Ein Stall voller Bentleys

… und trotzdem lernen wir, dass wahre Leidenschaft nichts mit Geld zu tun hat. Ein Besuch in der Garage von Bentley-Chef Franz-Josef Paefgen.

25.12.2010 Autorevue Magazin

D as Gebäude, in dem das Gästehaus und die Dienstwohnung des Bentley-Chefs untergebracht sind, heißt The Mews und befindet sich tatsächlich in den ehemaligen Stallungen eines größeren Landsitzes. Man darf sich das jetzt aber in keiner Weise ärmlich vorstellen, auch wurde der ­Geruch von Pferdemist ganz gut weggebracht. Der erste Eindruck ist, nun ja, angemessen: Nach dem schmiedeeisernen Tor eine kurze Zufahrt, die in einem kreisförmigen Abstellplatz mündet, der auch von mehreren Bentleys nicht überfordert ist. Auf der anderen Seite geht es ebenso aus dem Grundstück raus, wohl der allgemeinen Symmetrie wegen. Das flache Backsteingebäude mit den beiden hübschen Türmchen hat nämlich die Form eines U: den rechten Flügel bewohnt Franz-Josef Paefgen, den linken Flügel seine Autos.

Wir sitzen im Innenhof des U auf der Terrasse und warten auf den Chef. Vor uns zwei symmetrisch angeordnete Teiche samt Springbrunnen, dazwischen watschelt ein unglaublich fettes Entenpärchen umher. Dahinter darf der Blick ungefähr bis zum Horizont über englischen Rasen schweifen. Fünf Uhr, es werden Tee und vorzügliche Biscuits gereicht, dann verzieht sich auch noch die letzte Wolke, und du ahnst: Alles wird gut, heute wenigstens.

Der Chef kommt eine halbe Stunde zu früh. Franz-Josef Paefgen führte Bentley ab 2002 aus einer bestenfalls mittelmäßigen jüngeren Geschichte unter Rolls-Royce-Knechtschaft in die lichten Höhen des umsatzstärksten Herstellers im automobilen Oberhaus. Und das war keine mowed meadow, wie man bei uns sagen würde: Damals hätten nur die wenigsten Fachleute darauf gewettet, dass dieses Geschäftsmodell renditeträchtig ist. Abseits von Visionen und Führungsqualitäten ist Franz-Josef Paefgen aber ein mindestens ebenso souveräner Botschafter in Sachen Markenspirit.

Garage Fanz-Josef Paefgen

Im Auftritt vielleicht sogar britischer als mancher Brite, von der lässig dargebrachten Höflichkeit bis zu den etwas zu langen Haaren für diese Management-Ebene. Nur die Vorliebe des Landadels zu leicht verschluderter Kleidung mag Franz-Josef Paefgen nicht teilen.

Das Wichtigste aber, und das hat uns diese Einladung beschert: Unter der weltläufigen Oberfläche eines Managers schlummert ein riesengroßes Herz fürs Altauto-Thema, dreckige Fingernägel und persönliche finanzielle ­Desaster bei Restaurierungen nicht ausgeschlossen.

Aber dazu später, jetzt ist der Bentley-Chef erst einmal in aufgeräumter Stimmung: „Wundervoller Abend für eine Ausfahrt, nicht wahr.“ Also geht es gleich an den linken Flügel, zu den keinesfalls herrschaftlichen Garagen: vier schmale Boxen hinter schlichten Kipptoren, die jeden Siebzigerjahre-Gemeindebau schmücken würden und die bei Bentley-Bestückung eine echte ­Heraus­forderung beim Rangieren darstellen.

Garage Fanz-Josef Paefgen

Die erste Wahl fällt ganz klassisch aus: Wir satteln den 4 1/2-Liter-Tourer aus der selbstbestimmten Ära vor 1931. Paefgens geschmeidige Bewegungsabläufe beim keineswegs unkomplizierten Startritual zeugen von einiger ­Routine. „Wenn ich in England bin, versuche ich bei schönem Wetter abends noch eine kleine Ausfahrt hinzukriegen. Ich bin stolz darauf, mit jedem meiner Autos namhafte Kilometer zu fahren.“

Es sind ausschließlich Genusskilometer, die auf diese Weise passieren, nach dem Motto: „Immer dort abbiegen, wo man nicht weiß, wo es hingeht.“ ­Gerne genommen wird die absolut letzte Kategorie der britischen Landstraße. ­Beschauliches Dahingleiten auf asphaltierten Feldwegen, an beiden Seiten mit Hecken gesäumt, im Fall der Vorkriegsmaschine mit voller Konzentration auf die Technik. Die Zündung nachregulieren, den Motor am Laufen halten,
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leise Flüche, wenn der Gangwechsel nicht ganz geräuschfrei geklappt hat. Der ­4 1/2-Liter ist in den engen Gassen ein schönes Stück Arbeit.

