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Die neue B-Klasse kommt im November in den Handel.
 

Der demokratische Nasenbär

Wir sind die neue Mercedes B-Klasse schon gefahren.

08.10.2011 radical mag

Aller Anfang war schwer: Als die ganz neue A-Klasse von Mercedes 1997 auf den Markt kam, fiel sie gleich mal um. Der kompakte Mercedes schaffte damals den „Elchtest“ nicht, und das machte dem kompakten Van, der mit seiner Sandwich-Bauweise die Golf-Klasse revolutionieren wollte, das Leben ziemlich schwer. Die A-Klasse wurde nie zum Erfolg, den sich seine Väter von ihm erwünscht hatten. 2004 wurde das Modell erstmals rundum erneuert, und 2005 erhielt es einen größeren Bruder, die B-Klasse, damals ebenfalls noch mit Sandwich-Boden, einem doppelten Boden, der Batterie und Tank aufnahm. Und warum das? Die A-Klasse war einst eigentlich als Brennstoffzellen-Auto entwickelt worden und hätte in diesem doppelten Boden die Batterien und Tankeinheiten aufnehmen sollen – doch es kam ja dann anders.

Jetzt wird zuerst die B-Klasse komplett erneuert; die neue A-Klasse folgt dann 2012. Und das neue Fahrzeug strotzt vor technischen Neuerungen. Die wichtigste: es gibt keine Sandwich-Bauweise mehr. Dass Mercedes sowohl die B- wie auch die noch folgende A-Klasse jetzt ganz konventionell baut, ist auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis die Deutschen die ersten Fahrzeuge mit einem alternativen Antrieb in Serie gehen lassen wollen. In der Pressemitteilung heißt es zwar, dass die neuen Wagen mit einem „Energy Space“-Modul ausgestattet sind, entsprechende Schnittstellen im Rohbau würden es erlauben, für Versionen mit alternativem Antrieb den Hauptboden zu modifizieren und eine Stufe auszubilden, doch sind wir etwas erstaunt, die Versuche mit Brennstoffzellen-A-Klasse sind schon weit gediehen – und jetzt beginnt wieder alles von vorne?

Dank der klassischen Bauweise ist die B-Klasse jetzt deutlich niedriger geworden, sie misst noch 1,56 Meter (vorher: 1,64 Meter); besonders stolz sind die Stuttgarter auf den niedrigen cW-Wert von 0,26. Ansonsten sind die Außenmaße ziemlich gleich geblieben, deshalb wirkt der 4,36 Meter lange und 1,79 Meter breite Benz jetzt länger, gestreckter.

Zum Design darf man sich sicher die eine oder andere Frage stellen. Mercedes hat, meiner Meinung nach, ob der wenig harmonischen Verbindung zwischen tiefer Motorhaube und hohem Passagierabteil etwas von einem Nasenbären. Näsenbären sind zwar niedlich, aber Eleganz ist ihr Ding nicht. Man hört allerdings aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen (danke, G.), dass die neue A-Klasse dann bedeutend schicker sein soll. Und ob man die Gestaltung des Armaturenbrettes mit den drei sehr dominant in der Mitte angeordneten Lüftungsdüsen als gelungen bezeichnen will, ist Ansichtssache. Wir hatten so ein bisschen den Eindruck, als sei den Innenraum-Designern die Phantasie ausgegangen. Und wen genau die mittlere Düse belüften will, das ist uns auch ein Rätsel.

Sensationell hingegen ist das Raumgefühl. Überall ist viel Platz, Luft, vor allem nach oben, und auch die hinteren Passagiere sitzen sehr komfortabel.

Mercedes-Benz B-Klase Exterieur Heck dynamisch

Gegen Aufpreis gibt es das Easy-Vario-Plus-Stuhl-System, dann lassen sich die hinteren Sitze um 14 Zentimeter verschieben und der Kofferraum wächst bei Bedarf von ohnehin stattlichen 488 Liter auf 666 Liter. Wie viele Liter es sind, wenn sämtliche Stühle abgeklappt sind, wird uns Mercedes dann zu einem späteren Zeitpunkt noch verraten. Zudem lässt sich der Beifahrersitz für den Transport von sperrigen Gütern nach vorne abklappen. Alles ist sehr clever gemacht, der Mercedes besticht durch so sehr hohe Flexibilität und kinderleichte Bedienbarkeit.

