Satt durch Gemüse

In der Nähe von Guang­zhou lotst Walton Wang Millionäre über Stock und Stein und schenkt ihnen zum Abschluss: ein Fotoalbum.

08.12.2011 Autorevue Magazin

Pünktlich um elf Uhr beginnt es zu regnen. Leise erst, dann immer dichter fallen die Tropfen aus grauen Wolken, die als ­dunstige Schleier bis in die dicht bewaldeten runden Hügelkuppen herunter reichen. Kein Windhauch regt sich. In den Lacken tanzen munter Wasserringe. Weiße Blüten wippen unter fallenden Tropfen. Es rauscht im Bambus.

Mit schmatzenden Reifen bricht sich eine Karawane aus vier dunklen Land Rover Discoverys unter tief hängenden, wasserschweren Ästen Bahn, hebt sich langsam über eine nasse Holzbrücke hinweg, klettert über einen Haufen glitschiger Fels­brocken, quert ein Bachbett. Jeder Wagen wird begleitet von einem persönlichen Lotsen, der mit tief in die Stirn gezogener Kapuze im Regen steht, wortlos winkt, per Fingerzeig millimeterkleine Radeinschlags­korrekturen andeutet, dann ein Stück vorauseilt, wieder winkt und deutet und den Koloss mit aufheulendem Achtzylinder im Kriechgang ins triefende Dickicht entlässt.

Die Gelassenheit der Darbietung hat Programm, und einen Namen: Land Rover Experience. Hinter dieser Trademark steckt ein weltumspannendes Abenteuer-Erlebnis-Angebot, das für jeden etwas bereithält, der den Mumm und die Kohle hat, sich einer Grenzerfahrung in Allrad-Geländegängigkeit hinzugeben. Abgesichert von einem Trupp erfahrener Offroad-Profis, kommen so auch von der ­Zivilisation verweichlichte Stadtmenschen sicher über argentinische Fünftausender und durch tropi­sche Schlammmassen, inklusive Übernachtung, medizinischem Beistand und Helikopterüberwachung.

Es ist also nicht außergewöhnlich, was hier passiert. Außergewöhnlich ist, wo es passiert. Wir sind in China. In den Nankun-Bergen in der südchinesischen Provinz Guangdong auf ungefähr 500 Meter Seehöhe. Es ist eine Art sanftes Postkarten-China, das sich koordinatenmäßig aber nicht leicht festpinnen lässt, weil man als lao wei, als Ausländer, als „einer von draußen“, ohne eine der erlernten Landmarks im Blick keine geografische Peilung zusammenbringt in dieser gigantisch dimensionierten Landesweite.

China Reise Landrover Discovery Offroad

Die Nankun-Berge sind ein beschauliches, in sich ruhendes, altes China, eines, das Welten entfernt scheint von den brodelnden, stinkenden, lärmenden, mit Menschen, Hochhäusern und Fahrzeugen vollgestopften Megacitys à la Peking, Shanghai, Hongkong. Tatsächlich ist es von hier nach Hongkong aber nur ein Katzensprung. Nicht weiter als vom Wiener Kahlenberg nach Graz, zum Beispiel, wobei man sich Wiener Neustadt als die 10-Millionen-Provinzhauptstadt Guangzhou (auch „Fabrik der Welt“ genannt) und Gleisdorf als den 12-Millionen-Metromoloch Shenzen vorstellen muss.

Eine perfekte Lage, dachte Walton Wang. Leicht erreichbar und in einem Teil Chinas gelegen, der sich viel früher als der Rest des Landes neuen Entwicklungen gegenüber offen gezeigt hatte. Walton Wang beschloss, hier in den Nankun-Bergen, wo die Luft kühl und sauber ist, die Vögel singen und die Bäche rauschen, in Eigenregie ein Land Rover Experience Center einzurichten. Alleine der nahegelegene Flughafen von Guangzhou, der drittgrößte des Landes, fertigt pro Jahr 40 Millionen Passagiere ab. 2015 sollen es zweimal so viele sein.

Bisher, sagt Wang, waren Chinas Reiche beim Geldausgeben ausschließlich auf Luxusgüter aller Art fixiert. Designer-Kleidung, Luxus-Autos, Kunst, Immobilien. Mit der Sättigung wächst nun aber zunehmend die Sehnsucht nach einer Konsum-Meta-ebene, nach kaufbaren Erlebnis-Großartigkeiten, nach Erfahrungen und Abenteuern. Wie zum Beispiel: im Luxus-Allradler durchs Gemüse zu ackern.

