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Der AMG der kein AMG und doch ein AMG ist

Der Mercedes C450 AMG. Die Schweizer Sichtweise auf den AMG der kein AMG und doch ein AMG ist. Wasser, Marsch!

26.02.2015 radical mag

Manche nennen es die Verwässerung einer geilen Marke, andere nennen es die logische Konsequenz aus der Wachstumsstrategie – die Rede ist von Mercedes-AMG. Ja, die wilden Buben aus Affalterbach sind etwas zahmer geworden. Verkaufen mittlerweile wohl mehr AMG-Bodenteppiche als V8-Brenner, lassen sich den Carbonzierrat für eine schnöde A-Klasse teuer bezahlen und bauen nun auch noch AMG-Autos, die gar keine sind. Oder zumindest nicht echte AMG. Wieso man sich so einen C450 AMG trotzdem genauer anschauen sollte? Weil er perfekt zur Schweiz passt. Doch davon etwas später mehr. Wir versuchen mal etwas Licht ins Bezeichnungs-Dickicht zu bringen. Ein echter AMG, also die richtig, richtig scharfen Geräte die haben zwei Zahlen die Auskunft darüber geben, welch Triebwerk verbaut wurde. Wir bleiben mal bei der aktuellen C-Klasse. Und fangen ganz unten an. Die Fußmattensatz von AMG kostet bei einem C 180 T-Modell satte 5.061 Franken. Denn wenn man die haben will muss man das AMG-Interieur und Exterieurpaket mit dazu bestellen. Es geht weiter mit der vollen AMG-Ausstattung für den C180, also Leder und Co, Exklusive-Interieur und ein paar anderen Nettigkeiten, kostet dann rund 8.000 Franken Aufpreis. Dann kommt schon der AMG mit drei Zahlen, also der C 450 AMG. Dort haben wir leider noch keine Preise, aber billig wird das sicher nicht. 367 PS aus dem aufgeladenen V6 lässt man sich sicher fürstlich bezahlen, den 4×4 sowieso. Dann gibt’s den C 63 AMG, der leistet 476 PS aus dem Vierliter-V8 mit zwei Ladern (ab 96.600 Franken). Und dann noch den C 63 S AMG mit 510 PS aus demselben Motor (ab 107.500). Alles klar? Ach ja, alle Varianten gibt’s als Limousine oder Kombi. So viel AMG gab’s noch nie, aber ist das wirklich nötig? Verwässert es die Marke zu sehr? Oder ist es ganz gut, dass es nun auch zahme AMG’s gibt? Wir kehren nun zu dem zurück, was wir am Besten können. Wir fahren mit dem C 450 AMG. Und, ja wir sind überrascht. Das Auto ist eine wunderbare Mischung aus Sportmodell und Brot-und-Butter-Kutsche. Wenn man’s nicht eilig hat, schnurrt der «kleine» V6 ruhig vor sich hin, mit dem Puls einer frühpensionierten Ernährungsberaterin.

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© Bild: Werk

Mercedes C450 AMG böses Vieh

Klar, ganz so elegant wie eine Basisversion rollt der C450 nicht ab, aber es ist ein durchaus komfortables Fahren, so lange man den Fahrwerksschalter auf «bequem» lässt. Und er zieht ganz schön, der Benz. Kein Wunder, zu den 367 PS gesellen sich 520 Nm ab 2000 Umdrehungen. Und, weil die Kraftübertragung auf alle vier Räder erfolgt ist mangelnde Traktion kein Thema. Nie, auch dann nicht, wenn aus der frühpensionierten Ernährungsberaterin eine Mujinga Kambundji wird (googeln liebe Freunde…). Ein paar Knöpfe gedrückt und der C450 ist «scharf» Und wie! Es ist eine Freude, wie der Benz mutiert. Der Sound ist zwar nicht so scharf wie bei einem Achtender, der Schub auch nicht. Aber er schiebt schon mit Nachdruck an, der 1.660 kg (ECE) schwere Kombi macht einen auf böses Vieh.

