Peking Smog
Peking und andere Städte Chinas versinken im Smog.
 

China: Prestigeobjekt im Dreck

Viele versuchen ihr Glück in China. Keine andere Marktwirtschaft der Welt hat ein derart großes Wachstum. Doch der Preis ist hoch.

23.04.2014 APA

Die Auto China 2014 hat verdeutlicht: China ist und bleibt der Wachstumsmarkt Nummer 1. Doch Peking strahlt auf den ersten Blick keine Freude aus. Zu dicht ist der Smog den die Stadt mit der großen Vergangenheit umhüllt. 193 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter ist am Mittwoch früh gemessen worden, der Grenzwert in Europa liegt bei 50.

Luftverschmutzer bekommen Rückendeckung

Man könnte meinen, dass Autos als Luftverschmutzer Nummer eins hier der Kampf angesagt wird. Doch dem ist nicht so. Der Automarkt im Reich der Mitte boomt. Das freut nicht nur die deutschen Hersteller, sondern auch den deutschen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der am Mittwoch die Pekinger Auto-Messe besucht hat.

Ruf nach umweltschonenden Autos

„Man braucht neue Autos, um den Smog in den Griff zu bekommen“, ist eine der Einsichten, die der Minister in Chinas Hauptstadt verkündet. Das Kalkül: Neue umweltschonende Autos mit niedrigem Benzinverbrauch oder Elektro-Antrieben stoßen erheblich weniger Schadstoffe aus als die alten Pkw, Kleinlaster und Limousinen, die das Straßenbild in Peking bestimmen. Gabriel nennt seinen Besuch auf der Auto-Show gar ein „Signal für Energie-Effizienz“. Den Chinesen das Autofahren verleiden zu wollen, sei schon ein wenig „imperialistisch“, betont er.

Unterstützung der Hersteller

Die China-Chefs von VW, Daimler und BMW tun auf der Auto-Messe alles, um den Minister in seiner Argumentation zu unterstützen. Jochem Heizmann beispielsweise, Chef von Volkswagen in China, bekräftigt mehrfach: „Im Zentrum steht bei uns die Verbrauchseffizienz.“ Die Wolfsburger wollen zahlreiche Elektro- und Hybrid-Fahrzeuge in Kürze auf den chinesischen Markt bringen. Seine Kollegen von den anderen deutschen Herstellern berichten, dass das Interesse an saubereren und kleineren Autos derzeit groß sei.

Die gefragtesten Fahrzeugtypen

Allerdings sprechen die aktuellen Zahlen für China eine andere Sprache – zumindest noch. Die großen Autos mit klassischem Antrieb prägen das Bild des mit jährlich fast 20 Millionen verkauften Autos größten Absatzmarktes. „Der Markt ist so, dass die Fahrzeuge, die hier verlangt werden, eher die größeren Fahrzeuge sind“, gibt Heizmann zu. Sein Kollege Hubertus Troska von Daimler sekundiert: „SUVs und Limousinen sind die Hauptaufbauformen, die in China goutiert werden.“ Tolle Ausstattungen und prestigeträchtige Designs sind gefragt: viel Chrom, in der Innenverkleidung auch einmal edle Hölzer, etwas verlängerte Versionen, mit denen man mehr Abstand zum Chauffeur wahren kann, und als Farbe gerne Gold oder ein giftiges Rot, erzählt ein Automanager.

Große Abhängigkeit könnte sich rächen

China ist für die deutschen Hersteller mittlerweile von zentraler Bedeutung, Experten warnen gar vor einer zu großen Abhängigkeit von der Volksrepublik. Volkswagen verkaufte dort vergangenes Jahr 3,3 Millionen Fahrzeuge, rund ein Drittel seines Absatzes in aller Welt. „Wir waren Pioniere hier“, erzählt Heizmann, dessen Konzern vor 30 Jahren in China losgelegt hat. 20 Millionen Fahrzeuge hat der Wolfsburger Konzern im bevölkerungsreichsten Land der Erde an Kunden ausgeliefert. Weitere Rekorde sind angepeilt. Daimler und BMW sind später gekommen, doch auch für sie hängt viel am China-Geschäft.

Zweistelliger Zuwachs erwartet

Dass in etlichen Großstädten Chinas inzwischen Zulassungen für neue Auto verlost werden, schärfere Abgasnormen anstehen und es zeitweise Fahrverbote an besonders schadstoffintensiven Tagen gibt, ficht die deutschen Konzerne kaum an. Auch für dieses Jahr rechnen sie mit – wenn auch etwas bescheideneren – zweistelligen Zuwachsraten in China. Dabei sind die Regeln in Peking inzwischen schärfer. 18.000 Zulassungen seien im Jänner verlost worden, Bewerber habe es 1,8 Millionen gegeben, erzählt BMW-China-Chef Karsten Engel. Elektromobile seien hier bevorzugt. Deren Besitzer haben keine Besoldungsprobleme.

Prestigeobjekt im Dreck

Ansonsten hoffen die Hersteller, dass es inzwischen in China auch außerhalb Pekings oder Shanghais Regionen gibt, in denen man sich gerne mit einem Auto deutscher Machart schmückt. Gemessen an der Zahl der Millionäre und Milliardäre ist das Land inzwischen Weltspitze. Und der zunehmend kaufkräftige Mittelstand wird auf bis zu 350 Millionen Menschen geschätzt. Für viele gibt es vor allem ein großes Prestigeobjekt: das Auto – Umweltschutz hin oder her.

Keine Angst vor strengeren Abgasnormen

Die angekündigten strengeren Abgasnormen dürften auch nicht so hart ausfallen, meint ein deutscher Automanager. „Zumindest nicht schlimmer als in Europa.“ Denn die deutschen Autokonzerne seien mit ihren Werken und Zehntausenden von Beschäftigten vor Ort mittlerweile ein wichtiger Teil der chinesischen Industrie. Das weiß auch die Regierung in Peking. Da geht es ihr ein wenig wie Gabriel. Auch der ist sich des Gewichts der Autoindustrie für die gesamte deutsche Wirtschaft wohl bewusst – wie der Besuch auf der Messe erneut gezeigt hat.

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