Die gefährlichste Erfindung der Welt das Auto Cover
 

Offener Brief

Ein offener Brief an die Profil-Redaktion zum Coverthema der letzten Woche „Die gefährlichste Erfindung der Welt – Das Auto.“

22.05.2012 Autorevue Magazin

Hochgeschätzte Profil-Redaktion,

Der Grundtenor und die Argumentation wird praktisch ausschließlich mit dem Gedankengut der Wiener Grünen und Personen (Prof. Knoflacher) und Organisationen (VCÖ) aus deren direktem Umfeld bestritten. Von einer Ausgewogenheit der Gesprächspartner kann jedenfalls keine Rede sein. Auch sprachlich lehnen sich die Autorinnen ziemlich weit raus. „Im Getöse der Auspuffe verhallen Argumente ungehört …“ Ist eine derart polemische Diktion, die sich wie ein roter Faden durch den Artikel zieht, die Aufgabe von seriösem Journalismus?

Viel schlimmer zählt allerdings, dass, wo auch immer man in die Geschichte reinsticht und nachrecherchiert, schwere Ungereimtheiten und Fehler auftauchen.

Beispiele gefällig? Da wird behauptet, dass Parken in Wien pro Jahr (!) soviel kostet wie in Amsterdam pro Monat, nämlich 179 Euro. Ich habe mir auf Parkopedia zwei vergleichbare Park & Ride-Anlagen jeweils am Stadtrand rausgesucht und bin auf nur geringfügige Unterschiede gestoßen: Stationsplein Amsterdam 87,03 Euro, Wien-Hütteldorf 55 Euro monatlich.

Da wird mokiert, dass seit 1930 das Straßenbahnnetz von 318 auf 172 km verkürzt wurde. Die 621 km Buslinien wurden entweder vergessen oder unter den Tisch fallen gelassen. Der Lärmexperte qualifiziert sich als „musikalischer Leiter von Linz 09“. Ist das als Satire á la Nikowitz gemeint?

Bei der CO2-Bilanz wurde der Tanktourismus (immerhin 34 Prozent) nicht rausgerechnet, also jener Treibstoff der nicht von heimischen Autofahrern verbraucht wird, sondern nur dem Staat als willkommene Einkommensquelle dient. Laut Umweltbundesamt ist der heimische Verbrauch der Pkw in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Ohne LKW-Verkehr liegt der Anteil der PKW bei etwa 13 Prozent der CO2-Bilanz statt der unterstellten 30 Prozent.

Der mit Abstand schrägste Vorwurf ist jedoch, dass das Auto hochsubventioniert ist. Nach einer VCÖ-Studie stehen 6,5 Mrd. an Steuern und Abgaben 16,6 Mrd. Ausgaben gegenüber. Schade, dass die Autorinnen leider keinen Platz für die Details zu diesem hochinteressanten Vorwurf fanden. Das Rechenmodell des Verbandes der Automobilimporteure kommt nämlich auf 11,8 Mrd.

Steuern und Abgaben gegenüber Ausgaben von nicht einmal 4 Mrd. für direkt zurechenbare öffentliche Ausgaben für den Kraftfahrzeug-Verkehr. Jetzt mal ganz ohne Wertung: Wenn zwei Standpunkte so stark voneinander abweichen, sollte in einer ausgewogenen Story die Zweitmeinung zumindest Erwähnung finden.

Der Faktor Arbeitsplätze kommt nur am Rande und selbstverständlich in negativer Form vor. Es wird von Insolvenzen und Kurzarbeit (im Krisenjahr 2009) berichtet, aber nicht von der Erfolgsstory der heimischen Autoindustrie, die immerhin jeden achten Arbeitsplatz in Österreich (plus dementsprechende Steuereinkünfte) ausmacht. Und: Welche Jobkonzepte hätten die Grünen für die 360.000 Beschäftigten rund ums Auto?

Diskussionen über die Rolle des Autos in der Zukunft müssen geführt werden, aber bitte nicht einseitig recherchiert und auf diesem Niveau.

