Christian Rainer Profil Essay Ferrari Fahrer
Der Mythos der marke ist so stark, dass er zwangsläufig alle Mitmenschen in seinen Bann zieht.
 

Der Tritt des Pferdes

Braucht man eine besondere Geisteshaltung, um Ferrari zu fahren? Oder die Abwesenheit einer solchen? Oder bloß das richtige Alter? Fragt sich „profil“-Herausgeber Christian Rainer.

21.02.2012 Autorevue Magazin

Dies ist der erste Text, den ich geschrieben habe und der nach meinem 50. Geburtstag erscheint. Das Datum war der 13. Dezember.

Und damit sind wir mitten im Thema: Ferrari-Fahren. Ferrari-Fahren ist ja keine Form der Fortbewegung, aber es ist auch nicht ein käuflicher Zeitvertreib, kein aufwändiges Hobby, kein plakativ gestaltbarer Luxus. Es ist keine Angelegenheit, die man sich leiste­te, um das auszukosten, was Fleiß, Erbschaft oder ein Zufall verschenkt haben. Vielmehr ist der regelmäßige Betrieb eines Autos dieser Marke eine Geisteshaltung, die zwar auch das Bankkonto strapazieren kann, vor allem aber die Psyche und die Reife eines Menschen in ihrer Gesamtheit fordert.

Ich bin an dieser Stelle geneigt, gleich ein wenig einzuschränken und zu sagen, dass die Psyche, der Geist nur gefordert werden können, wenn sie in ausreichendem Maße vorhanden sind, somit ­entsprechende Defizite auch dazu führten, dass die permanente ­Be­lastung des Persönlichkeitsgerüstes eines Ferrari-Fahrers in ­reziproker Relation zu dessen Intelligenz steht. Oder kürzer: Dumme Sportwagen-Fahrer hätten es viel leichter im Leben. Stimmt das?

Ich denke, dieser Ansatz ist bloß oberflächlich wahr. Richtig ist, dass ein fehlendes Sensorium für die potenziellen Peinlichkeiten des Lebens auch den Besitz eines Ferraris einfacher macht. Da ­explodiert das Selbstwertgefühl mit dem Drehen eines Zündschlüssels oder dem Drücken des Startknopfs so schnell wie die Drehzahl des Acht- oder Zwölfzylinders – und dieses Gefühl wird nicht gleich vernichtet, wenn etwa der Verschlussmechanismus des Tankdeckels an der Stazione di Servizio unauffindbar bleibt (wie mir und zumindest einem Autorevue-Redakteur beim diesjährigen Supertest mit dem 458 Italia passiert). Aber: Einerseits sind fehlende Messinstrumente für die Meinungen der Mitbürger keine Funktion der Intelligenz des Menschen. Andererseits wühlt’s auch tief drinnen im dämlichsten Ferrari-Fahrer, wenn zum Beispiel der angezahlte Wagen wegen Verzugs beim Abstottern der Raten wieder abgegeben werden muss.

Zusammenfassend: Einfalt schützt vor den Härten im Betrieb eines Autos aus Maranello nur in begrenztem Umfang.

Bei dem oben stehenden Einschub über den vermuteten Geistes­zustand von Liebhabern schneller Autos denke ich natürlich an die mehrheitsfähige Meinung, dass der Betrieb eines Sportwagens im Allgemeinen und eines Italien-stämmigen Supersportwagens im Besonderen – womit auch Lamborghini und Maserati ins Spiel kommen – als solches einen reduzierten oder deformierten Menschen voraussetzen. Aber das ist eben Unsinn.

Wir sind jetzt ein wenig vom Thema abgekommen. Doch bevor wir zurückkehren, muss auch noch aufgeklärt werden, warum ich so nonchalant die finanzielle Belastung durch einen Ferrari als eine bloß mögliche, aber nicht zwingende Strapaz für das Bankkonto bezeichnet habe. Tatsächlich verhält es sich so, dass die Anschaffungskosten entgegen allem Schein im Bereich eines Golf oder schlimmstenfalls eines 5er-BMW gehalten werden können. Voraus­gesetzt man wählt ein gebrauchtes Exemplar und das richtige ­Modell.

