Der Journalist als solcher wird überflüssig.

Das Programm ist in seinen frühen Versionen sicher eine Katastrophe – so wie Übersetzungsprogramme. Aber das wird sich ändern. Es wird Milliarden von Formulierungen geben. Es wird Wiederholungsvermeidungstools geben. Und es wird die Ausweitung auf andere Ressorts geben. Zum Beispiel der Leitartikel und der Kommentar. Der Herausgeber wird Möglichkeiten haben, per Mausklick Tendenz, Schärfe und Anklageintensität des Textes zu bestimmen.

Zunächst. Später wird das System verfeinert, der Herausgeber hinausgegeben. Der Leser bestimmt selbst, wie ein Artikel sein soll. Und das Thema. Etwa so: Ich möchte einen Kommentar übers Rauchen in Lokalen. Lesen, nicht schreiben, versteht sich. Es wird – alles natürlich im Internet – angekreuzelt: Dagegen, dafür, abwägend. Länge 2.000 Anschläge. Fertig in 0,02 Sekunden.

Für den Motorjournalismus brechen überhaupt große Zeiten an. Viel von dem, was wir tun – bzw. bald getan haben werden – basiert ja auf Daten. Aus der Gesamtheit der physikalischen Parameter eines Autos kann der Computer über dieses Auto einen Artikel in einer Präzision und Stimmigkeit schreiben, wie es der Mensch nie hinkriegt.

Und kommt mir nicht mit den persönlichen Fahreindrücken! Die sind ja gerade das Problem. Jeder Mensch tickt anders. Was ich als komfortabel empfinde, davon wird einem anderen schlecht. Was mir gefällt, treibt anderen die Fremdschamröte ins Gesicht. Wo ich, gertenschlank, mich an den großzügigen Raumverhältnissen ergötze, mag ein anderer, dick wie ein Walross, sich eingeengt fühlen. Lauter Gefahren des Missverstandenwerdens.

Ihr seht an diesem Beispiel: Der Journalismus leidet an grundlegenden Systemschwächen, die man nur dann wegkriegt, wenn man ihn abschafft. Das gilt übrigens für die meisten Sachen.

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  • Klaus Christian

    irgendwie erinnert mich das an "die 4 da"
    http://www.youtube.com/watch?v=75SQHIcMB1Q
    ..zeitungen auf knopfdruck.

  • Rainer

    Ansonsten sei gesagt, daß kein Computer, kein Tool oder sonst eine Errfindung der Welt, das Lesevergnügen, welches jeden Monatsanfang via Post zu mir kommt, ersetzen kann.

    Eine Autorevue von Computern erstellt, will ich mir gar nicht vorstellen.
    Ein Herr Waldeck in Bits und Bites, "Aus dem Tagebuch eines Redakteur, in dem über Platinenwechsel philosophiert wird……..ein Verbechen gegen die Menschheit.

  • Rainer

    @ Der Wankelmütige

    Zitat: Deshalb ist die Autorevue für mich das beste Automagazin das ich kenne.

    Hab ich das nicht auch schon beim Möchtegern-Automagazin Alles Auto von dir gelesen? ;-)

  • Also mir verursacht DIESES so genannte Journalistensterben noch keine Bauchschmerzen, wurde es ja schon oft vorausgesagt. Lustig (& konsequent) wird´s erst, wenn Computer Events beobachten, Texte darüber generieren, die Fotos dazu schiessen UND auch der Leser virtuell dargestellt wird. Erst dann können alle zufrieden sein: das Bit/Byte-Imperium hat gewonnen, uns wirklichen Peoples kann das wuscht sein und echte Schreiber können für die übriggebliebenen echten Kerle (und -innen) beruhigt weiterschreiben …

  • Hamma eh keine:)

  • Der war fast mehr als ein Darsteller. Man sagt zum Beispiel: In dieser oder jener Redaktion schaut es aus wie bei Lou Grant. Und nicht: wie in der Sendung namens Lou Grant.

  • Der Wankelmütige

    Solang Computer zu blöd sind sinnerfassend zu lesen und Journalisten gscheit genug sind Artikel zu schreiben die ich gerne lese, mach ich mir um eure Zunft keine Sorgen. Aus einem Datenblatt brauch ich sowieso keine Prosa generiert, ob von einem Computer oder einem Menschen. Der Sinn eines ordentlichen Automagazins ist, mit hohem literarischen Anspruch dem Leser das nahezubringen, was aus Fahrzeugen mehr als die Summe ihrer Einzelteile macht. Deshalb ist die Autorevue für mich das beste Automagazin das ich kenne. Also sehe ich keinen Grund für Weltuntergangsängste.

  • Dimple

    Einerseits: Lou Grant habe ich geliebt
    Andererseits: Einen Journalisten-Darsteller zu einem Artikel über (elektronische) Journalisten-Darsteller abzubilden, finde ich seltsam.

    lg
    Dimple

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