Der Alfa und sein Romeo

Eine Geschichte über zwei Tage im Auto mit Tobias Moretti, über ein ewiges Zuspätkommen, ein persönliches Waterloo und ein köstliches Rennen um die schönsten Badeplätze.

02.12.2010 Autorevue Magazin

Zu einer Verabredung kommt man nicht zu spät. Bitte. Ich bin in Eile. Wirklich. 260 Kilometer entfernt wartet einer. Also eigentlich nicht einer. Zwei vielmehr. Von denen ist einer aber das Warten gewöhnt. Es ist die zweite Natur eines Autos, still zu stehen und zu warten. Darauf, dass einer kommt und das Feuer zündet. Darauf, dass die Startflagge fällt. Auch der kleine offene Rote. Am Anfang lag bei ihm darin etwas Lauerndes, eine stets ­vibrierende Einsatzbereitschaft und der konzentrierte Wille zum Sieg. Das war Mitte der 1950er. Da war er einmal bei der Mille Miglia gestartet.

Ennstal Classic Tobias Moretti 2010

Als berühmte Einzelerscheinung ist der Alfa 1900 Sport Spider danach gleich in den Zustand heiligenmäßigen Bewahrtwerdens übergegangen, sein Siegeswille hat sich also ins Zenbuddhistische verschoben und jede Schonungslosigkeit verloren. Er muss fahren, weil er sonst sterben würde. Aber das ­Warten und Bestauntwerden ist nun fast die Hauptsache. Mit Blick auf die museale Ewigkeit würde ihm mein Zuspätkommen nicht weiter auffallen.

Den Tiroler wollte ich nicht warten lassen. Wegen ihm also die Eile. Und dann war er noch gar nicht da. Die steirische Sommernacht war schon rabenschwarz geworden, als das Telefon läutete und er sagte, dass ein Bulle ihn tief in den Kärntner Bergen vom Motorrad geholt und ihm höflich zu verstehen gegeben hatte, besser die Nacht noch in südlicher Gastfreundschaft zu verbringen, um den Schweiß etwas abtropfen zu lassen, und die Weiterfahrt erst am nächsten Tag mit kühlem Kopf anzutreten. Freilich, fügte der freundliche Beamte hinzu, würde man sich am folgenden Morgen noch über eine zweite Begegnung in der Amtsstube freuen und könne bei dieser Gelegenheit dann auch einen Blick auf den Führerschein werfen.

Der Rote wartete schon startbereit im geschichtsschweren Defilee auf der Hauptstraße, als Tobias Moretti am nächsten Morgen auf seiner BMW in Gröbming ankam. Die Kustoden der Alfa-Himmelswerkstatt, die uns für die nächsten zwei Tage wie Schutzengel umkreisen würden, hatten den kleinen Rennwagen warm laufen lassen und vorgefahren. Tobias hatte auf den Spider bestanden. Vor zwei Jahren war er schon einmal mit dem Sport Spider die Ennstal Classic gefahren, und die Liebe war tief eingefahren. Der Alfa und sein Romeo. Es musste unbedingt ein zweites Mal geben, diesmal mit mir an seiner Seite, das hatten wir ausgemacht, an einem verschneiten Vormittag im Café Schwarzenberg.

Was ich damals über den Rand des Kaffeehäferls hinweg geflissentlich übersah: Mein notorisches Problem mit der Zeit. Die gnadenlose Wetterexponiertheit in einem Auto, das nicht einmal über den Anflug eines Dachs verfügt. Und den Umstand, dass ich in einem rechtsgelenkten 1954er-Alfa links sitzen und als ohnehin untalentierte Beifahrerin perspektivisch leiden würde. Aber durch nichts, sagte Tobias mit einem das Abenteuer des Lebens verheißenden Blick seiner blauen Augen, durch absolut nichts würden wir uns die Hetz verderben lassen.

