Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
Doch, Auto wurde auch gefahren.
 

Die schönste Nebensache

Wenn Favoriten stürzen, Helden sich zum letzten Gefecht begeben und Außenseiter siegen, interessiert das 220.000 Zuschauer eher nebenher.

22.12.2010 Online Redaktion

Am Ende wird er sich in seinen Helm übergeben. Später. Jetzt sitzt Konrad Fuchsberger noch im Mannschaftszelt und spielt mit seinem Handy. Lässt es aufrecht auf dem kleinen Finger der rechten Hand liegen und flippert es mit Daumen und Zeigefinger hin und her. Die linke Hand spielt am Reißverschluss seiner Jacke. In der Nacht ist es recht frisch und der weiße Rennoverall allein nicht warm genug. Konrad ringt sich ein gequältes, nervöses, unrasiertes Lächeln ab, während er mit einem Freund scherzt: „Die Nordschleife kenne ich nur von der XBox.“

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Dabei ist das gar kein Scherz. In zwanzig Minuten muss er raus auf die Strecke, den ersten Nachteinsatz seines ¬Lebens im ersten Autorennen seines Lebens fahren. Eineinhalb Stunden lang darf er sich nicht vom Feuerwerk der Fans neben der Strecke ablenken lassen. Er wird von Porsche rasiert werden. Die Corvette und die Viper werden allein durch den Sound seine Scheiben erzittern lassen. Audi R8 und BMW M3 GT2 werden ein Lichthupen-Sperrfeuer auf ihn richten, während sie links und rechts an ihm vorbeischießen. Die grüne Hölle wird immer wieder ihr Maul aufreißen und nach Konrads BMW M3 E46 schnappen. Doch am Ende geht alles gut. Gegen 2 Uhr nachts kommt er unfallfrei in die Box. Dann kotzt er, vor Aufregung. Und Anstrengung. In den Helm. Auf die Armaturen. Den Sitz. Nürburgring bei Nacht, das kann ¬einen Mann brechen.

Er ist der Jüngste im einzigen rein österreichischen Team auf dem Nürburgring. Sein Vater Günther Spindler will mit 67 Jahren hier sein letztes Rennen fahren. Zusammen mit Konrad Fuchsberger und Schwiegersohn Kurt Fournier – ein Familienausflug also. Richard Purtscher, der Vorsitzende des Porsche Club Wien, vervollständigt das Fahrerquartett und stellt seinen M3 zur Verfügung.

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Die letzte Duftmarke einer Rennkarriere soll es werden. Das geht nur am Nürburgring. Weil Spindler als zweifacher Truckracing Europameister (1988 und ’89) hier auf der Ehrentafel, die am Tunnel zum alten Fahrerlager hängt, verewigt ist. Außerdem hat er noch eine Rechnung offen. Muss seine Dämonen besiegen. Vor 15 Jahren platzte ihm bei Kilometer 12,2 – 1,6 Kilometer hinter der Bergwerksstelle von Niki Lauda – bei Tempo 240 ein ¬Reifen seines Cup-Porsche. Spindler landete 400 Meter von der Strecke entfernt. Eine Schädelprellung warf ihn 1,5 Jahre aus seinem normalen Leben. Sein letztes Rennen, eine Familie gegen die Nordschleife.

Aber die Musik spielt weiter vorne. Dort, wo die Zukunft des Rennsports präsentiert wird. Denn erstens experimentiert Porsche hier mit dem 911 GT3 R Hybrid, der sich während des Rennens als absolute Waffe präsentieren sollte. Zweitens, weil dieses ¬Prestigeobjekt von den österreichischen Nachwuchscracks Marco Holzer (21), Martin Ragginger (22) und Richard Lietz (26) pilotiert wird. Nummer vier: der Deutsche Jörg Bergmeister (34).

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Eine Fahrt in diesem Hybrid läuft anders ab. Zumal man das System nicht mit der Technik aus einem Straßenfahrzeug vergleichen kann. Der 480-PS-Motor im Heck wird von zwei Elektromotoren mit jeweils rund 82 PS an der Vorderachse unterstützt. Aber nur, wenn der Fahrer das will. Anders als bei einem Lexus RX 450h wird die Energie, die beim Bremsen gewonnen wird, nämlich nicht in einer Batterie, sondern in einem Schwungrad gespeichert. Per Knopfdruck aktiviert der Fahrer dann die Motoren.