Dagegen spricht wenig. Fast alle gebrauchten Ferraris werden außerordentlich gut gepflegt und serviciert und regelmäßig, aber sparsam bewegt. Gebrauchte Ferraris unterscheiden sich daher von neuen weder für den Eigentümer noch für die Beifahrer noch für den Rest der Welt. Ja in vielen Fällen sind sie sogar vorzuziehen, da ältere Stücke die Kinderkrankheiten dann schon hinter sich haben, weil sie wegrepariert wurden oder weil fehlerhaft entwickelte Teile durch neuere Versionen ersetzt worden sind. Hinzu kommt, dass die meisten Ferraris eben keine GTOs aus prominentem Erstbesitz sind.

Die Mehrheit sind ganz durchschnittliche Mittel- oder Heckmotor-Achtzylinder, die sozusagen als Massenware seit Jahrzehnten über europäische und amerikanische Straßen rollen. Daneben gibt es ein gutes Sortiment von Zwölfzylinder-Modellen, die zwar nicht häufig verkauft wurden, aber genau deshalb billig sind: keine Raritäten, sondern unauffällige und daher ungeliebte große Reisecoupés.

Genau solche Modelle und keine anderen besitze ich und habe ich besessen. Mein erster Ferrari war ein roter Mondial T. Der ab 1980 produzierte Mondial ist neben dem 308 GT4 und einem Zwölfzylinder aus derselben Zeit – zu diesem kommen wir gleich – der billigste Ferrari überhaupt. Ich hatte ihn in den späten neunziger Jahren um wenige hunderttausend Schilling gekauft, heute sind gute Stücke um 30.000 Euro auf dem Markt. Der Mondial ist unbeliebt, da ein viersitziger, relativ breiter Achtzylinder-Ferrari mit Mittelmotor als eigenartige Konstruktion gilt und er überdies zunächst mit einem zu schwachen Motor (214 PS) ausgeliefert worden war. Ich mochte ihn, weil er ein auch im Betrieb günstiges Alltagsauto war, das brav seinen Dienst versah, aber eben doch ein echter Sportler aus Maranello blieb.

Einige Jahre später wurde mein Mondial durch den vielleicht wirklich günstigsten Ferrari ersetzt: einen 412i, Baujahr 1986, der irgendwann zuvor dem steirischen Industriellen Franz Mayr-Melnhof gehört hatte (der später mit einem F40 tödlich verunglückte). Zwölfzylinder, vier Sitze, außen schwarz, innen rot, koste­te damals 450.000 Schilling und ist heute sicher nicht mehr wert. Warum? Das Auto ist überaus unauffällig und lässt sich wie eine Jaguar-Limousine bewegen, aber niemals wie ein Racer, wofür vor allem die amerikanische Dreigang-Automatik verantwortlich ist. Und gerade dafür liebe ich ihn genauso, wie meine neunjährigen Zwillingsmädchen ihn gerne haben, die im 412er anfangs per Maxi Cosi transportiert wurden und heute mit Kindersitzen. Über Jahre war er mein Alltagsauto, zumal ich gar kein anderes hatte.

Aber auch der dritte Ferrari meines Lebens kostete nicht mehr als die gehobene deutsche Mittelklasse. Parallel zum 412er fuhr ich drei Jahre lang dessen Nachfolgemodell, einen mächtigen blauen 456 M, Baujahr 1999, der mich 65.000 Euro gekostet hatte und der im vergangenen Sommer um denselben Preis weitergereicht wurde.

Womit schlüssig bewiesen ist: Selbst ein Ferrari der Kategorie moderner Supersportwagen ist sicher kein unerschwinglicher ­Luxusgegenstand. (Okay, die 456er-Windschutzscheibe, die bei einer zu kraftvollen Entfernung des Autobahnpickerls Schaden genommen hatte, kostete an die 5000 Euro.)

Doch nun endlich zurück zum Kernthema: Weshalb fordert ein Ferrari die Psyche seines Halters mehr als jedes andere Auto, und was hat das mit dem Lebensalter zu tun? Warum fährt mein Freund, der Theaterdirektor Matthias H., lieber Porsche, obwohl er mit einer Ehrfurcht von Ferraris spricht, die er ansonsten nur für seine eigenen Inszenierungen und die seiner Frau aufbringt? (Bloß weil er Deutscher ist?) Warum hat sich Michael K.-G., mein altgedienter Bekannter aus der Werbebranche, dann doch für ­einen Aston Martin entschieden, obwohl er stets mit den Italienern flirtet? (Wirklich nur wegen der möglichen Sensibilität seiner ­Kunden?)

