Ferrari 212 Inter Vignale 1953 Radical Mag Peter Ruch
 

1953 – Veteran: Das Ende vom Anfang

Der Bestseller eines Kleinstherstellers. Dann kam Pininfarina und der große Durchbruch.

28.04.2011 radical mag

Alfredo Vignale, geboren 1913, hatte sein Handwerk bei Stabilimenti Farina gelernt. Nach dem 2. Weltkrieg macht er sich selbständig – und wurde überraschend schnell zu einem der ganz Grossen unter den italienischen Maßschneidern. Obwohl er eigentlich ganz klein begann, mit einem Fiat 500. Es wurde nie ganz klar, ob Alfredo Vignale selber auch gestalterisches Talent hatte, doch er hatte auf jeden Fall ein gutes Beziehungsnetz in die Plüschetagen von Fiat, Lancia, aber auch Maserati, Cisitalia und Ferrari. Noch mehr hatte er aber ein gutes Händchen in der Auswahl seiner Mitarbeiter – Giovanni Michelotti gehörte dazu, und dieser ausgezeichnete Designer, der einige der schönsten Autos der Nachkriegszeit gezeichnet hat, formte einige der berühmtesten Vignale-Aufbauten.

Ferrari 212 Inter Vignale 1953 Radical Mag Peter Ruch

Vignale war berühmt und in Italien hoch geschätzt dafür, dass die Karosserien von höchster Qualität waren, sehr sauber verarbeitet. Dazu hatte Vignale die Eigenheit, dass es eigentlich keine zwei Fahrzeuge gab, die genau gleich waren, es waren immer feine, manchmal sehr kleine Unterschiede, die den Reiz der Vignale-Karosserien ausmachten. So erhielt Vignale etwa auch den Auftrag von Cisitalia, den von Pininfarina entworfenen 202, der schon 1951 als herausragendes Beispiel für ausgezeichnetes Design in die ständige Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen worden war, zu fertigen. Eine ungewöhnliche Kooperation hatte Alfredo Vignale auch mit dem tschechischen Hersteller Tatra, für den ein Mitarbeiter namens Varesio (der Vorname ging leider vergessen) 1968 den berühmten 613 zeichnete, der sich als eines der langlebigsten Automobile aller Zeiten hervortun sollte, denn er wurde von 1974 bis 1996 quasi unverändert gebaut. Doch der Deal mit dem Kommunisten brachte Vignale in Italien in Verruf, dazu kam er ins Fahrwasser des mehr als nur umtriebigen Argentiniers Alejandro de Tomaso, und 1969 musste er seine Firma an Ghia verkaufen. Drei Tage später starb Alfredo Vignale bei einem Verkehrsunfall, dessen genaue Umstände bis heute nicht geklärt sind.

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Alfredo Vignale pflegte ein freundschaftliches Verhältnis mit einem der schwierigsten Kunden überhaupt: Enzo Ferrari. Die beiden Männer verstanden sich auch deshalb gut, weil sie absolute Detail-Fanatiker waren – und richtige Patrons. Der „Commendatore“ hielt sonst nicht viel von Designern, aber bei Vignale war das anders, mit dem Turiner konnte er sich auf Augenhöhe über seine geliebten Autos unterhalten, und konnte erst noch Verständnis erwarten für seinen Perfektions-Drang. Die Zusammenarbeit begann 1950 mit einem 166 Coupé, bis 1953 waren die Turiner so etwas wie der Haus-Designer, dann begann die Vorherrschaft von Pininfarina. 1968 baute Vignale noch einmal ein ganz außergewöhnliches Stück für Ferrari, den 330 Shooting Brake, der aber (glücklicherweise) ein Einzelstück blieb.

Ferrari ist auch 1953 noch immer ein Kleinst-Hersteller. Doch das Modell 212, gebaut zwischen 1951 und 1953, ist so ein bisschen der Bestseller jener frühen Jahre, rund 110 Stück wurden produziert. Der 212 ist zudem zusammen mit seinem größeren Bruder, dem 225S, das letzte Ferrari-Modell vor dem großen Durchbruch mit dem 250ern – und ein 212er war der erste Ferrari, an den Pininfarina seine Hände legte. Und schließlich war es zwei 212, die Ferrari 1951 den ersten Sieg bei der legendären Carrera Panamericana bescherten.

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Es gab die 212 entweder als Export (wahrscheinlich 24 Exemplare), mit den geraden Chassis-Nummer, die bei Ferrari für die Renn-Fahrzeuge reserviert blieben, oder dann als Inter (84 oder 86 Stück), die Straßenfahrzeuge mit den ungeraden Chassis-Nummern. Es gibt nur wenige Ferrari, bei denen es in der einschlägigen Literatur so unterschiedliche Angaben gibt, wer denn nun wie viele der Fahrzeuge eingekleidet hat. Also wollen wir uns nicht weiter auf dieses Thema versteifen. Gegen Ende des (kurzen) Lebenszyklus des 212 gab es dann noch eine zusätzliche Variante, die Inter Europa, wieder ungerade Chassis-Nummern, aber dazu noch das Suffix „EU“.

