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Hybrid- oder Elektroantrieb?
 

Das Wunder von Rüsselsheim

Opel hat aus dem kommunikationsstrategischen Fauxpas seiner amerikanischen Mutter gelernt. Ist die Revolution damit gerettet?

22.08.2011 Autorevue Magazin

Das Geschäft mit Wundern ist ein einträgliches, wenn auch eines, das einem Hochseilakt gleicht. Links und rechts einer daumen­schmalen dialektischen Wahrheit gähnt der Abgrund der Ungewissheit, der aus einem beklatschten Artisten im besten aller Fälle einen bedauernswerten Patienten machen kann. Opel verspricht nicht weniger als ein Wunder, wenn man den Ampera als das ­„erste voll alltagstaugliche Elektroauto für grenzenlose Mobilität“ sieht – so der Pressetext, der anlässlich der jüngsten intensiveren Testfahrten mit dem jetzt serienreifen Ampera in den Niederlanden verteilt wurde. Grenzenlose E-Mobilität? Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Der Ampera ist als alltagstauglicher Stromfahrer mit seiner per Generatorbetrieb erweiterten Reichweite von 300 km für Opel ein immens wichtiges Modell. Er muss die Rüsselsheimer als Technologievorreiter unter den deutschen Wertmarken etablieren und eine tragfähige Basis schaffen, auf der sich für die GM-Tochter zielstrebig eine ambitionierte Markenstrategie aufbauen lässt. Die jüngsten Verkaufsgerüchte haben gezeigt, dass Opel bei dem von GM gepushten Welteroberungskurs der Schwesternmarke Chevrolet in Europa nicht auf rücksichtsvolle Strategie-Absprachen mit den Amerikanern hoffen darf.

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Der Opel-Pressetext jedenfalls klingt wie eine Wettkampfansage an die eigenen Reihen. Erster? Das stimmt so nicht ganz. In Amerika ist Chevrolet mit dem baugleichen Volt bereits seit einem Jahr auf dem Markt, und die Europa-Erstanlandung des Modell-Duos Volt/Ampera ist zeitgleich für Ende dieses Jahres vorgesehen. Auch in Österreich wird Opel keinen Vorlauf herausschinden können, sowohl der rund 1.000 Euro günstigere Chevy Volt als auch der Ampera (Startpreis 42.900 Euro) sind derzeit für ungefähr Anfang 2012 angekündigt.

Auch am Begriff Elektroauto kann man sich festbeißen: Es gibt da eine sensible zweite Wahrheit im Kleingedruckten, seit sich General Motors im Herbst 2010 bei den ersten Testfahrten des Volt in den USA von der amerikanischen Fachpresse Ungenauigkeiten in den Werksangaben nachweisen lassen musste. Man fand heraus, dass es – entgegen den Werksangaben – Situationen gibt, bei ­denen der benzinbetriebene Generator-Motor seine Kraft im Extremfall (steil bergauf bei niedrigem Batteriestand, zum Beispiel) über ein komplexes Planetengetriebe auch direkt zum Antrieb der Räder nützt und damit den E-Motor unterstützt. Dass dies auch beim Ampera der Fall ist, flocht Opel selbstredend in seine Präsentation ein, ohne dabei allerdings auf das Dilemma einzugehen, ob sich Volt/Ampera dann noch so ohne weiteres Elektroauto nennen dürfe oder nun streng genommen in die Hybrid-Sparte (mit umgekehrten Vorzeichen freilich) fällt.

Der Vorwurf, durch begriffliche Haarspalterei eine gute, weil echt alltagstaugliche Mobilitätsalternative schlechtreden zu wollen, ist unberechtigt. Genau diese haarfeine Festlegungslinie könnte in Zukunft über Erfolg oder Nichterfolg eines Modells auf einzelnen Märkten entscheiden. In Österreich lässt sich am Beispiel der Vorsteuerabzugs-Berechtigung nachvollziehen, wie eine willkürlich ausverhandelte Festlegung ­bestimmte Modelle bevorzugt und andere benachteiligt.