Ragginger: „In jeder zweiten bis dritten Kurve haben wir genug Energie.“ Aber: „Wichtiger ist die Kraft bei Steigungen, auf der Döttinger Höhe etwa, und auf Geraden.“ Zur Erinnerung: Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Punkt der Nordschleife liegen etwa 230 Höhenmeter. Mehrgewicht zum GT3 R: 150 Kilogramm. Gesamt: 1350 Kilo. „Das ist fahrerisch kein großer Unterschied.“ So, wie die Zeiten aussehen, muss man Ragginger glauben. Zumal der GT3 RS das gleiche Gewicht auf die Waage bringt. Beeindruckend zu ¬sehen, wie sich die Autos bei jeder Runde in der Linkskurve vor der Startgeraden zusammenquetschen, bis beim Rausbeschleunigen der orange-weiße Hybrid-Wahnsinn an ihnen vorbeizieht.

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© Bild: Jürgen Skarwan

Viel wichtiger ist bei einem 24-Stunden-Rennen aber, dass der Alpen-Porsche erst nach zehn Runden zum Tanken an die Box muss. Markenkollegen und Konkurrenten brauchen nach spätestens neun Turns neuen Sprit.

Es kommt, wie es kommen muss, nach einem versauten Start (falscher Luftdruck) richtet der Hybrid alles. Die Onboard-Kamera dient zur Beweisführung für Dominanz und frechen Fahrstil.

Den Rest erledigt das typische Nürburgring-Gemetzel. Marcel Tielmann – seines Zeichens Rekordsieger (nämlich fünf Mal: 2003 und 2006–2009) und damit im Porsche 911 GT3 R Topfavorit – wird in Führung liegend abgeschossen. Im Streckenabschnitt Pflanzengarten wird ein Golf zur unguided Missile, schlägt in die Bande ein, prallt zurück auf die Strecke und schießt das Team aus dem Rennen. Der Audi R8 LMS von Abt Sportsline übernimmt die Führung, bis sie ihrerseits eine Bande torpedieren. Was bleibt, ist ein Zweikampf zwischen dem letzten Audi, der um den Sieg mitfährt (Frank Biela, Marcel Fässler, Pierre Kaffer und Marc Hennerici) und dem Hybrid-Porsche. Ausgemachte Sache. Nach elf Führungswechseln ist der Hybrid-Porsche weit genug vorne. Muss nur noch das Rennen beenden. Ist außerdem längst in den Herzen der Fans angekommen.

Nicht zuletzt, weil sich der Schweizer Kaffer im Audi etwas abfällig über die langsamere Konkurrenz, die ja das Salz in der Nordschleifen-Suppe ist, geäußert hat. Die zunehmende Zahl unerfahrener Piloten würde Leuten wie ihm das Rennen erschweren. Mag ja sein. Aber laut ins Mikrofon sollte man so etwas nicht sagen. Außerdem können die engagierten, aber langsamen Helden wenig dafür, dass sein Audi nach etwas weniger als 17 Stunden mit Getriebe- und Hinterachsproblemen ausscheidet.

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Denn darum geht es ja. Der Nürburgring soll zusammenbringen, was nicht zusammenpasst. Schnelle und Langsame, Helden und Maulhelden auf der Rennstrecke, Autonarren und reine ¬Party-People auf dem, was sich Campingplatz nennt. Ein Flüchtlingslager. Postapokalyptisch.

Autos. Platzierungen. Rundenzeiten. Für die Hardcore-Fraktion eine willkommene Staffage für eine einwöchige Freiluft-Extrem-Party. Mit Tendenz zum Übersteuern. Das „Team Sauger“ reiste am Mittwoch an. „Wir saugen das hier“, spricht Ron und hebt eine Bierflasche. Um klarzustellen, dass sich keiner für Motoren in¬teressiert. Seit 25 Jahren kommt Team Sauger jetzt zum 24-Stunden-Klassiker. „Aber wir fahren zwischendrin immer mal heim.“ Hauptsache, sie sind am Mittwoch vor dem Rennen wieder da. Am Wehrseifen. Dem Stammplatz. Denn hier hat man sich schon mehrfach per Graffiti auf der Rennstrecke verewigt. Dafür muss man so früh da sein, weil die Strecke dann noch frei ist. Eine Gelegenheit für Liebeserklärungen an Caro, Jenny und Sabel oder martialische Provokationen wie „We won the war“. Über den prominent platzierten und im Fernsehen häufig zu sehenden Schriftzug „Ficken“ wird inbrünstig gestritten. Die einen sagen, es sei ein Angebot, andere glauben, es sei billige Werbung für den gleichnamigen Likör.

