Metro-Sex in Gneixendorf

Gelebte Beschleunigung: Jedem sein Kavalierstart, legal, publikumsnah und zeitgenommen. Gratiszugabe: Einblick in das aktuell jugendmodische Szenario „Südliches Waldviertel“.

22.12.2010 Autorevue Magazin

Die Lichterkette der Startampel machte sich auf ihren Weg nach unten: Blink. Blink! Blink!! Blink!!! Wir Akzeleranten nennen das den Christmastree wegen der vielen Lichter. Ich wartete fingertrommelnd, was danach kommen würde. Hm, was ist das eigentlich? Ein Knopf in der Wurzelholz-Konsole, den ich noch nicht kannte.Wie in der Schießbude getroffen, sacken die hinteren Kopfstützen nach unten.Dann probierte ich ein paar Sender aus, blieb aber doch bei Radio Niederösterreich hängen. Danach fand ich, es wäre wohl ein passendes Zugeständnis an den Geist der Veranstaltung, die Klimaanlage auszuschalten und das Comfort-Programm zugunsten der Position S zu canceln.

Dezent gehaltener Aufkleber für ein Produkt, das möglicherweise im Fahrwerksbereich angesiedelt ist.

Dragster Dragracing Gneixendorf Waldviertel

Dann stellte ich den Fahrersitz auf „Schnelle Massage“ und sah einmal nach, was es denn bei der Lichterkette Neues gibt. Aha, grün. GRÜN!!! Mit aller gebotenen Kraft und Reaktionsschnelligkeit trat ich auf das Gaspedal, gnadenloses PEDAL TO THE METAL, der Wagen quietschte kurz an, raffte sich im DSC-Programm zurecht, um dann aufbrausend gen Horizont zu stürmen. Ich ließ das Fenster hochfahren, weil der Wind unangenehm zu werden begann, und untersuchte meine Fingernägel, die deutlich Politur vertrugen.

Ich meine, das hier war schließlich Gneixendorf, und wenn ich auch bisher die aufregendsten Trends verpasst hatte, so konnte das noch lange nicht bedeuten, dass ich mich so gehen lassen durfte. Zum Glück hatte Viktoriya ihre russische Dior-Brille in der Ablage vergessen. So konnte ich wenigstens hier Terrain wettmachen. Leute winkten mit karierten Fahnen, die Navigationselektronik wiederholte „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, aber zur Sicherheit ergründete ich noch das Ende des 904 Meter langen Flugfeldes, ob es hier vielleicht eine VIP-Ausfahrt gäbe. War aber nicht.

Dragracing für Anfänger. Immer gut, wenn alles seinen Namen hat. Auch das Ampelwerk schafft Klarheit. Profis haben Reaktionszeiten um 0,03 Sek.

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Flugplatz Gneixendorf bei Krems, oder besser doch: Airfield-Race, das dritte. Eine Veranstaltung höchsten Grades, sehen und gesehen werden, jeder kann mitmachen, Golf, Cupra oder Suzuki Swift. Hohes CRX-Aufkommen. Top-Guns: Audi A3, ein alter MTM-Passat,Opel Calibra, Toyota Supra, zwei Pontiacs und ein originaler Werks-Quattro,mit dem Michelle Mouton 1981 San Remo gewonnen hatte, worauf Hannu Mikkola in der nächsten Saison damit Dritter in Finnland wurde. Nämlich lautete die immanente Botschaft: Kommt mit allem, was sich aus dem Stand wegbeschleunigen lässt, um 25 Euro seid ihr dabei, nach zwei unverbindlichen Trainings- und zwei Hauptläufen mit Zeitnehmung kennt ihr euren Status in der Gesellschaft.

Mit dabei: ein Tuffa-Tuffa-Zelt für den HiFi-Soundwettbewerb, viele bunte Fallschirmspringer, das große KITT-Treffen (auch zwei sind schon Plural) und die echte Dragster-Show aus Deutschland, Staatsmeister immerhin, 1500 und 2000 PS in Sound und Action.