Der Hubraum betrug bei den 212 genau 2562,51 ccm (Bohrung x Hub: 68 x 58,8 mm); eigentlich hätte er also 213 heißen müssen. Mit einem 32er-Weber-Vergaser und einer Verdichtung von 7,5:1 kam der Colombo-V12 auf etwa 130 PS, doch die meisten Kunden wünschten sich auch bei den Inter ein paar Pferdchen mehr, und so gab es dann auch drei 36er-Weber, eine Verdichtung von 8,5:1 und dann rund 170 PS. Damit schaffte so ein rund 1000 Kilo schwerer 212 Inter, dessen Radstand 2,6 Meter betrug, dann problemlos 200 km/h und beschleunigte in 9 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

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Wir haben es hier mit einem so genannten «Geneva Coupé» zu tun. Sechs Stück davon wurden bei Vignale gebaut, alle 1953, sie gehörten alle zu den letzten hergestellten 212 Inter. Speziell an diesen Fahrzeugen ist das ziemlich dramatische Design, das Alfredo Vignale und Giovanni Michelotti den Wagen verpassten, das auch eine große Ähnlichkeit hat zum 340 Mexico von 1952. Man kann hier außerdem gut erste amerikanische Einflüsse, vor allem von Harley Earl, sehen, kleine Flossen hinten, das Flugzeug-ähnliche Dach. Die „Geneva Coupé“, die so heißen, weil das erste Exemplar 1953 auf dem Auto-Salon von Genf ausgestellt worden war, wurden komplett in Alu gebaut – etwas, was Alfredo Vignale persönlich anscheinend so gut konnte wie kein anderer, er trug auch den Übernamen «der Mann mit dem Hammer». Die Linien, sagt man, sollen Vignale und Michelotti gemeinsam in der Staub auf dem Boden der Turiner Vignale-Fabrik gezeichnet haben.

Dieses Fahrzeug war einer der ersten Ferrari, der schon als Neuwagen gleich in die USA verkauft wurde, an einen Alfred Momo aus New York. Dieses „Geneva Coupé“ mit der klassischen Rosso-Rubino-Lackierung blieb bis 2002 in den USA, dann kaufte ein bekannter japanischer Sammler den Wagen – und fuhr ihn ausgiebig, zum Beispiel auch vier Mal bei der Neuauflage der „Mille Miglia“.

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Es gibt einige ganz besondere 212, etwa die «Hummel», ein Vignale-Entwurf mit der Chassisnummer 0197EL, die in einer sehr außergewöhnlichen Kombination von Gelb und Schwarz lackiert war. Oder jenen 212er mit der Chassisnummer 0265 und einer Pininfarina-Karosse, den Roberto Rossellini seiner Frau Ingrid Bergmann zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Also, er wollte ihn ihr zum ersten Hochzeitstag schenken, doch bis das Fahrzeug endlich ausgeliefert wurde, schrieb man schon das Jahr 1953, das Paar war dann schon fast drei Jahre verheiratet. Die beiden brachen mit dem 212 am 5. Juni 1953 zu einer Reise von Rom nach Stockholm auf, es gibt Bilder von dem Fahrzeug mit Gepäckträger. Am 30. Januar 1954 verkaufte der notorisch in Finanznöten steckende Rossellini den Wagen aber bereits wieder.

Diese 212er waren ab 1951, wie eingangs erwähnt, die ersten Ferrari, die von Pininfarina eingekleidet wurden. Zuerst zeichneten die Turiner nur je ein Cabrio und ein Coupé, doch die eher strengen Linien gefielen dem Publikum bestens, und 1952/53 entstanden dann ungefähr 15 Pininfarina-Exemplare des 212 Inter. Für Vignale war das allerdings ein großes Problem, denn sobald Pininfarina mit von der Partie war, hatten Alfredo und seine Mitarbeiter gar nichts mehr zu berichten. Das könnte auch daran gelegen haben, dass Vignale öfters ziemlich daneben griff. Oder wie es Ferrari-Kenner Marcel Massini einmal ausdrückte: «Es muss gesagt sein, dass einige Versionen außerordentlich schrecklich aussahen.»

Der hier gezeigte Vignale von 1953 ist einer der letzten Ferrari, der von Vignale eingekleidet wurde, und er ist ganz sicher kein schreckliches Automobil. Sonst wäre er wohl kaum im vergangenen Jahr von RM Auctions für 654.000 Dollar verkauft worden.

Mit freundlicher Unterstützung von www.radical-mag.com

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