Über Förderbestimmungen für Alternativ-Antriebe bzw. Restriktionen in der Benutzung konventioneller Autos z. B. in Großstädten beginnt man vielerorts gerade erst nachzudenken, die finanziellen Ressourcen von Staaten und Ländern werden mittelfristig entscheiden, wie großzügig oder detailreitend man systemische Demarkationslinien im Mobilitäts­bereich festlegen wird.

Eines lässt sich freilich – als durchaus herausragend – einzig beim Ampera ausmachen: Anders als im Volt und in Plug-In-Hybrids (wie z. B. beim kommenden Toyota Prius) kann der Fahrer ­darüber bestimmen, ob er – vereinfacht gesagt – im Verbrennungs- oder im reinen Strom-Betrieb fahren will. Der Ampera verfügt über mehrere über den Bordcomputer anwähl­bare Antriebsmodi, von denen einer durch sofortigen und andauernden Einsatz des Benzin-Generators die Batterie auf ihrem aktuellen Lade-Level hält (der Fahrmodus wird deshalb HOLD genannt), so kann man sich alles an Saft für den Zielort aufsparen, während im Normal-Betrieb stets solange ausschließlich mit Strom gefahren wird, bis die Batterie leer ist oder einen kritischen Mindeststand erreicht hat. Im flachen Holland kamen wir 73 Kilometer weit. Eine Sperr-Schaltung für den Generator-Betrieb gibt es allerdings nicht.

10.000 Amperas werden nächstes Jahr nach Europa kommen, 300 davon nach Österreich. Für mehr als die Hälfte liegen jetzt schon Vorbestellungen vor, beim Marktstart wird der Ampera also bereits ausverkauft sein. Als echtes Wunder geht das nicht durch. Als kleine Revolution schon. Für Opel jedenfalls.

Bei dieser Präsentation ist vom Antrieb durch den Verbrennungsmotor nichts zu sehen. Haarspalterei?

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  • Erfolgt der Antrieb rein elektrisch, ist es kein Hybridantrieb, sondern eben ein Elektroantrieb. Wo der Strom dafür herkommt, ist ja dann wurscht. Theoretisch könnte ich ja ein Elektroauto auch mit einem Benzin-Generator in der Garage laden. (Oder anders, um es zu verdeutlichen, auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Wenn ich im Kofferraum meines Mitsubishi iMiev einen Benzingenerator mitnehme, um die Batterie irgendwo zu laden, wird aus meinem iMiev ja kein Hybridauto)

    Die Wahrnehmung bisher war, dass beim Ampera dieser Generator eben im Kofferraum sitzt. Das ist zwar richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Es ist nicht nur ein Generator, sondern eben auch ein Antriebsmotor.

    Damit ist der Ampera ein Hybridauto.

    Der Unterschied ist eigentlich Haarspalterei, da der Motor nur in wenigen Situationen überhaupt die Räder antreibt. Interessant wird es aber, wenn sich Bund und Länder überall auf der Welt ein Subventions- oder Steuererleichterungspaket für Elektroautos ausgedacht haben. Ob das Auto dann in die jeweilige Definition passt bleibt abzuwarten.

    PS: Sorry, Firefox.

  • Statuskrah

    Was ich bei dieser seltsamen Diskussion noch nie verstanden habe: Ein Auto, das einen Elektromotor und einen Verbrennungsmotor mit sich herumfährt, ist das definitionsgemäß nicht jedenfalls ein Hybridantrieb, wurscht was der Verbrennungsmotor im Detail macht oder nicht macht? Und was mich im Moment noch mehr interessieren würde: Weiß irgendwer, wie man diese bescheuerte automatische Rechtschreibkorrektur im neuen Safari abschaltet?

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