Ennstal Classic Tobias Moretti 2010

Von wegen. Der Stoderzinken war mein erstes Waterloo. Rookie-Pech, könnte man sagen. Andererseits müsste man eigentlich wissen, dass es Uhren gibt, die mechanisch funktionieren. Auch Stoppuhren. Die muss man aufziehen. Und zwar vor dem Start, denn niemand, absolut niemand kann durch leises Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, Dreiundzwanzig…-Zählen das zeitgenaue Befahren einer Sonderprüfung hinkriegen. Im Leben nicht. Schon zwei falsch betonte Buchstaben werfen dich aus dem Rennen. Und an der ­Seite eines Menschen wie dem Tobias, den jeder bis in die letzten Winkel der entlegensten Bergtäler hinein kennt, kriegen das alle mit. ALLE!

Zu den 1000 Strafpunkten auf der Stoder Bergwertung sollten auf den restlichen 850 Kilometern der Ennstal-Rallye noch weitere 23.306 dazukommen, und hätte sich in mir nach der ersten Niederlage nicht etwas aufgebäumt, das mich die Nähe der beiden deutschen Ladies im weißen Ferrari GT 250 mit der Nummer 73 hat suchen lassen, die mit bunten Klebestreifen und Textmarkern ihr Roadbook vorbildlich präpariert hatten und Tipps inklusive Büromaterial gerne an mich weitergaben, hätte ich mich also nicht anstecken lassen von diesem blöden Ehrgeiz, wären wir vielleicht Letzte geworden und damit wahre Helden.

Nun ist es nicht so, dass Tobias Moretti keinen Ehrgeiz kennt. Er fährt leidenschaftlich gerne Auto und Motorrad. Daheim in Tirol hat er eine mit köstlicher Gerätschaft recht dicht besetzte Garage. Ihm gehören neben der BMW HP2 Megamoto, mit der er nach Gröbming gekommen ist, noch eine KTM fürs harte Gelände und eine Ducati 988 S, die ein ziemlich martialischer ­Straßenracer ist und nur etwas für Menschen, die sich nicht schnell fürchten. Dazu drei alte Alfas, einer davon ein 1972er 2000 GT Veloce, von dem er uns schon einmal gesagt hat, dass man damit „Kurven fahren kann, dass du glaubst, dir bleibt das Hirn stehen“.

Auch als Lizenz-Rennfahrer hat er sich in seinem Leben schon versucht. Einige Male ging er beim Porsche Super Cup an den Start, wurde 1997 in Imola Zwölfter, holte sich aber auch den einen oder anderen Denkzettel ab, etwa als er mit 190 km/h in eine Mauer fuhr. Seinen ganz eigenen Umgang mit der Angst nennt er das Rennfahren.

Weniger seines ist die Geduld für ein Renn-Reglement, das auf längeren Etappen eine durchgehende, folternd verhaltene Befahrung mit 50 Stundenkilometern vorsieht. Zumal man auf einer solchen Passage bei der Ennstal Classic ein- bis zweimal unbemerkt geblitzt wird und 95 Prozent der Tapferkeit für A und F ist, wenn dies just in den Momenten passiert, in denen einen kurzfristig die Disziplin verlassen hat.

Ennstal Classic Tobias Moretti 2010

Mit gutem Willen allein ist da nichts zu machen. Auf meinem rechten Knie lag also eine Schnitttabelle, von der ich die Sollzeit in 100-Meter-Schritten ablas, um diese mit der Stoppuhr (aufgezogen!) und dem Pi-mal-Daumen-genauen Km-Zähler zu vergleichen und dem Herrn Burgschauspieler, der den König Ottokar spielen kann, dass einem die Gänsehaut über den Rücken läuft, in rohem Kasernenton Schneller!-Langsamer!-Schneller!-Kommandos zuzurufen. Widerspruch im Sekundentakt, so lässt sich keine Beziehung erhalten, die auf gegenseitigen Respekt ausgelegt ist. Keine 850 Kilometer lang.

Wir haben die Radstädter Tauern überstanden, die Nockalm und die Turracher Höhe, sind gut am Prebersee vorbeigekommen und begannen hinter Schöderberg gerade den Aufstieg zum Sölkpass, als sich das Ideal des Unternehmens in strömendem Regen auflöste. Ein Gewitter von endzeitmäßiger Dimension entlud sich über dem Tauern-Massiv, die Sicht fiel innert Sekunden auf Null, das Papier in meinen Händen zerrann zu Brei, das Wasser floss mir im Nacken in den Regenoverall, sammelte sich im Sitz zu einem See und stand mir ab St. Nikolai bis zum obersten Lendenwirbel. Niederöblarn erreichten wir in völliger Dunkelheit dreißig Sekunden vor unserem zugewiesenen Startfenster, in gestrecktem Galopp, einen Abschneider über die Wiese nehmend. Den Rest der Tagesetappe schluckte die Nacht.