Pokale satt und gut bewacht. Man musste sich schon ziemlich ungeschickt anstellen, um hier eine Trophäe zu verpassen. Oder jemand musste unglücklich durch die Zeitnehmung latschen, wie in meinem Fall.

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Plus zwei Mann Motorrad-Stunttruppe DIE VIECHER, die den Sprung von lässig zu schlecht gekleidet mühelos exerzierten. Ihr Thema des Nachmittags: „Das Wheelie in seinen mannigfaltigen Darstellungsformen“. Wow.Und ich mittendrin mit sage und schreibe. Und da lag auch schon der erste Fehler: Der CL 65 AMG, eine Art Arbeitsüberschuss, den ich mir übers Wochenende mit nach Hause genommen hatte, bot in Wirklichkeit 612 PS statt der von mir bescheiden angegebenen 517 So viel sollten reichen, dachte ich, für meine Pokalesammlung. Doch tags danach musste ich auf www.airfieldrace.at mit Bestürzung feststellen, dass mich eine Viper R/T10 auf Rang zwei verwiesen hatte. Man hatte mir eine Startreaktionszeit von 4.950 Sekunden, also gut fünf Sekunden, zugemessen. Alles nur wegen Radio Niederösterreich und Sitzmassage?

Zwischen Vorstart und Wheelie-Zone. Der Golf hat Heckantrieb, wie man sich unschwer vorstellen kann. Hinter mir brodelt die Meute der Corvettes und Pontiacs im Rückspiegel, doch neben mir muss ein armer Golf antreten. Da fehlte das Drama.

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Ich sandte ein freundliches, aber selbstgerechtes Mail an die Veranstalter, die mich freundlich, aber ratlos an die Zeitnehmung verwiesen. Doch im Grunde geht es nicht um simple Kompetition, sondern um landjugendliches Dabeisein in aktueller Daseinsform, die vorderhand eine supramodische ist.Mit Bestürzung sah ich, dass aktuell Turbo-Bräune getragen wird zu weißen Strickwesten, Louis-Vuitton-Kappe zur Dior-Brille, und die schwarz nachgeschärfte Braue führt den filigranen Designerbart thematisch nach oben und interpretiert ihn weiter zu einem dreistufigen Katarakt-Haarschnitt mit Gel-Verglänzung.Das traut sich kein Beckham.Die Mädchen mussten sich richtig anstrengen, hier noch mitzuhalten.

Liebe Burschen, lieber Markus Kouba, leider habe ich vergessen, eure Nummer 67 zur Wahl des schönsten Fahrzeuges abzugeben. Euer Heustadelfund-VW-Bus ’65 mit Rauchfang war ein Wunder regenerativer Technik, ein der organischen Zersetzung entrissenes Naturschauspiel, das die mitgeführte Nebelmaschine mit jenem entrückten Zauber verhüllte, wie ihn Waldviertler Moore in gewissen Vollmondnächten verbreiten.

Organisator Philipp Malek mit seiner „lieben Assistentin“ lieferte eine sympathische Veranstaltung, aber an der dramaturgischen Zuspitzung wäre noch zu feilen.

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Rust never sleeps!

Herr und Frau Obstmayer gefielen durch ihren liebevollen Umgang miteinander und mit der auf Buell-Technik aufgebauten Drag-Spezial-Anfertigung. „Fünfundneunzig Prozent Eigenbau“, sagt Herr Obstmayer über die Blues-Machine, während er zärtlich die belederte Schulter seiner zarten Frau drückt, die sich elegant über das Gouvernal streckt, „aber heuer sind wir nur mit einer Maschine da, weil ich meine gerade neu aufbaue. Meistens findet man uns auf dem Raba-Ring oder auf dem Meidl-Airport in Fertöszentmiklós, wo es immer wieder Drag-Veranstaltungen gibt.“ Gaby Obstmayer, Dritte in der Ungarischen Meisterschaft, ist Allgemeinmechanikerin, ihr Mann Justus, ehemaliger Speedway-Crack, arbeitet in einer Langenzersdorfer Autowerkstätte.