Garage Fanz-Josef Paefgen

Nach der Rückkehr fällt auf: Drei der vier Chromjuwelen sind Cabriolets, und das ist selbstverständlich kein Zufall. „Wenn du abends keine Fliegen zwischen den Zähnen hast, bist du ein armer Hund“, meint der Bentley-Chef, und heute Abend wird er kein armer Hund sein.

Die Ausnahme der Regel stellt ein S2 Continental Coupé von Mulliner, ein hocheleganter Würdenträger, der schon in den Siebzigern Kultcharakter hatte (Jason King fuhr so was als Dienstwagen, falls das noch jemandem etwas sagt), mehr Staatskarosse für Selberfahrer als Sportwagen.

Der Alfa Romeo 2600 Spider mit Touring-Karosserie gleich daneben ­beweist, dass Franz-Josef Paefgen auch gerne bereit ist, über den Tellerrand des Bentley-Seins hinauszublicken. Daheim in Ingolstadt gibt es noch mehr Hinweise in diese Richtung, etwa einen Lamborghini 400 GT, „den hab’ ich sozusagen als Andenken an meine Lamborghini-Zeit gekauft“.

Der 400 GT ist auch schuld daran, dass der Infekt der frühen Jugend wieder ausbrach. Über Jahrzehnte schaffte es Franz-Josef Paefgen nämlich ganz gut, sich von alten Autos fernzuhalten, obwohl es ihm quasi in die Wiege ­gelegt wurde. Seine Eltern betrieben eine freie Werkstätte in einer Kleinstadt im Rheinland, wo Autos aller Marken kamen und gingen. „Ich bin sozusagen in der Ölgrube groß geworden. “ Und eigentlich hätte er den Betrieb übernehmen sollen, aber die Mutter bestand darauf, dass was Besseres aus dem Jungen werden solle.

„Ich habe mit 14 die Entscheidung getroffen, Automobil-­Ingenieur zu werden, und das danach eigentlich nie wieder hinterfragt.“ Trotz Studiums und eines pragmatischen Käfers kam immer wieder die frühe ­Prägung durch. Etwa in Form eines Glas 1304 TS, „damals die meisten km/h Spitze pro Mark“, der allerdings bald an einem Motorschaden verschied. Kurze Zeit war der Student dann Mitarbeiter eines Rennstalls, der einen BMW 700 CS einsetzte. „Ich bin aber aus Kostengründen kaum selber gefahren. Das war auch besser so, denn wahrscheinlich hätte ich nicht lange überlebt. ­Meine Entschlossenheit war damals riesengroß.“

Das Ende der Exoten-Frühphase leitete ein chronisch schwächelnder Daimler 250 ein, der am Ende über einen eigenhändig überholten V8 (vor der Reparatur musste in der Garage erst eine Grube gegraben werden, ebenfalls eigenhändig), BMW-Getriebe und Alfa-Kupplung verfügte und noch immer ein Sorgenbringer erster Ordnung war. „Damals lernte ich, dass man solche Autos nur wirklich genießen kann, wenn man höchstens 50 Prozent der zu Verfügung stehenden Summe in den Kaufpreis steckt“, für Paefgen noch heute die goldene Regel im Umgang mit Oldtimern.

Die leidvolle Daimler-Erfahrung schaffte es über Jahrzehnte, den Kindheits-Infekt zu unterdrücken. „Ich hatte regelrecht Angst davor, dass wieder ein altes Auto ins Haus kam. Angst vor den Problemen, Angst vor nicht überschaubaren Kosten. Angst, nicht das notwendige Netzwerk zu besitzen.“

Es dauerte Jahrzehnte, bis diese Eiszeit beendet war. Den Anfang machte der Besuch von hochklassigen Veranstaltungen, aber auch der Umgang mit den firmeneigenen Oldtimern während seiner Zeit als Audi-Entwicklungschef und später als Vorstandsvorsitzender. Die Schlussabnahme von restaurierten Fahrzeugen blieb stets Chefsache, und Paefgen war es auch, unter dessen ­Leitung das tolle Audi-Museum eröffnet wurde.

