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Die Saudis von morgen

Was heute das Öl ist, könnte morgen Lithium werden. Eine Chance für Länder, die bisher auf keiner wirtschaftlichen Landkarte auftauchten.

25.05.2010 Online Redaktion

Die Zukunft des Automobils ist ungewiss. Besonders, wenn man langfristig denkt. Die Elektroautos stehen derzeit vor einer Art Wendepunkt und die Hersteller arbeiten am Turnover. Selbst wenn man in dieser Situation einkalkuliert, dass die Frage der CO2-Belastung durch die Stromerzeugung ungeklärt ist, Elektroautos zu viel kosten und die Reichweite eines Diesels oder eines Benziners nur ein kühner Traum ist, bleibt eine Botschaft übrig: wir brauchen Lithium.

Beispiele? Deutschland hat den „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“ verabschiedet. Das Ziel ist, bis ins Jahr 2030 fünf Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen zu haben. Opel ringt um gute Nachrichten. Denn weder der Insignia, noch der Astra konnten nach dem Bankrott von General Motors einen personellen Aderlass und einen herben Imageverlust verhindern – der Ampera, das Elektroauto mit Range-Extender, soll es richten. Daimler hat mit den Vereinigten Arabischen Emiraten einen finanzkräftigen Partner gefunden. Deren Vorgabe: Entwickelt ein Elektroauto. Last but not least kommt Mitsubishi im Herbst mit dem iMiev, dem ersten elektrischen Serienfahrzeug.

Basis all dieser Planung sind Lithium-Ionen-Akkus. Lithium wird vor allem in Südamerika abgebaut.

Größter Exporteur des in Zukunft hoch begehrten Metalls ist derzeit Chile. Die größten Vorräte (geschätzte 5,4 Millionen Tonnen) liegen jedoch in Bolivien. In der 3653 Meter hoch gelegenen Salzwüste Salar de Uyuni. Hier geben sich derzeit Chinesen, Koreaner, Japaner und Deutsche, Manager, Diplomaten und Wissenschaftler die Klinke in die Hand. Bolivien ist wirtschaftlich, trotz eines Aufschwungs seit der Wahl von Evo Morales zum Präsidenten im Jahr 2005, am Boden. Ein Entwicklungs-, kein Schwellenland. Zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als drei Dollar am Tag.

Das soll sich ändern. Geht es nach José Antonio Pimentel Castillo, dem zuständigen Minister für Bergbau und Metallurgie. Er träumt von Investoren, Arbeitsplätzen, Wertschöpfung, Wissenszufluss. Denn eines hat die Geschichte gezeigt: Rohstoffe allein schaffen keinen Wohlstand. Bitterstes Beispiel ist Afrika. Ein ganzer Kontinent lebt in Armut, weil die Regierungen nicht in der Lage sind, den Reichtum in Form von Gold, Öl und Diamanten zu verwalten.

Auch Bolivien hat schon gelernt wie schnell einen der Westen ausbeuten kann, als in der Zeit von 1545 bis 1825 die spanischen Kolonialherren das Land besetzten und auch nach deren Vertreibung der Handel mit Erz und Silber dem Land keinen Reichtum bescherte. Im Gegenteil. Viele Experten verweisen auf die Wertschöpfung. Nicht Gold bringt Geld, sondern die Ringe. Nicht Baumwolle, sondern Jeans. Dass es auch anders geht, hat der nahe Osten gezeigt. Hier wurde nur mit der Förderung von Öl ein unvorstellbarer Reichtum lukriert.

Also hat man eine phantastische Vision gehabt in Bolivien. Bolivianische Förderanlagen, bolivianische Batteriefabriken, ein bolivianisches Elektroauto.

Reality-Check. Die Kosten in Chile sind geringer. Lithium gewinnt man, indem man die Salzböden aufreißt, mit Wasser und Soda vermischt, die Flüssigkeit filtriert und verdunsten lässt. Übrig bleibt Lithiumcarbonat. In Chile ist das kein Problem. Die Atacama-Wüste ist trocken. Salar de Uyuni nicht. Dort regnet es regelmäßig und der Verdunstungsprozess braucht mehr Zeit.

Als die hochtrabenden Pläne bekannt gegeben wurden, senkte der weltgrößte Lithium-Förder, der chilenische Konzern SQM, kurzerhand die Preise für Lithium. Rein ökonomisch ein lächerlicher Zug, die Nachfrage ist riesig, die Auftragsbücher sind voll. Doch diese Maßnahme sollte eine Ohrfeige sein. Botschaft: „Investiert hier, nicht in Bolivien.“

Also backt man jetzt kleinere Brötchen. Bolivianische Förderanlagen? Vielleicht. Bolivianische Batteriefabriken? Eher nicht. Bolivianische Elektroautos? Träumt weiter. Die ehemaligen, hochtrabenden Pläne Pimentels hören sich jetzt anders an. Man brauche ausländische Investoren. Konzerne sollen aber nur ins Land dürfen, wenn sie mit den Bolivianern zusammen arbeiten, nicht nur Geld, sondern auch Wissen ins Land transferieren.

Nichts wünscht man den Bolivianern mehr, als das es damit klappt. Die Opec konnte die Gier nach Öl nicht mindern, vielleicht ist ja dann auch ein fairer Umgang mit der Ressource der Zukunft möglich. So könnte der Verbrauch von Öl zumindest entschleunigt werden, um die letzten Reserven für dringendere Dinge zu verwenden: Chemie, Gebrauchsgegenstände.

(((Dieser Blog basiert auf einer Reportage, die auf www.zeit.de erschien. Carolin Emcke und Wolfgang Uchatius hatten sich für dieses Medium dem Thema gewidmet. http://www.zeit.de/2010/21/DOS-Lithium )))

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