Saab 9-5 Limousine Leserblog Maximilian Divischek
Vom Leser für Leser. Maximilan Divischek und der Saab 9-5.
 

Der neue Saab 9-5 XWD Turbo

Es ist wie im Wiener Prater – wie im roten Blitz verlief die Vergangenheit bei Saab sehr turbulent. Ein Leserblog von Maximilian Divischek.

24.11.2011 User

Das Auf und Ab um den Saab-Verkauf ließ die Wogen bei Medien, Mitarbeitern und Markenfans über mehrere Wochen hoch gehen. Bis schlussendlich am 23.02. in klirrender Kälte das „Ja“ zum Verkauf der Marke an den Sportwagenbauer Spyker verkündet wurde. Ein Ja, das neben einem Aufatmen auch an die Probleme erinnerte, mit denen Saab in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Und es wird munter weiter „abgewickelt“. Wird Saab asiatisch?

Saab 9-5 Limousine Leserblog Maximilian Divischek

Würde eine Marke alleine von ihrer Fangemeinde und ihren Enthusiasten leben, so wäre Saab kerngesund und Weltmarktführer. Leider lässt sich mit Enthusiasmus und Leidenschaft alleine kein Geld verdienen. Daher sind die Herausforderungen, denen ein neues Auto aus Trollhättan begegnet, immens hoch.

Mit einer entsprechenden Erwartungshaltung setzte ich mich in den neuen Saab 9-5. Er muss das angekratzte Image der Marke aufpolieren und dafür sorgen, dass Saab als ernstzunehmender Mitbewerber gesehen wird. Daher habe ich mir am Vormittag vor der großen Fahrt im Internet einen weißen Saab 9-5 mit Topmotorisierung (2,8 Liter Turbo V6 XWD mit 300 PS) und für mich genügender Ausstattung konfiguriert. Zur üppigen Serienausstattung orderte ich ein großes Navi mit Head-up-Display, klimatisierte Bestuhlung und adaptives Fahrwerk. Der Konfigurator warf mir einen Betrag von 71.000 Euro aus. Unverhandelt, selbstverständlich. Mit allen Extras, die es zu kaufen gäbe, würden 77.744 Euro fällig.

Da ich wissen wollte, welche Preise die Mitbewerber in dieser Klasse bieten, habe ich vergleichsweise einen Audi A6 3,0-Liter TFSI konfiguriert und kam bei ähnlicher Ausstattung auf einen Preis von 76.000.-. Bei voller Ausstattung auf 85.900.-.

Aber neben Preis spielt natürlich die Emotion eine große Rolle. Fragt man Menschen, welche Emotionen sie bei Saab verspüren, findet sich eigentlich die gesamte Palette menschlichen Fühlens. Von grundlegender Ablehnung bis zur hingebungsvoller Liebe ist alles möglich. Auch der neue Saab 9-5 wird sich in diese vielfältige Palette einfinden und kein klares Bild von „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ geben. Eigentlich so wie immer. Da bleibt Saab seiner Tradition treu. Die Marke polarisiert.

Saab 9-5 Limousine Leserblog Maximilian Divischek

Meine erste Emotion, als ich in einer Presseaussendung mit Bildern vom neuen Flaggschiff der Schweden las, war gemischt. Eine eigenwillige Form mit interessanten Stilelementen und überraschenden Neuerungen. Ich war mir nicht sicher ob ich mich über den Neubeginn in dieser Art freuen sollte, oder ob ich besser die schwarze Fahne hissen sollte – und ich darf vorwegschicken – ich bin mir auch jetzt noch nicht sicher.

Mein Testgerät hatte das 2-Liter Triebwerk mit Turboaufladung und 220PS. Mit XWD (Cross Wheel Drive = Allrad) – der Allrad baut auf einem Haldex Kupplungssystem auf, das eine variable Momentverteilung hat.

Mittels Drive Sense System kann man das Setup des Fahrwerks, das Drehmoment und die Lenkung in drei Stufen verändern. Für Neoökos, Cruiser und Sportfahrer. Als passionierter Hobby-Roadrunner wählte ich die Sportabstimmung und gondelte in der Gegend herum, um die eine oder andere Kurve flotter zu nehmen.

Das Dickschiff umgibt einen mit dem Gefühl von absoluter Sicherheit. Fast wie Panzerfahren. Was sich auch im Gewicht von fast zwei Tonnen niederschlägt. Gedanken an Unsterblichkeit werden erst nach der ersten flott gefahrenen Kurve allmählich verwässert. Der Koloss hat zwar Allrad, schiebt dennoch leicht über die Vorderräder. Das Gewicht drückt von hinten schön ins Kreuz, der Saab bleibt aber dennoch trotz des hohen Kurventempos spurtreu.

Wenn der Turbo zögerlich einsetzt, gibt es einen leichten Punch nach vorne – kein Sportwagen, aber dennoch in acht Sekunden auf dem Referenzwert – der größere 6-Zylinder schafft dies sogar in 6,9 Sekunden.