China Reise Landrover Discovery Offroad

Das verkauft Walton Wang. Mit Erfolg. Rund 300 Euro kostet ein 2-Tages-Paket inklusive Übernachtung im nahen Öko-Luxus-Ressort. 300 Euro, so viel verdienen die Menschen hier in den Dörfern am Land durchschnittlich in vier Monaten, in den wohlhabenden kantonesischen Städten liegt das Durchschnittseinkommen monatlich zwischen 600 und 900 Euro.

200 Kunden hat Wang aktuell pro Monat. Das Unternehmen läuft sich gerade warm, die inoffi­zielle Eröffnung des Camps fand erst vor einem Jahr statt. Wang ist kein Fackelträger, kein Enthusiast, kein Ideen-Botschafter. Das Offroad-Camp ist für den 37-Jährigen, der in Deutschland Finanzwirtschaft und Englische Literatur studiert und später für Nissan gearbeitet hat, ein Business-Plan mit hervorragendem Entwicklungspotenzial. Im ersten Halbjahr 2011 hat Jaguar/Land Rover in China fast 50 Prozent mehr Autos verkauft als im Jahr davor, und so richtig mit Nachdruck gehen die Engländer ihren mittlerweile drittgrößten Markt ja eigentlich erst seit kurzem an.

China ist für die globale Autobranche zur Goldgrube geworden. Alles, was in Zusammenhang mit Autos steht, ist ein boomendes Geschäft, das vom wirtschaftlichen Aufstieg der Menschen und seiner gesellschaftlichen Sichtbarmachung profitiert. Und besonders groß sind die Margen dort, wo die fette Kohle zu Hause ist.

China wird immer reicher. Oder besser: Die Zahl der Reichen steigt rasant. Und die Größe ihres Reichtums. Um 12,3 Prozent ist die Menge an Privatvermögen in China im letzten Jahr angewachsen. Das ist doppelt so viel wie durchschnittlich im Rest der Welt. Laut Hurun-Report, den man mit der Forbes-Liste für die westliche Welt vergleichen kann, gibt es in China derzeit 1363 Menschen, deren Vermögen eine Milliarde Renminbi übersteigt (ca. 110 Millionen Euro), und 875.000, die mehr als 10 Millionen Renminbi (ca. 1,1 Millionen Euro) besitzen. In den nächsten vier Jahren soll ein Fünftel des weltweiten Wachstums an Privatvermögen in China passieren.

Anders als in vielen Teilen der restlichen Welt gibt es im Reich der Mitte kein altes Vermögen. Dafür hat Mao Zedong gesorgt. In China gibt es nur alte Neureiche und neue Neureiche. So wie die kleinen Leute, wenn sie sich ein neues Auto kaufen, zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt in einem Auto sitzen, haben auch die Reichen keine tief reichende Automobil-Vita. Oldtimer sind im chinesischen Straßenbild praktisch inexistent. Technikvernarrte Aficionados und Petrol-Heads im westlichen Sinn wird man lange suchen. Die Leidenschaft hängt an der Oberfläche, am Nimbus und am langen Radstand. Geschichte? Heritage? Wen interessiert das über die Strahlkraft einer Marke hinaus?

Vielleicht sind die Chinesen wegen dieses Mangels an Hingabe und Achtung so schlechte Autofahrer. Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land mit seinem explodierenden Autobestand hat gleichzeitig eine der weltweit schlimmsten Unfallstatistiken vorzuweisen, und eigentlich mag sich keiner vorstellen, wie es auf den Straßen zugehen wird, wenn die rauschhaften Verkaufsprognosen der nächsten Jahre gegenständlich ins hektische Straßenbild der chinesischen Mega-Städte einfließen.

China Reise Landrover Discovery Offroad

Zurück in den Nankun-Bergen. Dort sitzt einer der Discoverys gerade in einer Grube fest. Der ­Regen, die alte Drama Queen, hat eine tiefe Furche in den lehmigen Waldweg gewaschen, der Boden ist aufgeweicht, und die Räder des Vordermanns ­haben die Sache noch schlimmer gemacht. Ein paar Zentimeter zu weit links hat der Fahrer angesetzt, das 2,2-Tonnen-Auto ist rechts hinten abgerutscht und sitzt nun mit hoch erhobenen Vorderrädern ­ärschlings in der Grube. Da nützt auch kein Allrad mit Untersetzung und kein Sperrdifferenzial mehr. Ein Abschleppseil muss her.