Unter der Haube arbeiten zwei neue Motoren, ein Benziner mit Direkteinspritzung und 1,6 Liter Hubraum, der als B180 122 PS leistet, als B200 dann 156 PS. Das maximale Drehmoment von 200 beziehungsweise 250 Nm steht schon bei 1250/min zur Verfügung. Uns hat der stärkere Benziner im B200 ausgesprochen gut gefallen, er hat mehr als genügend Kraft, ist sehr laufruhig – und in Zusammenarbeit mit dem neuen 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe schafft er auch ein anständiges Maß an Fahrfreude. Wir stellen erfreut fest, dass die Stuttgarter nun doch noch ein DKG bringen (der SLS hat schon eins, doch wir würden uns vor allem im SLK eines wünschen), und dieses macht seine Sache ausgezeichnet. Wie selbstverständlich ist die Lösung von Mercedes in Sachen sanfte Schaltübergänge auf einer Höhe mit dem DSG des Volkswagen-Konzerns.

Der Diesel verfügt über 1,8 Liter Hubraum und kommt als B180 CDI mit 109 PS (max. Drehmoment: 250 Nm bei 1400/min), als B200 CDI mit 136 PS (max. Drehmoment: 300 Nm bei 1600/min). Die Verbrauchswerte wollte uns Mercedes noch nicht verraten (wir kennen ja auch das Gewicht nicht). Diese Motorisierungen gibt es auch mit einem neu entwickelten, manuellen 6-Gang-Getriebe. Die Common-Rail-Maschinen sind ziemlich raue Gesellen, wir wunderten uns ein wenig über das Geräuschniveau im Innenraum, da kennen wir gerade bei Selbstzündern edleres.

Markentypisch ist die B-Klasse ziemlich komfortabel ausgelegt – und das ist gut so, dieser kompakte Van muss und will ja kein Sportwagen sein, auch wenn er im Untertitel Sports Tourer heißt. Der tiefere Schwerpunkt (der immer eine Schwäche der A- und B-Klasse gewesen war, siehe auch: Elchtest) und die neue Vierlenker-Hinterachse machen den Benz aber erfreulich agil, auch im Stadtverkehr. Dazu trägt die elektro-mechanische Lenkung ihren Teil bei, sie schafft einfach einen direkteren Kontakt zur Fahrbahn als die elektro-hydraulischen Lösungen. Wir waren allerdings etwas erstaunt über die hohen Abrollgeräusche und ein fieses Scheppern aus dem Kofferraum, das passt irgendwie nicht zur Marke mit dem Stern. Auch nicht ganz überzeugt hat uns die Verwendung von Plastik im Innenraum – es macht ein bisschen den Eindruck, als ob die Stuttgarter sogar bei ganz neuen Modellen so ein bisschen hinter Audi herrennen.

Keine Schwäche gibt sich Mercedes dafür bei der Gestaltung der Aufpreis-Liste. Erfreulich ist, dass eine Kollisionswarnung bei allen Versionen serienmäßig vorhanden ist und: es funktioniert, im Gegensatz zu ähnlichen Systemen bei der Konkurrenz, auch bei Geschwindigkeiten über 30 km/h.

Doch dann wird es intensiver. Es gibt für die neue B-Klasse so ziemlich alles an Assi-Systemen, was ein Auto richtig teuer machen kann. Fahrlicht-Assi, Totwinkel-Assi, Spurhalte-Assi, Park-Assi, Berganfahrhilfe, Rückfahr-Kamera… die Liste ließe sich noch beliebig verlängern. Und natürlich gibt es auch den gerade so modischen Internet-Zugang. Lobenswert hingegen ist das Pre-Safe-System, ein Insassen-Schutz-System, das 2002 in der S-Klasse seine Premiere erlebte. Mercedes nennt eine „Demokratisierung der Sicherheit“.

Die Preise sind noch nicht bekannt, aber man darf davon ausgehen, dass sie dank günstigem Euro in der Schweiz einiges tiefer liegen werden als beim Vorgänger, zumindest was die ab-Preise betrifft. Die neue B-Klasse steht ab November bei den Händlern – ein „neues Zeitalter in der Kompaktklasse“, wie es Mercedes verspricht, läutet sie aber beim besten Willen nicht ein, dafür ist sie zu konventionell.

Wir bedanken uns bei Peter Ruch von www.radical-mag.com

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