Aber in einer Limousine will man ja eigentlich gemütlich zehntausende Kilometer abspulen, Kind und Kegel unterbringen, das Gefühl haben, gut aufgehoben zu sein und eventuell zugleich dem Nachbarn zeigen, wo der (größere) Hammer hängt. Letzteres ist mit Sicherheit möglich, der Saab hat mit fünf Metern Länge einen sehr starken Auftritt. Dazu kommen voluminöse Backen, verdunkelte Heckscheiben und ein einzigartiges Heck.

Saab 9-5 Limousine Leserblog Maximilian Divischek

Den Hintern könnte ich mir persönlich immer wieder ansehen – und so wie man bei den Angeleyes (bis zur Revolution der Golfjünger) wusste, dass ein Bayer im Rückspiegel auftaucht, wird man dank des durchgehenden Leuchtbandes im Heck bald wissen, dass ein Saab gerade vorbeigefahren ist.

Der Innenraum ist saabtypisch. Zwar verwirren die vielen Bedieneinheiten und Knöpfe, man gewöhnt sich aber dank einer logischen Anordnung schnell an die Verteilung der Knöpfe, Hebel und Schalter.

Die Mittelkonsole selbst fällt ein wenig nüchtern aus. Die große Plastikwüste rund um das Navi und die Klimakontrolle vermitteln nicht gerade den Eindruck, in einem Premiumauto zu sitzen. Der Händler erklärt, dass ein Saab-Zulieferer zusperren musste, und Klavierlackelemente nicht mehr geliefert wurden. Bitter für Saab, ernüchternd für den Kunden.

Abgesehen davon fühlt man sich auf Anhieb wohl. Das große Navi-Display mit Touchoberfläche gliedert sich gut ein, blendet nicht und reguliert dank Lichtsensoren die Helligkeit. Sollte man dennoch bei langen Autobahnfahrten störende Lichtquellen eliminieren wollen, so darf der Saabkunde beruhigt aufatmen: Der Night Panel Button existiert noch. Sehr traditionell. Leider fiel die Zündung im Mitteltunnel der Moderne zum Opfer, sie wurde durch einen Start-Stopp-Knopf ersetzt.

Die belüfteten Ledersitze spenden im Sommer angenehme Kühle, im Winter heizen sie kräftig ein und halten in der Kurve auch stämmige Passagiere am Platz. Das Harman Kardon Soundsystem orgelt schöne Klänge, und viele weitere Ausstattungselemente versüßen die Fahrt.

Die Armaturen gefallen mir persönlich mit am besten – Turboanzeige, Tacho und Drehzahlmesser sind schön in weiß illuminiert, während grüne Zeiger den Stand der Dinge anzeigen. In der Mitte des Tachos befindet sich der Bordcomputer. Neben den Standardinfos wie Verbrauch und Co kann man sich hier auch im Design eines Höhenmessers im Flugzeug die Geschwindigkeit anzeigen lassen. Ein nettes Gimmick, mit dem man beim Nachbarn angeben kann, das aber keinen realen Mehrwert hat.

Durchaus nützlich dagegen ist das Head-Up-Display. Es zeigt die Geschwindigkeit ebenso wie Navigationsdaten übersichtlich an, blendet und stört nicht.

Wenig überraschend bei einem Fünf-Meter-Vehikel: Es gibt reichlich Platz für Passagiere. Große Personen haben sowohl am Volant als auch bequem im Fond ausreichend Platz. Der Laderaum hat eine ausreichende Größe, ist flexibel und praxisorientiert.

Fazit der Testfahrt: Ein schönes Produkt hat Saab da auf den Markt gebracht, bedingungslose Hingabe stellt sich aber nicht ein. Das Konzept ist gut, die Formensprache mixt gekonnt saabtypische Elemente mit Standardausstattungen und setzt mit Heck und Seitenlinie moderne Akzente. Die Motorisierungsauswahl ist mit nur einem Diesel und drei Benzinmodellen knapp bemessen.

Trotz alledem möchte Saab mit diesem Modell zeigen: „Yes, we still can“. Der Saab 9-5 wirkt stark und hat kräftige Motoren. Aber er hat auch eine starke Hemmschwelle in den Köpfen potentieller Kunden zu überwinden. Der Preis ist schwer in Ordnung, aber eben auch mit einem wenig premiumesken Innenraum erkauft.

Ich mag das Auto, aber ob es die Revitalisierung der Marke schafft, kann nur die Zukunft zeigen. Da dürfen wir bei Saab schon gespannt sein. Ein Kombi ist bereits gelandet, es kommt ein neuer 9-3 (wahrscheinlich 2012), ein Stadtflitzer namens 9-1 ist in der Pipeline, und auch ein SUV soll die Palette erweitern – gebaut wird der 9-4X ja schon.

Ich bleibe gespannt und werde, es der Markt will, auch die neuen Saabmodelle ausgiebig testen und berichten.

Apropos Saab 9-4X: Hier kommen die schwedischen Versprechen:

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  • smartie

    Wie es derzeit scheint, wird weder was nachkommen noch hat der 9-5 es geschafft, die Marke zu retten.
    Wenn überhaupt, hätte man mit einem neuen 9-3 beginnen müssen. Billiger, mehr Stückzahl möglich. So wars halt doch nur ein aufgeblasener anstatt eines normalen Insignia.

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