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Scharfer Cocktail

Die Anhebung des Ethanolgehalts im Benzin macht das Leben mit alten Autos nicht einfacher – aber nicht unmöglich.

03.10.2012 Autorevue Magazin

Im Bemühen, die Abhängigkeit von Erdöl zu verringern, hat die EU schon vor vielen Jahren beschlossen, dass dem Benzin zunehmend Ethanol, also Alkohol nachwachsenden Ursprungs, beigemischt werden muss. Dass dies auch der Landwirtschaft hilft, Überschüsse leichter zu vermarkten, ist ein nicht ungewollter Nebeneffekt. ­Außerdem trägt diese Maßnahme dazu bei, die CO2-Bilanz zu verbessern. Demgemäß enthält mittlerweile jeder Liter Benzin an der Tankstelle fünf Prozent Ethanol (E5). Bei einem so niedrigen Beimischungsgrad wirken sich weder Vor- noch Nachteile des biogenen Anteils signifikant aus. Kritischer wird die Situation, wenn demnächst diese Beimischung auf zehn Prozent angehoben werden soll. Dann ist bereits mit erheblichen negativen Auswirkungen auf die ­Lebensdauer des Antriebs zu rechnen, je älter das Fahrzeug, umso eher. Also ein besonders heikles Thema bei Oldtimern.

Ganz so flott, wie von höchster politischer Ebene erwünscht, dürfte die Einführung von E10 nun aber doch nicht gehen. Laut ÖAMTC wird E10 derzeit nur in Frankreich flächendeckend angeboten. In Deutschland erwies sich die Einführung als Total-Flop. Die Unsicherheit, einen Motorschaden zu erleiden und auf den Folgekosten sitzen zu bleiben, schreckte die Kundschaft nachhaltig ab. Ein zweiter Anlauf ist im Gang. Für Österreich ist die Einführung von E10 gegen Jahresende geplant. Mittlerweile gibt es immerhin umfassende Listen der Hersteller, bei welchen Fahrzeuge E10 bedenkenlos getankt werden kann (z. B. BMW ab 1990, bei VW gibt es bis 2006 Modelle, die nicht E10-tauglich sind, bei Toyota vertragen die meisten ­Modelle ab 1998 E10, einzelne sind aber bis Modelljahr 2008 nicht E10-tauglich. In jedem Fall raten wir, die Auskunft direkt beim Hersteller einzuholen.)

Wichtiger als die Frage, ob ein altes Auto den hohen Ethanolanteil von 10 Prozent verträgt, ist wohl die Antwort darauf, wie lange es daneben herkömmliches Benzin überhaupt noch geben wird. Denn anders als beim fehlenden Blei im Benzin, das durch ein Additiv ersetzt werden kann, kann man den Ethanol- also Alkoholanteil nicht nachträglich aus dem Benzin nehmen oder durch einen Zusatz unschädlich machen. Der ÖAMTC hält es mit der Statistik und fordert noch acht Jahre herkömmliches Super- und Super-Plus-Benzin E5 an der Zapfsäule – aber für den langfristigen Betrieb eines alten Autos ist das wohl auch keine Lösung.

Auch wenn die Hersteller kein Interesse an Tests in Sachen E-10-Tauglichkeit haben (schon alleine, weil ein Teil der Werkstoffe nicht mehr verwendet wird), wird die E10-Einführung nicht das Ende der Oldtimer-Szene bedeuten, denn einerseits verbietet niemand den Mineralölfirmen, weiterhin Benzin mit niedrigem Ethanolgehalt herzustellen und zu vertreiben (es wäre bloß ein zusätzlicher Aufwand). Andererseits ist der Betrieb eines alten Autos unter Beachtung einiger Punkte auch mit höherem Ethanolanteil durchaus möglich. Die Vorsichtsmaßnahmen gelten übrigens schon jetzt bei 5 Prozent Ethanol im Sprit. Deshalb zum Schluss die gute Nachricht: Im schlimmsten Fall werden wir einfach ein bissl mehr schrauben und pflegen müssen.

Preis:
E10 ist in Deutschland zwischen drei und acht Cent/Liter billiger als herkömmliches Benzin, nicht viel anders wird es in Österreich sein. Der Mehrverbrauch bei höherem Ethanolanteil durch dessen geringeren Energieinhalt beläuft sich auf 1,5 Prozent. Ein eventueller Kostenvorteil kann also kein Anreiz sein, einen Motorschaden zu riskieren.

Alkohol im Benzin:
Durch die Sauerstoffhältigkeit des Alkohols (OH-Gruppe) wird Benzin hygroskopisch, zieht also Wasser an – das ist nicht nur im Tank äußerst unerwünscht.

Benzin chemisch:
Besteht aus etwa 200 verschiedenen Kohlenwasserstoffen mit vier bis elf Kohlenstoffatomen, dazu kommen sauerstoffhältige Komponenten zur Erhöhung der Klopffestigkeit und Verringerung der Erdölabhängigkeit. Plus: herstellerspezifische Additive.

Wo es wirklich eng wird
Bei Baujahren vor 1955 ist die Verwendung von E10 aufgrund der verwendeten Materialien nicht zu empfehlen.

Grundsätzlich:
Immer den Kraftstoff mit geringstmöglichem Ethanolgehalt tanken.

Tank:
Bei längeren Stehzeiten Tank immer ganz vollfüllen, um Sauerstoff und Wasserdampf keinen Spielraum zu lassen.

Gummi und Kunststoff:

Bei nicht­metallischen Werkstoffen ist die Mischung aus Ethanol und Wasserdampf besonders kritisch. Vor allem die empfindlichen Fluorelastomere wurden früher häufig im Bereich des Zylinderkopfs verbaut. Auch Nylon, Polyester, unlegierte Elastomere (Gummi) und Epoxyharze sind gefährdet. ­Gegenmaßnahme: Motor rasch warmfahren, wenn geht keine Kurzstrecke.

Kraftstoffversorgung:
Bei Kraftstoffpumpe, Leitungen, Filter muss von verkürzter Lebensdauer ausgegangen werden, wenngleich diese Teile weniger unter Ethanol leiden, da hier der negative Einfluss des Wasserdampfs weitgehend wegfällt. Häufige Kontrolle ist trotzdem ratsam, da etwa die Eigenschaft von Ethanol als Lösungsmittel zur Ablösung alter Ablagerungen führen kann und in der Folge zu verlegten Filtern.

Korrosion:
Alkohol führt zu erhöhter Korrosionsneigung der Metalle, die mit dem Kraftstoff in Kontakt kommen. Je unedler ein Metall, umso gefährlicher wird es, am schlimmsten ist dieser Effekt also bei Aluminium und Magnesium. Was die Einschätzung von Eigenschaften kompliziert macht: Kaum ein Werkstoff wird rein verwendet, und Legierungen sind noch schwieriger zu bewerten.

Hohe Siedetemperatur:
Erlaubt zwar einen ­früheren Zündwinkel und geringere Gemischanfettung bei Volllast, führt aber tendenziell zu Ölverdünnung und problematischem ­Kaltstartverhalten im Winter.

Motoröl:
Auch hier ist Wasserdampf ein Störfaktor, dem mit wenig ­Kurzstrecke und häufigen Ölwechseln entgegen­getreten werden kann, insbesondere vor (!) langen Standzeiten.

Höhere Klopffestigkeit:
Ethanol erhöht die Klopffestigkeit, was eine höhere Verdichtung erlaubt, die wiederum den spezifischen Wirkungsgrad des Motors verbessert. Aber nur, wenn der Motor auch darauf ausgelegt wurde.

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