Am zweiten Tag änderten wir unsere Strategie. Wir würden auf Vorsprung fahren, dem Alfa-Tier, das zu den schnellsten und mit seinem Bertone-Design auch zu den schönsten Rennautos der Weltgeschichte zählt, seinen Auslauf lassen und weniger auf den Tacho als auf den Swing achten. Die Sölktäler, die lang gestreckt sind und in perfekter Dramaturgie vom Ennstal zum Pass hinaufführen, lagen ruhig in der morgendlichen Kühle unter einem strahlend blau gewaschenen Himmel. Es würde ein heißer Tag werden.

Wir trieben den 900-Kilo-Wagen, dessen Zweiliter-Vierzylinder in der ­offenen Art der Saugmotoren ordentliche 140 PS liefert, bergwärts. Mit einem heiseren Röhren, das genau auf Höhe meines linken Ohres dem seitlichen Rohr entströmte, arbeiteten wir uns in anmutigen Schwüngen im Feld nach vorne, liefen hinter der Erzherzog-Johann-Höhe auf den Jaguar XK 140 von ­Michael Münzenmaier auf, mit dem wir uns einen jauchzenden Paarlauf bis hinüber ins Wölzer-Land lieferten, bis wir auch ihn hinter uns ließen, weil der Alfa seiner Geschichte als Langstreckenläufer gemäß den größeren Tank hat und erst spät am Nachmittag das erste Mal nachgefüllt werden musste.

Nach Möderbrugg war ein Bentley 4 ½ dran, nach St. Johann Mario ­Thyssen und Christian Klien in einem BMW 328 Roadster, dann ein Lancia Lambda Bj. 1927, ein alter Alfa 8C Monza und ein Riley, vor Trieben musste auch Graf Leopold (ebenfalls in einem BMW 328) dran glauben. Bis Admont haben wir jedenfalls 48 Plätze gut gemacht, die wir am Nachmittag bei einem Bade-Abstecher zum Grundlsee wieder verschenkten. Zum Zwischenstart in Bad Aussee kamen wir gewohnt zu spät, in gewagter Fahrt an der jubelnden Menge vorbei die wartende Kolonne überholend, um danach wieder Platz für Platz gut zu machen und den Vorsprung für ein weiteres Bad am Fuße der Postalmstraße im klirrendkalten Weißenbach zu nehmen.

Das war kein Spaziergang. Vielmehr ein echtes Stück Arbeit. Der Sport Spider ist ein hartes Renngerät, verlangt entsprechend Krafteinsatz an der ­Pedalerie und Oberkörpermuskulatur für die Lenkerei. Das Thema Inneneinrichtung wurde großflächig ausgespart. Es gibt je ein Staufach in den Türen, das mit Regenschutz, Wasserflaschen, Sonnencreme und den Fahrtunterlagen völlig ausgelastet ist. Komfort ist ein Fremdwort. Keine Möglichkeit zum ­ergonomischen Feintuning der Sitze, wenn man nach 500 Kilometern vielleicht schon ein bisschen müde geworden ist und dem Rückgrat einen anderen Haltungswinkel gönnen möchte.

Den Tobias hat das alles nicht gekratzt. Er stieg nach einem Tag wie diesem am Abend so frisch aus dem Alfa aus, wie er am Morgen eingestiegen war. Vielleicht hat das mit Tirol und den Bergen zu tun, mit der Landwirtschaft, der Jägerei und dem Sport, den er betreibt. Im Sommer, erzählt er en passant, war er am Großglockner. Mit dem Fahrrad. Er hat sich beim ­Hinauffahren von einem Freund coachen lassen, damit er sich nicht auf den ersten sieben Kehren ausbrennt. In Summe war die Tour fast 500 Kilometer lang. Er hat das einfach gebraucht, sagt er noch, schnürt schon seine sieben Zwetschgen aufs Motorrad und fährt los. In die Toskana. Wo seine Julia wartet und die Kinder.

Mehr zum Thema
pixel