Richtig gute AMG-Lenkung

Doch, das hat man im Griff. Einerseits wegen den richtig guten AMG-Lenkung. Ich will dahin? Also, am Rad drehen und dahin fahren! Wir sind wirklich hochzufrieden. Und zum anderen, weil die knapp 370 PS reichen, um richtig schnell die öden Geraden zwischen zwei Kurven zu überwinden. Und eben. Traktion kein Problem, entsprechend neutral auch das Fahrverhalten. Klar schiebt der C450 erst mal ein wenig über die Vorderräder, wenn man eine Kurve mit viel Schmalz umrunden will. Aber, das Ausmaß ist kein störendes. So ab 3500 Umdrehungen gibt der AMG zudem Lebensäußerungen von sich, die durchaus auf offene Ohren stoßen wird. Nicht zu laut, nicht zu knallig, aber gut hör- und genießbar. Alles super also im Benz. Naja, wir wären nicht radical, wenn wir den Pseudo-AMG einfach so durchwinken würden. Doch, für den größten Minuspunkt können die Jungs aus Affalterbach nix. Das Auto ist mit fast 1,7 Tonnen einfach ziemlich schwer. Das merkt man in jeder Ecke. Und an jedem Kurvenausgang. Aber, wir glauben trotzdem, dass der C450 die derzeit souveränste C-Klasse ist. Der perfekte Kompromiss aus Leistung, Fahrspaß und Komfort. Aber eben, das Teil ist weit vom bösen «C» entfernt, hier hat man bei AMG genügend Abstand gelassen. Wir denken eher, dass es für die etwas stärkeren C-Klassen eng wird. Wieso soll man sich noch einen C 400 kaufen? Wegen des Preises? In dieser Preisliga dürfte es auf die paar Tausender Aufpreis für den Fast-AMG nicht ankommen. Denn so ein C400 mit 333 PS ist mit Preisen ab knapp 70.000 Franken für den Kombi auch nicht gerade ein Schnäppchen. Wie gesagt, die Preise für den C450 AMG wurden noch nicht genannt, die folgen im April, die ersten Autos kommen dann im Sommer auf die Straßen.

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© Bild: Werk

Wir finden, dass der fast-AMG wunderbar auf unsere Straßen passt

Leistung, Allrad, Verarbeitung und Fahrverhalten passen perfekt zur Schweizer «ich-könnte-wenn-ich-wollte»-Mentalität. Nur die Hardcore-AMG-Jünger werden sich in Zukunft den echten Affalterbacher mit acht Zylindern und Hinterradantrieb gönnen. Dies wiederum dürfte den Ruf dieser Hardcore-Modelle stärken. Und alle C450 zu Kompromiss-Bürgern stempeln. Doch damit kann man Leben, ganz besonders wenn der Kompromiss so gelungen ist. Aber eben, das Gewicht ist einfach da. Und statt immer noch mehr PS wäre es schön, wenn auch ein Mercedes einfach deutlich leichter werden würde. Schont die Umwelt. Aber vor allem: bringt noch mal deutlich mehr Fahrspaß. Und dem hat man sich ja in Affalterbach verschrieben.

Der Porsche-Weg

Das schwäbische Pendant zur Quattro- und M-GmbH ist nun auf dem Weg, auf dem sie alle sind. Dem Weg, den keiner so gut vorzeichnet wie Porsche. Für jedes noch so kleine Extra ein paar Euros garnieren. Für alles, was eigentlich einen Sportwagen ausmacht eine neue Modellvariante schaffen. Aber offenbar ist das der Weg, um die Absatzzahlen hochzuschrauben. Denn AMG hat sehr, sehr ehrgeizige Verkaufsziele. Echte AMG-Autos werden dabei eine eher untergeordnete Rolle spielen sondern einfach als Imageträger entwickelt. Das muss man nicht gut finden. Aber man kann. Es sei unseren Lesern überlassen.

Ausstattungs- und Preislisten von AMG-Modellen (C-Klasse) in Österreich findet Ihr hier.

Vielen Dank an die Schweizer Kollegen von radical-mag.com

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  • speedy

    Von aussen ein sehr schönes Auto aber der Innenraum finde ich eine Zumutung. Ich will Autofahren und brauche keinen aufgestellten Flachbildschirm auf dem Armaturenbrett. Der steht bei mir in der Stube. Früher einmal so schöne Innenräume und jetzt. Ist das der Anfang vom Autofahren vor dem Bildschirm. Für das brauche ich kein 50’000 Fahrzeug, da kann ich mir für ein paar Hunderter eine Spielkonsole kaufen

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