Christian Kornherr
Chefredakteur & Herausgeber Autorevue

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  • WWallner

    Sehr geehrter Herr Kornherr!
    Ich liebe die Autorevue seit Jahrzehnten.
    Ich fahre seit mehr als 40 Jahren intensivst Auto.
    Ich habe weit mehr als 1 Million KM auf dem Buckel.
    Das nur zur Begriffsklärung Autofreund/-feind.
    Wenn Sie, Herr Kornherr, in der Autorevue 6/2012 von 'absurd negativer Berichterstattung' schreiben und dabei von 'argen Fehlleistungen' schreiben, möchte ich Ihnen von meinem schlechten Gefühl über die Autoindustrie berichten, das mich schon seit Jahren beschleicht und ausgerechnet in der aktuellen Autorevue auf groteske Weise bestätigt wird.
    Wir sind als Buben beim ersten Schneefall einfach rausgefahren mit unseren Käfern, haben überall möglichst grausliche Schleuderkurven hingelegt, dabei den Umgang mit dem Fahrzeug recht gut gelernt und das ohne den technischen Schnickschnack, der in heutigen Autos scheinbar völig unverzichtbar scheint. Mein Zugang zu den vielen technischen Entwicklungen in den Autos dieser langen Zeit war immer zwiespältig. Es gab hervorragende, logische, folgerichtige Fortschritte – und unbegreifliche Auswüchse.
    Einer dieser Auswüchse ist sicherlich, dass in einer Region – und damit meine ich Europa mit Ausnahme Deutschlands – ohnehin kaum noch über 130 km/h gefahren werden darf, gleichzeitig aber nur Autos produziert werden, mit denen man dieses Limit weit überschreiten kann. Natürlich müssen diese Fahrzeuge technisch so ausgestattet werden, dass sie 200 und mehr km/h auch auf die Straße bringen – aber liefern Sie mir doch bitte eine schlüssige Erklärung, warum die Autoindustrie absurder Weise alles dermaßen überdimensioniert? Es wäre doch unglaublich viel billiger in der Produktion, wenn man die Autos auf 150 km/h auslegt und entsprechend baut – es geht hier um ein Massenverkehrsmittel, das unser demokratisches Recht auf Bewegungsfreiheit sichern soll.
    Bevor Sie aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus kommen, liefere ich Ihnen noch ein Argument zu dieser Thematik, das Ihr Magazin betrifft.
    Bentley GTC – 630PS, 610PS oder 560PS ab € 258.000
    Lamborghini Urus – ungefähr 600 PS, ungefähr € 200.000
    Mercedes G 63 AMG und G 65 AMG, 544 PS zu € 173.272,80, bzw. 612 PS zu € 328.549,20
    Nissan GT-R, 550PS, nur € 115.150
    Mercedes SL 64 AMG, 537PS, € 185.000
    Mercedes SL 500, nur 435PS, € 137.000
    BMW M6 Cabrio, 560PS, € 152.950
    Rolls Royce Phantom Drophead Coupé, nur 460PS, € 531.048
    Bugatti Veyron, 1001PS, € 1,961.880.
    In nur einem Heft – und da rede ich noch nicht vom Lotus Elise, den Audis S6 und S7 oder dem BMW 640d Gran Coupé – finden sich Berichte in unterschiedlichster Form zu Fahrzeugen, die unglaubliche PS-Mengen zu ebensolchen Preisen bieten.
    Natürlich können Sie dem entgegenhalten, dass auch ausreichend über kleinere, leistbarere Fahrzeuge berichtet wird. Sie bewundern in angemessener Weise Fords 3-Zylinder Motor und geben sich immer wieder weitreichenden Betrachtungen über umweltschonende und spritsparende Techniken hin.
    Aber mich schreckt die Tatsache, dass ständig Autos mit mehr als 500 PS angeboten werden – auch Sie werden mir schwerlich weismachen können, dass auch nur eine einzige Person so ein Fahrzeug kauft, um sich damit an ein 130 km/h-Limit zu halten. Für mich sind diese Fahrzeuge – neben dem durchaus beeindruckenden technischen Fortschritt, der jeden Auto-Fan begeistern muss – Ausdruck eines enormen Egoismus einiger weniger Menschen, die sich in jeder Hinsicht über die ‚breite Masse‘ stellen müssen und dabei nicht genug bekommen können. Bei noch so freundlicher Betrachtung der Benzinverbräuche und CO2-Ausstösse kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Zugang durchaus auch absolut asozial ist – ein einziger verbraucht die Ressourcen mehrerer anderer Menschen. Mit welchem Recht? Mit dem des Geldes?
    Sie können es mir glauben oder auch nicht – ich bin selbstverständlich nicht technikfeindlich oder übermäßig autokritisch – aber ich halte Ihrem erbosten Statement über die absurde Argumentation der Kritiker die durchaus mindestens so absurde Entwicklung der Autoindustrie entgegen. Und natürlich wird damit sehr viel Kritik an der Autoindustrie begründet, weil auch ich die Entwicklungsrichtung für völlig falsch halte.
    Mir kann niemand erzählen, dass man mit gleichem Entwicklungsaufwand nicht schon längst winzige Motörchen mit Bärenkraft und Zwergerlverbrauch erfinden hätte können. Wenn diese Entwicklungen nicht ohnehin schon längst in den Schubladen liegen und darauf warten müssen, bis die Krise so drängend ist, dass sich die großen Schlitten nicht mehr verkaufen lassen.
    Es ist also nicht gut, nur der ‚gegnerischen‘ Argumentation Absurdität unterstellen zu wollen –und die Pfui-Teufel-Grünen sind ja sowieso an allem schuld, die regieren unser Land ja schon seit Jahrzehnten alleine – ohne die Absurditäten der eigenen Argumentation bedacht zu haben.
    Ich werde Ihnen und der Autorevue selbstverständlich mit der gleichen Begeisterung gewogen sein, wie ich das bisher gepflogen habe – aber ich glaube, dass man als Auto-Technik-Magazin durchaus auch kritisch sein kann, ohne deshalb die Glaubwürdigkeit zu verlieren.
    Mit begeisterten Berichten über unzählige 500PS-Schlitten – ohne auch nur ein kritisches Wort über diese fatale Entwicklung zu verlieren – wackelt die Glaubwürdigkeit etwas.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang Wallner