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Dann geht das Rechnen los. Wie in der Schule: Zwei Mitglieder von Team Sauger (die zu siebt angereist sind, eine „Jugendabteilung“ noch nicht mitgerechnet) brauchen für fünf Tage zehn Kästen Bier. Wie groß muss der Kühlschrank sein? Lösung: Groß und zwei ¬davon. Thomas aus Mönchengladbach ist da pragmatischer: „Für mein 125-Liter-Fass habe ich eine Zapfanlage mit Trockenkühlung.“ Und für die Zapfanlage den Anhänger des Vaters.

Der Grundpfeiler für die Stimmung ist damit abgesteckt. Für das Rennen interessieren sich überraschend wenige. Manch einer ist sogar dankbar, wenn um 23 Uhr das Fanradio abgestellt wird, das die Zwischenstände, wichtige Ereignisse und Phil Collins durchgibt. Themenverfehlung.

Über die Campingplätze dröhnt deutscher Schlager, die Böhsen Onkelz, Metall jeder Art und Qualität. Man stelle sich sechs ¬Jugendliche in Tarnklamotten vor, die auf Campingstühlen und knöcheltief im Gatsch auf leeren Bierflaschen sitzen, während sie den bisher zu Recht unbekannten Techno-Schlager „Deutsche ¬Mädels sind gefährlich, aber in der Liebe ehrlich“ mitsingen. Das Bild bleibt von Campingplatz zu Campingplatz gleich, nur die ¬Musik wechselt.

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Die Polizei hält sich zurück. Keine einzige Alkoholkontrolle findet auf den Straßen rund um den Ring statt. Erstens aus Dankbarkeit, weil das Fest, wie jedes Jahr, friedlich abläuft. Zweitens, weil man wahrscheinlich Angst davor hat, eine Horde ohne Führerschein noch länger dabehalten zu müssen.

Die Nacht ist vorbei, der Hybrid-Porsche in Führung, die Fans machen ein Frühstück für Champions (Flasche Bier und Zigarette), und irgendwie herrscht bereits Aufbruchstimmung. Bis nach 22 Stunden plötzlich der Hybrid-Porsche mit einem Motorschaden ausrollt. Nur kurze Zeit davor war er an der Box wegen eines ¬defekten Krümmers. „Das Auto ist plötzlich lauter geworden“, sagte Lietz, lächelte aber, weil der Vorsprung groß genug für einen unplanmäßigen und langen Boxenstopp war. Dann rollte er aus.

Nürburgring 2010 Jürgen Skarwan
© Bild: Jürgen Skarwan

Vielleicht ein Folgefehler? Egal. Plötzlich führt BMW. Die hatte 22 Stunden keiner auf der Rechnung. Das BMW-Team Jörg Müller, Augusto Farfus, Uwe Alzen und Pedro Lamy im M3 GT2 fuhr verhältnismäßig unspektakulär, aber konstant seine Runden. Hielt sich aus der Audi-Porsche-Battle raus, weil man chancenlos war. Wenn man von den späteren Siegern etwas hörte, dann Sätze wie den von Alzen: „Der Speed vom Hybrid-Porsche ist unvorstellbar, aber wir warten einfach mal ab.“ Oder Müller: „Wir wollen jetzt Platz drei nach Hause fahren und nichts mehr riskieren, denn jeder hat gesehen, dass wir den Speed von Porsche und Audi nicht ganz mitgehen können.“ Aber zwei Stunden vor Schluss führen sie. Retten den Sieg über die Ziellinie. Nichts weniger als eine Ohrfeige für Porsche und Audi. Zumal sich durch das Favoritensterben der Ferrari F430 GTC auch noch den Silberrang schnappen konnte.

Spindler tat es derweil seinem Sohn gleich und musste sich auch noch übergeben. Aber aus anderen Gründen. Der Körper machte die Belastung nicht mehr mit. Statt vier Turns konnte er nur drei fahren, Fournier musste dafür fünf Mal ran. 198 Autos starteten, 123 kamen ins Ziel, Spindler als 73. Man sagt, dass jeder Champion, der eigentlich schon von der Bildfläche verschwunden ist, noch einen großen Kampf in sich hat. Das war er.

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