Kommentar David Staretz Autoindustrie Entwicklung Sportwagen Autos
 

Rechtzeitig gegendenken

Die Unschuld der Autoindustrie geht verloren. Alles wird stärker, alles teurer, alles komplizierter. Sind wir überhaupt noch dabei?

27.07.2012 Autorevue Magazin

Was heißt hier Unschuld der Autoindustrie? Hat es doch nie wirklich gegeben. Unschuld liegt wohl eher bei denen, die noch an deren Möglichkeit glauben, also eher bei uns. Sind wir jetzt hoffnungslos naiv?

Tatsache ist: Die Autoindustrie will Geld verdienen, sie ist kein Kulturinstitut. Hält sich aber bisweilen für so etwas Ähnliches. Hersteller offensiv teurer Sport-, Supersport- und Supersonst­geräte belehren uns mit Werten, mit Traditionen und Emotionalitäten, sie produzieren Instant-Legenden wie Kinderkakao, aber irgendwie kommen keine RICHTIGEN Autos mehr heraus; vieles, was auf der Emo-Schiene auf uns zurollt, scheint von den Market-­Research- und Marketingagenturen gleich mitkonstruiert worden zu sein. Plakativ peinlichstes Beispiel: der New new Beetle. Die Parodie einer Parodie. Ich meine – geht’s noch?

Oft befällt uns das Gefühl, in einer vorgeschobenen Welt aus unablässig recyceltem Kunststoff zu leben, die sich andere ausgedacht und mit viel Werbematerial und Handytariftamtam für uns erstrebenswert gemacht haben. Viele praktische, sportliche, sichere Autos wirken wie Werbespots für praktische, sportliche, sichere Autos. Sie wirken dabei so unbeholfen wie ein Jugendstilbett von Ikea. Sehen wir aber plötzlich Filme mit Steve McQueen, so treffen die uns noch unmittelbarer als die heutige Formel 1. Manchmal geht uns ein Licht auf: Das war echt!

 

SLS AMG Mercedes BEnz Autoindustrie Entwicklung

 

Der erste Anblick des Mercedes SLS AMG auf der IAA 2009 war mir eine unvergessliche Enttäuschung. Gemessen am vielbeschworenen Original aus den fünfziger Jahren, wirkt er wie eine Nachbildung mit Klötzen aus dem Nuller-Matadorbaukasten. Wer einen aktuellen Porsche 911 Carrera (allein diese kaltblütige Abfackelung eines gesegneten Namens!) neben einem Original aus den sechziger Jahren stehen sieht, fühlt Tränen in den Augen. Und noch kein Wort von Panamera und Cayenne.

Hersteller, die den Rand nicht vollkriegen, gebärden sich, als hätten sie mit der Zukunft abgeschlossen: Wir setzen den Karren mit Vollgas in den Sand. Eine Weile geht’s noch.

Selbst das, was man uns als Umweltfürsorge verkauft, all die aufwendigen und letztlich undurchschaubar, unantastbar komplizierten Hybridsysteme, haben überhaupt nichts mit echtem Einsparen zu tun. Die weichen keinen Millimeter zurück. Es gibt nur ganz wenige Beispiele an Autos, die kleiner als ihr Vorgänger sind, etwa Mazda 2 oder Peugeot 208.

Das Bild, das uns die Autoindustrie als Entsprechung der ­Gesellschaft und des Marktwillens vorzeichnet, macht uns zu Mitschuldigen. Wir können noch eine Weile so tun, als wären wir ­Opfer dieser Entwicklung – dass wir übergroße, elektronikvernetzte und eher unschöne Autos mit detailarmen Karosserien eben kaufen müssen, weil sonst keine da sind. Und dann das Menetekel Sicherheit. Das absolute Killerargument, mit dem man uns alles reindrücken kann; der kleinste gemeinsame Nenner, über den wir auf Gedeih und Verderb verbunden sind mit den Herstellern. Oder wollt ihr wohl nicht an das Wohl der Gesellschaft, eurer Kinder, der Familien, an die Bundesgesundheitskosten denken?

