toyota gt86 drift
Was brauchen wirklich? Wir stellen uns die Frage, wie sehr uns die Macht des Möglichen beeinflusst.
 

Die Macht des Hypothetischen

Das Auto könnte viel. Wir sollten uns aber fragen, was das Auto können muss.

12.12.2013 Online Redaktion

Es herrscht Panik. Der Zweitwagen wird verkauft und der Nachfolger lässt noch ein paar Wochen auf sich warten. Zwei Leute, ein Auto, um Gottes Willen! Sie sieht‘s gelassen, er sieht sich in seiner Freiheit beraubt. Und seufzt.

Was wie ein Kleinod verkorkster Versessenheit wirkt, kann die ganze Autoindustrie erklären. Das Auto wird am Leben erhalten von seinem hypothetischen Moment. Ich könnte jederzeit überall hinfahren – aber tatsächlich steht das Auto bis acht Uhr abends ungenutzt in der Garage unterm Büro. Zu organisieren, dass man von der Liebsten zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo abgeholt wird – was für ein Freiheitsentzug!

Davon lebt die Autoindustrie, im Kleinen wie im Großen:

Sieben Sitze in einem Kia Carens oder VW Touran? Vollkommen nutzlos, aber man könnte doch mal zu siebent unterwegs sein. Dass diese Zusatzhocker frühestens ab einem Ford Galaxy oder VW Sharan tatsächlich nutzbar sind und auch noch so etwas wie Kofferraum übrig lassen, interessiert da niemanden.

Die größten Nutznießer der hypothetischen Freiheit sind natürlich SUVs, die Abenteuer versprechen, aber tatsächlich an der ersten Böschung ihre Stoßfänger zerbröseln. Die große Macht des kleinen Mannes, was man mit so einem Auto doch nicht alles machen könnte! Ganz Sibirien steht einem offen! Ach ja, und fürs Protokoll: Hohe Sitzposition, tolle Übersichtlichkeit (haha), feines Einsteigen. Vielen Dank.

Renault Zoe 3 Elektroantrieb Elektromotor alternativer Antrieb

An dieser Kraft des Hypothetischen wird sich die Zukunft unserer Mobilität entscheiden

Viele Alternativen zum Auto brechen das Mobilitätsangebot auf das tatsächlich Notwendige herunter und stoßen wohl gerade deshalb auf Skepsis. Wer Carsharing nutzt, hat das Auto nur dann zur Verfügung, wenn es wirklich notwendig ist. Das Elektroauto bietet nur 150 Kilometer Reichweite – im Alltag genügt das vielen für eine Woche Stadtverkehr. Aber ein Diesel bietet eben 1000 Kilometer Reichweite, mit dem könnte ich sofort und ohne Tankstopp bis Hamburg fahren!

Wenn wir unsere Mobilität nachhaltiger machen wollen, müssen wir uns zuerst fragen und eingestehen, was wir im Alltag tatsächlich brauchen und unsere Kaufentscheidungen weniger von großen Abenteuerträumen abhängig machen. Und wenn einen der Hafer sticht, kann man sich allemal einen Toyota GT86 für ein Wochenende mieten. Und wenn man Platz braucht, kann man sich jederzeit einen Lancia Voyager für den Familienurlaub mieten.

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