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Mercedes-Benz 280SE 3.5
 

Das Auto zum Wirtschaftswunder

In Zeiten von Heta, Grexit und Ähnlichem von einem Wirtschaftswunderauto zu schreiben kann schon fast als zynisch ausgelegt werden. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Geschichte des W112.

07.07.2015 radical mag

Es war eine glanzvolle Premiere für zwei luxuriöse Oberklasse-Automobile, die im März auf dem 32. Automobil-Salon Genf gefeiert wurde: Mercedes-Benz stellte die Typen 300 SE Coupé und 300 SE Cabriolet der Baureihe W 112 vor. Sowohl Coupé als auch Cabriolet entstanden stilistisch auf Basis der entsprechenden Varianten des Typs 220 SE (W 111). Die Plattform wurde ungekürzt von der Limousine übernommen, die als «Heckflosse» bekannt war, was den stattlichen Ausmaßen der beiden Fahrzeuge mit 2,75 Meter Radstand und einer Gesamtlänge von 4,88 Metern erklärt.

Viel Chrom und feine Serienausstattung

Die neuen Typen trugen allerdings gegenüber den Ausführungen mit 2,2-Liter-Motor viel zusätzliches Chrom und waren mit Motor und Technik der Limousine 300 SE ausgestattet. Der Reihensechszylinder-Leichtmetallmotor leistete zunächst 160 PS bei 5.000/min, ab 1964 stellte der Motor dann 170 PS bei 5.400/min zur Verfügung. Je nach Hinterachsübersetzung und Motorvariante erreichen Coupé und Cabriolet damit Höchstgeschwindigkeiten zwischen 175 km/h und 195 km/h. Zur Serienausstattung gehörten ein Viergang-Automatikgetriebe, Servolenkung, Luftfederung sowie eine Zweikreisbremsanlage mit Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrädern.

Mercedes W112 (13)
© Bild: Eric Fuller/Courtesy of RM Auctions

Auf Wunsch gibt’s Geborgenheit, wie in einem Coupé

Die beiden neuen Typen markierten Anfang der 60er nicht nur die Spitzenposition ihrer Baureihe. Sie setzen auch ganz allgemein Maßstäbe für zwei exklusive Karosserieformen, hinter denen jeweils eine besondere Interpretation der Faszination am Automobil steckt: dem Coupé und dem Cabriolet der Oberklasse. Ein Coupé der Oberklasse zu fahren, das ist eine so exklusive wie elegante Form der Automobilkultur. Denn der zweitürige geschlossene Reisewagen vereinte fließende Formen und sportliches Ambiente mit leistungsfähigen Antrieben und feiner Ausstattung. Das Oberklasse-Cabriolet hingegen öffnete sich zum Himmel, «es riss die Grenzen nieder zwischen Fahrgastraum und Umwelt», wie das Mercedes beschreibt. Insbesondere mit zurückgeschlagenem Verdeck konnte das Cabrio eine Ursprünglichkeit des Unterwegsseins im Automobil mit repräsentativem und doch sportlichem Reisen verbinden. Das solide Verdeck bot zudem auf Wunsch (fast) die Geborgenheit eines Coupés.

Das Wirtschaftswunder

Vor allem aber waren sowohl Coupé als auch Cabrio der wohl schönste Ausdruck dafür, dass sich Deutschland vom 2. Weltkrieg erholt hatte, in den 60er Jahren ein wahres Wirtschaftswunder erlebte. Wer sich so einen W112 leisten konnte, der zeigte nach außen, dass er es geschafft hatte. Und über einen ausgezeichneten Geschmack verfügte. Das sah auch «auto, motor und sport» so, die in ihrem Heft 7/1962 die beiden neuen Typen als «Non-plus-ultra des modernen Automobilbaus» würdigte. Doch nicht nur in Deutschland waren die schönen Benzen Statussymbole, auch in den USA waren die W112 sehr beliebt.

Mercedes W112 (14)
© Bild: Eric Fuller/Courtesy of RM Auctions

Neue Wege beim Design

Die Zweitürer überzeugten als originale, eigenständige Fahrzeugentwürfe – und das bei aller technischen und stilistischen Nähe zur Limousine. So verwendete Mercedes-Benz kein zentrales Rohbauteil des Viertürers für die Konstruktion von Coupé und Cabriolet. Auch beim Design gingen die Entwickler der Zweitürer eigene Wege, zum Beispiel deuteten sie die Heckflossen der Limousine bei Coupé und Cabriolet nur noch an.

Enge Verwandtschaft

Untereinander waren die beiden Zweitürer allerdings eng miteinander verwandt: Bis auf das fehlende Dach und die erforderlichen Karosserieversteifungen entsprach das Cabriolet in allen Einzelheiten dem Coupé. Das Coupé hätte sogar das Potenzial für weitere Modelle geboten. Das zeigte die Modifikation eines 300 SE Coupés im Jahr 1962: Für diese Einzelanfertigung entfernte die Versuchsabteilung den hinteren Dachabschluss mit der Heckscheibe und installierte ein versenkbares Klappverdeck. So entstand ein besonders exklusives Landaulet, das allerdings nicht in Serie ging.

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© Bild: Werk

Zeitlose Klassiker

Die Mercedes-Benz Coupés und Cabriolets der Oberklasse erwiesen sich schon während der 1960er-Jahre als zeitlose Klassiker. Im Sommer 1965 wurden nämlich die «Heckflossen»-Limousinen W 111 und W 112 durch die Baureihe W 108 abgelöst, lediglich der Typ 230 S, der durch die Überarbeitung des Typs 220 Sb entstand, wurde noch bis 1968 gebaut, unter anderem auch als Kombilimousine 230 S Universal. Die Coupés und Cabriolets blieben jedoch weiter im Programm: Die exklusiven Zweitürer wirkten auch neben den Limousinen der neuen Generation frisch und elegant. Allerdings gab es für die Zweitürer einige Detailveränderungen auf der technischen Basis der neuen Limousinen. Bei den Typen 300 SE gehören dazu beispielsweise größer dimensionierte Scheibenbremsen, 14-Zoll-Räder und auch ein manuelles 4-Gang-Getriebe.

Die exklusivste Variante

Die offene Ausführung des 300 SE ist mit gerade einmal 708 produzierten Einheiten die exklusivste Variante aller Coupés und Cabriolets der Mercedes-Benz Oberklasse dieser Baureihe. Das Coupé des Typs 300 SE wird von 1962 bis 1967 genau 2.419 Mal gebaut. Im September 1969 standen dann als standesgemäße Nachfolger die Typen 280 SE 3.5 Coupé und Cabriolet bereit. Ihr völlig neu entwickelter 3,5-Liter-V8-Motor lieferte 200 PS. Hier wird die Nomenklatur von Mercedes dann allerdings etwas undurchsichtig: die 3,5-Liter-Modelle wurden wieder der Baureihe W111 zugeordnet, nur bis 1971 gebaut, obwohl die Stückzahlen doch deutlich höher waren als beim W112 (es entstanden 3.270 Coupé und 1.232 Cabrios).

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-classic.com

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