Ein BMW X6 M Performance. Unglaubliche Ingenieursleistung. Wie man der Physik einen Zielkonflikt nach dem anderen abringen konnte und aus einem massigen Monolithen einen rennmäßig leichtfüßigen, über alle Gegebenheiten erhabenen Alleskönner mit weltbeherrschender Motorleistung machte, das ist große Klasse. Jedes Detail ist schlüssig, das Zusammenspiel aller Parameter grandios. Trotzdem ist dies nicht das Auto, hinter dessen Lenkrad wir der Zukunft ins Auge schauen wollen.

Wo wir doch ohnehin nichts mehr zu melden haben. Volvo ließ gerade den ersten elektronisch gekoppelten Konvoi erfolgreich über Spaniens Autobahn fahren im Zuge eines von der EU geförderten Mobilitätsprojektes namens SARTRE. Ziel: Der aktuelle Vordermann lenkt, der Rest liest Zeitung oder versinkt im Internet.

Zurück zum Kernthema: Die Autoindustrie schafft Autos wie den BMW 5er GT, die so konzeptionell sind, dass man nicht weiß, wie sie eigentlich wirklich aussehen. Man muss sich mit durchdachten Mobilitätskonzepten auseinandersetzen, um sich dann möglicherweise mit Wolfgang Joop in einer Zielgruppe zu finden.

Nach oben hin wird alles kompliziert, doch unten zu, wo die echten Herausforderungen und die junge Einsteigerkundschaft warten, traut sich keiner was. Einfache, billige Blechautos würden an NCAP-Tests scheitern, große Entrüstung würde sie vollends vernichten. Wir sind alle präsumtive Unfalllenker, das müssen wir uns genauso gefallen lassen wie den stillen Verdacht des Ladendiebstahls, dem wir ausgesetzt sind, sobald wir einen Sensorbügel passieren müssen.

Würden wir uns heute als Jugendliche noch so für Autos begeistern wie damals im Prä-Golf, als fahrbarer Schrott größte Faszination ausübte? Liegen heute Schönheit, Wahrhaftigkeit und wahre Leidenschaft im Restaurieren, Pflegen und Fahren von Classic Cars und Oldtimern? Für viele gewiss. Doch sobald der erste feuchte Modergeruch hinter grindigen Fußmatten aufsteigt, der Schraubenzieher im rostigen Holm verschwindet, mag man sich wieder nach einem modernen Opel GT sehnen, nach einem Honda S2000 (hoppla, den gibt es ja auch nicht mehr) oder wenigstens nach einem Mazda MX-5 oder Subaru BRZ/Toyota GT 86. Immerhin.

 

Autoindustrie Entwicklung Toyota GT 86

 

Symptomatisch für ein neues Aufbegehren gegen zu viel Marketinggelenktes, zu viel Bevormundung, zu viel Weltverbesserungstechnik und zu viel Elektronik sind Low-Key-Veranstaltungen, wie sie die Autorevue schon längst vorexerziert hat mit dem Spaßrennen WINTERHEIZEN 2006 ff., oder wie es jetzt so gelungen ablief beim Schrottauto-Marathon „24 Stunden Nordring“, nachzulesen ab Seite 102 in diesem Heft. Neuer Spaß mit altem Schrott.

Dass wir auch den neuen Maseratis, Bugattis, Camaros und SLK 55 AMGs trotz aller notwendigen Grundsatz-Kritik immer noch mit Freude und Begeisterung begegnen können, dafür ist ebenfalls dieses Heft ein schlagender Beweis. Aber die Zeiten, als man ­Größer, Teurer, Stärker als nicht weiter hinterfragten Überlegenheitsbeweis abfeiern konnte, sind garantiert vorbei.

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