Was ihn seit der Initialzündung durch den Lamborghini zu seinen Autos führt? „Vor allem die Ästhetik des Designs. Ich kann Stunden in der Garage verbringen und mir ein Auto ansehen.“ Und natürlich geht es auch bei ihm um das Aufarbeiten von Jugend­träumen. Jeder hat so seine Lebensphase, in der er sozialisiert wurde. Die Ideale von damals, die Bilder, den Musikgeschmack, kriegst du nie mehr aus dem Kopf. Bei Franz-Josef Paefgen waren das die späten Fünfziger und Sechzigerjahre. So sind zehn Le-Mans-Siege (neun von Audi, einer von Bentley) ein kleines bisschen auf ein Rennplakat aus dem Jahr 1968 zurückzuführen.

Der Student war damals mit einem Freund in der Gegend von Le Mans auf Urlaub – zufällig, wie er sagt. Erst durch das Plakat sei man auf das Rennen aufmerksam geworden. Man kaufte Brot, ein wenig Gänseleberpastete und Chablis, machte es sich auf Strohballen bei Maison Blanche gemütlich – und kam auch in den folgenden Jahren der wilden Kämpfe zwischen Porsche und Ford immer wieder. Als Audi-Chef zog Paefgen dann das Sport-Engagement aus der STW ab und setzte alle Jetons auf Le Mans.

Bei Sportwagen bedeuten die Jugenderinnerungen: Bei allem, was eleganten Auftritt und fließende Linien mit anspruchsvoller Technik verbindet, wird es brandgefährlich. „Außerdem habe ich eine große Schwäche für Autos, die ein wenig neben dem Mainstream liegen.“

All dies trifft auf den großen Alfa Spider zu. Deshalb war der auch ein ­Affektkauf, den sich Paefgen mehr oder weniger im Vorbeifahren eingehandelt hat. „Im Grunde ist es furchtbar, weil es immer nach dem gleichen ­Schema abläuft. Zuerst verliebe ich mich spontan, dann kann ich nicht ruhen, bis die letzte Schwachstelle beseitigt ist. Und wenn endlich alles perfekt ist, bringe ich es nicht übers Herz, das Auto zu verkaufen.“

Ganz besonders trifft das auf den derzeitigen Favoriten zu: Ein elegantes und maximal seltenes (weil als Rechtslenker ein Einzelstück) Bentley S1 ­Cabriolet vom Schweizer Karossier Graber. Eigentlich hatte er für dieses Auto nur spaßeshalber ein viel zu niedriges Angebot abgegeben, erhielt dann aber doch den Zuschlag. Und weil das Auto in seiner Formgebung so makellos war, sollte es auch in einen ebensolchen Zustand versetzt werden – dies geriet zu einer dreijährigen Osterpassion. „Mit einem stumpfen Lack oder leichten ­Rissen im Leder kann ich ja noch leben, aber ein kratzendes Getriebe oder ein kraftloser Motor gehen bei mir gar nicht. Mich stört es enorm, wenn die Schönheit der Karosserie durch drastische technische Unstimmigkeit gestört wird.“

Der Bentley-Chef ist kein purer Sammlertyp, seine Autos müssen fahren und funktionieren. Punkt, aus. Deshalb lautet auch der Maßstab jeder ­Restaurierung: „Kann ich mich jederzeit reinsetzen und damit nach Italien fahren?“ Überdies hat sich Franz-Josef Paefgen ganz offensichtlich eine geradezu kindliche Freude an schönen und originellen Details erhalten. Die Erklärung der Vorzüge des Bentley-Reihensechszylinders gegenüber den ersten V8 gerät opulent, große Verve erleben wir auch bei der Vorführung der Lichthupenbetätigung am Lenkradkranz im Alfa oder bei der Demonstration der Blinker-Rückstellung per eingebauter Eieruhr im Graber-Cabrio.

Wir ahnen es, Franz-Josef Paefgen ist ein in der Wolle gefärbter Car-Guy, der auch in den lichten Höhen seiner Lebenssituation glaubwürdig die ­Lauterkeit seiner Leidenschaft vermittelt: „ Das Schöne ist eben, dass Spaß an Oldtimern völlig unabhängig vom Preis ist. Geld erhöht nur die Möglichkeiten, wenn es zum dominierenden Faktor wird, geht das Hobby dahin.“ Und weil das der Bentley-Chef nicht nur so dahinsagt, ist es eine mehr als tröstliche Nachricht.

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