  • Lieber Kirchmeier,

    hier kommt jetzt aber viel zusammen. Einerseits natürlich, dass die 400.000 Verkehrstote unter 25 Jahren den weltweiten Verkehr betreffen. Länder wie Indien, Mexiko oder China – in denen weitaus geringere Sicherheitsstandards gelten – dürften weitaus mehr zu dieser Statistik beitragen.

    Hier in Österreich beispielsweise begehen mehr Menschen Selbstmord als im Straßenverkehr sterben.

    Da zwischen Ihnen und Christian Kornherr (und zwischen Ihnen und der Profil-Redaktion) bereits ein reger Email-Verkehr herrscht, werden wir aber an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen und hoffen, dass die Kollegen Ihnen bereits weiterhelfen konnten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian Seidel

  • Kirchmeier

    Nachdem sie offenbar mit Leib Seele ein Autofahrer sind haben sie in Folge dessen auch blindlinks Partei für das Auto ergriffen, Argumente für das Auto gesucht und es tapfer verteidigt. Ich möchte gar nicht auf die vielen Unwahrheiten der Autoindustrie* und deren Abhängigen eingehen sondern einfach nur einwerfen ob die vielen Toten, Verletzten und Kranken diese Errungenschaft wircklich wert waren und noch immer wert sind?
    Unfälle im Straßenverkehr und nicht Aids, Krebs oder eine andere Krankheit sind weltweit die häufigste Todesursache bei Teenagern. Laut dem neuesten Bericht der WHO sterben jährlich fast 400.000 junge Menschen unter 25 Jahren bei Verkehrsunfällen. Mehrere Millionen werden verletzt oder bleiben behindert. Viele Folgeschäden des Automobil wie Krankheiten durch Lärm, Abgase und Streß sind schwer nachweisbar und auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Siehe Google: "totesursache verkehr"

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