In der Nennung haben sie unter der Rubrik Motorleistung „zu wenig“ angegeben, was den achten Platz in der offenen Klasse Spezialmotorräder erklärt, die von Rudolf Berghamer auf einer Honda CBR 1000 mit 175 PS gewonnen wurde. Tagesschnellster war aber Günter Hromek auf einer 186-PS-Kawasaki. Er erreichte eine Endgeschwindigkeit von 230 km/h, exakt wie Lukas Schossmann auf einer Kawasaki ZX10R.

Herr und Frau Obstmayer sind erfahrene Drag-Biker und halten vorderste Ränge in der ungarischen Szene. Hier und heute ging es mehr um die Schönheit.

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Liebling der Massen: Ein in Deutschland aufgebautes, dort aber nicht zugelassenes Golf-1-Gehäuse, in dessen Wagenmitte ein massiver 2,8-l-BMW-Turbomotor befestigt wurde, gut für 350 PS, die im Stil thailändischer Fischerboote direkt zur starren Hinterachse aus einem alten 3,5-Tonnen-Lkw geführt werden.Die breiten Slicks nehmen das Drehmoment mühelos auf, abgesehen vom unfreiwilligen Hoppeleffekt, der durch eine entsprechende Fahrwerksdämpfung gewiss unter Kontrolle gebracht werden kann. Für nächstes Jahr verspricht Dietmar Auer höhere Motorleistung.

Ein kurzer Abstecher in das Schallzelt zeigt einen gelben Panda-Kastenwagen, der sich gerade anschickt, aus dem Zelt zu rollen kraft seiner schieren Schallwellenbrandung aus den basstrommelgroßen Lautsprechern mit Hubbewegungen wie Blasebälge. Beherzte Burschen springen herbei, um das Schlimmste zu verhüten. 164,2 Dezibel zeigt der Monitor der Juroren. Der Tag verspricht noch lange zu werden, schließlich wird jeder Wasserfleck, jede Ölspur säuberlich weggeputzt, zur Not auch mit dem Sweater eines Gönners, denn die Show muss weitergehen, wenn auch zäh. Publikum noch stundenlang … Rührend, wie sich die jungen Leute noch den zwölften Golf, den fünfzehnten Civic gaben, wie sie sich aus der Startposition mühten. Keine Zeitdurchgabe, kein Kurvenkampf, wenig direkte Konkurrenz – es herrschte die absolute Minimalanforderung an den Motorsport, doch den Leuten war’s genug.

Studienprogramm als Pausenfüller: Das Wheelie in sämtlichen Varianten und Ausformungen. Man musste sich fragen, ob Motorräder nicht grundsätzlich falsch konzipiert sind, etwa mit einem Rad zuviel.

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Um die Sache nicht weiter durch unnötiges Starten zu verzögern, verzichte ich auf den zweiten Durchgang und trolle mich gemächlich hinaus in den späten Nachmittag. Wie Konfetti wehen die Startnummern durch die offenen Fenster ins Freie, und ich beschleunige noch einmal so richtig durch, abgewinkt von der nächsten Polizeikontrolle. Diesmal stimmte leider die Zeitnehmung. Nachtrag: Ing. Gerald Freudenthaller sen., Obmann des ÖAMTC ZV Mistelbach und mit der offiziellen Zeitnehmung des AirfieldRace betraut, hat in einem umfangreichen Schreiben samt Klarlegung des aufwändigen Messverfahrens verdeutlicht, dass der Zeitfehler nur unter äußeren Einwirkungen entstanden sein kann – etwa insofern, als jemand Sekunden nach meinem Start die Startlinie überschritten haben muss, was eine Überschreibung der Originalzeit zur Folge hat.Danke. Krieg ich jetzt 25 Euro zurück?

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