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Chinesisch Autofahren

Wie sich Angst in Hochachtung und wieder in Angst verwandeln kann.

30.06.2010 Autorevue Magazin

Man kann sich einem Land über seine Kultur nähern. Über seine Sprache. Über seine Literatur. Über seine Sehenswürdigkeiten. Man kann ein Land aber auch erfahren, indem man es erfährt. Nach dem Motto: Schau dir an, wie die Leute dort Autofahren, und du wirst ihnen in die Seele blicken, zumindest ein Stück weit.

Es muss am individualitätsblinden Wir-Gefühl eines 1,4-Milliarden-Volks liegen, dass die Chinesen fahren als wäre Verkehr ein Wettkampf der Ausprägung „Ich gegen den Rest der Welt“. Dabei handelt es sich um ein ICH in Ausbildung, wobei die Ausbildung einem Selbsterfahrungskurs mit dem zentralen Element der permanenten Grenzerfahrung gleicht.

Der scheinbar gesicherten Erkenntnis, dass dort, wo etwas ist, – auch teilweise – nicht gleichzeitig etwas anderes sein kann, steht man in China grundsätzlich skeptisch gegenüber. Völlig überzeugt ist man hingegen davon, dass es einen Weg überall dort gibt, wo genug oder gerade genug Platz für ein Auto ist. Ob das ein Pannenstreifen oder eine durch schiere Verdrängung produzierte fünfte Spur auf einer dreispurigen Autobahn ist, verdient dabei keine weitere Berücksichtigung.

In Shanghai (nur so als Beispiel) aus dem Flugzeug gespuckt und unmittelbar nach einem Langstreckenflug-Schlafkoma einem chinesischen Porsche-Panamera-Chauffeur überantwortet, klickt das Empfinden eines durchschnittlich überlebenstrainierten Mitteleuropäers in Wimpernschlagschnelle von Neugierde zu Erstaunen zu Befremdung zu Unwohlsein und schlägt am Ende in P-A-N-I-K!!! um, wenn der tapfere Chinese am Steuer das erste Mal mit mindestens 130 km/h von besagter fünfter Spur auf dem ganz rechten Rand der dreispurigen Autobahn beinhart nach links zieht, dabei eine sich erst in der Bewegung öffnende Lücke zwischen zwei LKW-Zügen nützt, drei brave Mittelklasse-Limousinen als Slalom-Pylonen links-rechts-links nimmt und sich dann von einer geschlossenen Fahrzeugformation hart bremsend in die Knie zwingen lässt.

Generell lassen sich folgende Beobachtungen protokollieren, die im stoisch-grenzwärtigen Tun so etwas wie ein Muster nachvollziehbar machen: LKW fahren grundsätzlich auf der linken Spur. Wenn die Position ganz links eben schon besetzt ist, reiht man sich an rechter Stelle ein, und gegebenenfalls noch weiter recht, und so fort, bis einem der Asphalt ausgeht. PKW sind kleiner als LKW, sie nehmen sich an Freiraum was übrig ist, egal wo und wie viel. Rücksichtnahme gibt’s nicht. Wer länger am Gas bleibt, gewinnt. Man geht grundsätzlich davon aus, dass der andere nachgibt.

Das Hierarchie ist klar: Kraft ist Macht und Größe macht Eindruck, deshalb kauft in China, wer die nötige Kohle hat, am allerliebsten fette SUVs und Limousinen mit langem Radstand. Diese Modell-Version werden von den ausländischen Herstellern jetzt vorauseilend speziell für den chinesischen Markt produziert, wobei sich die Streckung von manchen Modellen aus europäischer Perspektive ein bisschen als ästhetische oder gesinnungsmäßige Absonderlichkeit ausnimmt (BMW Dreier in LANG; VW Passat in LANG!!), aber: Andere Länder, andere Repräsentationsbedürfnisse. Ein Porsche 911 etwa, im Abendland eine klassische automobile Wunsch-Ikone, wird in China nachgerade als klein belächelt, Cayenne und Panamera sind hier die nachdrücklich begehrten Porsches (nicht von ungefähr wurde die Weltpremiere des Panamera letztes Jahr in Shanghai in einem Wolkenkratzer 500 Meter über der Erde gefeiert).

Will man sich in China straßenverkehrsmäßig auf einen Selbstversuch einlassen, ist das gar nicht so einfach. Fahren darf in der Volksrepublik nur, wer einen chinesischen Führerschein hat. Dafür muss man erst eine Prüfung ablegen und sich mit den lokalen Sicherheitsstandards vertraut machen, die zum Beispiel im Falle eines Zusammenkrachens zweier Autos empfehlen, zur Verletzungsprävention die Beine auf den Sitz hochzuziehen und den Kopf auf die Knie zu legen.

Dann in echt: Ich auf der Straße gegen den Rest von China. Was weniger arg war als der Beifahrer-Tripp, in jedem Fall aber ein demütiges Anerkennen nach sich zog, dass an der Darwin’schen Auslesetheorie etwas dran könnte. In jedem Auto herrscht hinterm Steuer völlige Ich-Bezogenheit, die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer reicht etwa bis drei Millimeter außerhalb der Karosserie, um mehr kann man sich gar nicht kümmern. Wenn jeder so denkt, geht sich das irgendwie aus. Sogar überholen ohne vorher in den Rückspiegel geschaut so haben oder unvermitteltes Abbiegen ohne sich um den Gegenverkehr zu scheren.

Als Europäer bist du freilich ein viel zu höfliches Sandkorn im harten, aber erstaunlich friktionsfreien Fortbewegungsbetrieb. Du bleibst träge zurück im munter dahinschießenden Strom. Gleichzeitig hast du aber auch die Macht das System fast zum Erliegen zu bringen. Man stelle sich vor: Ein Chinese steht am Straßenrand, will über die Fahrbahn, du bleibst stehen, einfach so, und willst ihn hinüberlassen. Der Mann würde heute noch dastehen und irgendwie ins Leere schauen, wie einer der sich von dem, was da vor seinen Augen passiert, einfach nicht betroffen fühlt. Und hinter mir wahrscheinlich ein Stau, der schon durchs halbe Land gereicht hätte. So etwas ist im System schlicht nicht vorgesehen.

Ich bin dann weitergefahren. Und in Shanghai beim Zu-Fuß-Überqueren einer Straße fast über den Haufen gefahren worden, weil der Bus, der auf mich zufuhr, nicht einmal einen Zucker am Gaspedal gemacht hat, als Vorsichts-Reflex, weil da am Zebrastreifen ein Mensch die Straße querte.

Auch ich. In Ausbildung.

(Eine große Geschichte über die rasante Entwicklung, die der chinesische Automarkt nimmt, gibt es in der aktuellen AUTOREVUE 7/2010 zu lesen.)

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