So ist der Alltag im Gelände, es ist kein Fall von Unerfahrenheit. Haarig sind eben nicht nur ­Rekord-Argheiten wie der Rubicon-Trail in Kalifornien oder die Durchquerung der Atacama in Chile. Glitschiges Gelände ist fahrtechnisch stets eine Herausforderung, man kann sich auf diese Art auch prächtig auf einem fußballfeldgroßen Versuchsgelände amüsieren und merkt den kleinen Radius dabei nicht einmal.

Das Naturschutzgebiet der Nankun-Berge ist eines von 2500 geschützten Waldreservaten in China und gerade einmal zwölf Quadratkilometer groß. Eine nachgerade lachhafte Größe eigentlich im Vergleich zu den 9,5 Millionen Quadratkilometern der gesamten Volksrepublik. Von außen betrachtet ­jedenfalls. Der chinesische Offroad-Debütant sieht das scheinbar anders und ist entzückt. Er kennt weder den Rubicon noch die Atacama. Er kennt oft nicht einmal seine eigene Stadt. Jedenfalls nicht ­genau und nicht jenseits der Viertel, wo seine ­Fabriken stehen, in denen er mit der Produktion von, sagen wir, Büstenhaltern ein Vermögen verdient.

Das kühne Vordringen in unbeschrittene Territorien ist in der chinesischen Gesellschaft etwas relativ Neues, schreibt der ehemalige China-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in seiner „Gebrauchsanweisung für China“ (Piper Verlag). Im konfuzianischen Kodex macht man sich mit ­Tugenden wie Neugier und Entdeckerfreude, ­Wagemut und Tapferkeit ja eher verdächtig: „Wer den Mut hat, verwegen zu sein, wird sterben“, heißt es bei Laozi. Der letzte große Abenteurer der chinesischen Geschichte war Admiral Zheng He. Er bereiste die Weltmeere und machte aus China eine Seemacht. Das war allerdings im 15. Jahrhundert. Nach seinem Tod schottete sich China von der Welt ab und stellte sogar das Bauen von Schiffen mit mehr als zwei Masten unter Todesstrafe.

China Reise Landrover Discovery Offroad

Aber da ist die Sache mit dem Tiger. Der Tiger ist das chinesische Wappentier der Überlegenheit. Und Land Rover auf Mandarin heißt übersetzt soviel wie „Land Tiger“ oder „Road Tiger“ (die Engländer haben sich diese Namensrechte per Gerichtsbeschluss zusprechen lassen). Das tut seine Wirkung in einem Land, in dem Schildkrötenblut, getrockneter Hirschpenis und Engelwurz zur Stärkung der (Mannes-)Kraft geschluckt werden: Den Tiger reiten. Durch den triefenden Bambus. Hoch über dem Schlammboden in Ledersitzen thronend. Mit easy per Drehknopf wählbaren All-Terrain-Allrad-Fahrprogrammen. Am Rande des Abgrunds. Mit einem Lotsen im Blick, der den, der sonst B­efehl über tausende Arbeiter in seinen Fabriken führt und sich grundsätzlich aus Statusgründen per Chauffeur in einer Limousine mit langem Radstand fahren lässt, einmal zum Anweisungsempfänger macht. Was für ein Erlebnis. Und damit Tiger-Reiter ihre Erinnerungen nicht nur in sich tragen, schenkt Walton Wang seinen Kunden am Ende der Experience-Tour ein Fotoalbum. Das lässt sich prima herzeigen, beim nächsten Geschäftsessen.

50 Prozent Zuwachs. In absoluten Stückzahlen ist das nicht die Welt. Nicht bei einem Jahresabsatz von 40.000 Fahrzeugen in einem Land mit über 1,3 Milliarden Einwohnern. Aus den Prognosen der Marktentwicklung könnte ein Nischenhersteller wie Jaguar/Land Rover aber enorme Kraft für seine weitere Existenz schöpfen. Und auch Walton Wang wird davon profitieren. Heute gibt es 100.000 Land-Rover-Besitzer als potenzielle Kunden. 20.000 Neuverkäufe rechtfertigen ein neues Offroad-Projekt. Und genau das ist Wangs Plan. China ist schließlich reich. Auch an spannenden Gegenden. Tibet würde Wang zum Beispiel als Nächstes vorschweben.

Mehr zum Thema
pixel