Antworten: Wer Ferrari fährt, bewegt sich dauerhaft in einem Spannungsfeld zwischen Bühne und Selbstreflexion. Der Mythos der Marke ist so stark, dass er zwangsläufig alle Mitmenschen in seinen Bann zieht. Großes Publikum ist beim flüssigen Betrieb ­genauso sicher wie bei jedem Einparkvorgang. Aber auch weit ­darüber hinaus: Ein Ferrari-Fahrer wird in der Öffentlichkeit unausweichlich als ein solcher bezeichnet. Die einschlägige Quali­fikation kommt regelmäßig schneller als ein Hinweis auf Beruf, Familienstand oder geographische Herkunft. Und sie überdauert den Zeitraum, innerhalb dessen tatsächlich ein Ferrari in der Garage steht, bei Weitem. Einmal Ferrari-Fahrer, immer Ferrari-Fahrer, als wäre dies ein erworbener akademischer Grad oder aber der fest haftende Makel einer längst abgesessenen Gefängnis­strafe.

Furcht vor Neidern? Nicht unbedingt. In diesem Zusammenhang ist nämlich unwichtig, ob das Prädikat Ferrari-Fahrer (im Sinne einer Rangbezeichnung) als Anerkennung verliehen wird oder voll der Missgunst. Vielmehr beherrscht da ganz generell ein Spannungszustand den Raum, der zumindest ertragen werden muss, besser aber genossen wird, wenn das simple Faktum des Autokaufs zum Permanenzphänomen geraten ist. Das verlangt also nach einem pfleglichen Umgang mit den Stellen, wo der Mythos auf die eigene Seele trifft, wo er zu verarbeiten ist, wo sich entscheidet, ob der Tritt dieses Pferdes in den Arsch nur höllisch weh tut oder ob daraus ein Beschleunigungsvorgang für das eigene Leben wird.

Zumal eben nicht nur die Frage sekundär bleibt, ob das Publikum aus Gönnern besteht oder aus Neidern. Es geht sogar ganz ohne Publikum. Wer sich einmal entschieden hat, Ferrari-Fahrer zu sein, tritt damit auch in einen Prozess der Selbstreflexion ein, die aus der ständigen Konfrontation mit dem eigenen Auto und dessen Aura genährt wird. Oder noch schärfer: der in einen Übertragungs-Prozess mündet. Übertragung bezeichnet in der Psychotherapie ja den Vorgang, dass ein Mensch Gefühle, Erwartungen, Ängste aus der Kindheit unbewusst auf neue soziale Beziehungen bezieht und so reaktiviert. Eben! Ein Mann (oder – beim Ferrari selten – eine Frau) und sein Ferrari, das ist ohne Zweifel eine soziale Beziehung, und daher müssen auch die zugehörigen Beziehungsphänomene Geltung haben.

Somit schließt sich der Kreis, und wir sind beim Lebensalter eines Ferrari-Fahrers angelangt. Mit gutem Grund existieren keine eindeutigen Zuschreibungen. Während zum Beispiel ein Porsche gerne mit älteren Herren in Verbindung gebracht wird, also mit Scherzen über die Krise in der Mitte des Lebens und mit nachlassender Manneskraft, gibt es keinen typischen Zeitpunkt, zu dem Menschen sich nach Maranello wenden. Das Verlangen kann den Menschen in jedem Alter erfassen. Wer einen Ferrari kauft, mag das genauso gut mit der erstmaligen Kreditwürdigkeit beim Eintritt in den Jobmarkt tun wie mit der Abfertigung am Ende des Arbeitslebens. Unter den Ferrari-Fans der Formel 1 befinden sich Kinder genauso wie Greise.

Und das ist eben mit all dem Gesagten stimmig. Ferrari-Fahren ist kein schneller Gag, ausgelöst durch ein kurzfristiges Verlangen, sondern eine Geisteshaltung.

Ich habe mir übrigens im vergangenen Juni im Austausch gegen den Ferrari 456 einen Renault Avantime gekauft, aber den 412i habe ich behalten. Das lässt für die Zeit nach meinem 50. Geburtstag, die nun begonnen hat, alles offen.

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