Chevrolet Corvette C1 1953 Test Seitenansicht
„Die Corvette sollte zu einer Sache der nationalen Ehre werden.“
 

Corvette C1: Die vetten Jahre

Die erste Corvette war die uramerikanische ­Antwort auf Europas Sportwagen und auf das eigene, allzu solide Image. Aber erst mit V8 und Facelift wurde sie gehört, und wie!

07.04.2012 Autorevue Magazin

Chevrolet ist also 100 Jahre alt, gegründet 1911 vom Schweizer Rennfahrer Louis Chevrolet, der in Frankreich noch Radrennen fuhr, in den USA dann mit Autos. Dem Naturell des Gründers zum Trotz war Chevrolet hauptberuflich für solide, anspruchs­lose Mittelklasse zuständig, zwischendurch aber auch für stilistische Schönheit, die ­namensgebend sein konnte für Liedgut: 57 Chevrolet von Billie Jo Spears, beispielsweise, oder I’ve got a Rock’ n’ Roll Heart von Eric Clapton, hinreißend von Ostbahn Kurti als 57er Chevy interpretiert.

Wir überspringen jetzt ­elegant die Frage, ob amerikanisch gelabelte Autos aus ­Korea in dieser Zeitrechnung überhaupt mitspielen dürfen, um punktgenau beim charaktervollsten Ausreißer der Marke zu landen: Die Chevrolet Corvette C1 lebt noch immer, sie ist auch in ­ihrer sechsten Generation der perfekt Darsteller ihrer selbst, der halbe Urmeter des US-amerikanischen Sportwagens (die andere Hälfte ist der Ford Thunderbird, der Mustang kam deutlich später), die Projektionsfläche unverfälschter Reduktion: Die Corvette C1 war nur offen zu haben, und fast hätte sie ihre ersten Jahre nicht überlebt, dazu später.

Wie klein die Corvette C1 ist, fällt von außen nicht auf, da ist sie immerhin 4,24 Meter lang. Dann aber bleibt man beim Einsteigen stecken, wenn man 1,70 Meter überschritten hat, und es gibt viel zum Steckenbleiben: Zwar existiert eine Sitz-Längsverstellung, mit ihr kann man zwischen vorne und ganz vorne wählen, gleich dahinter kommt schon das Heck. Das Lenkrad steht vor dem Brustkorb, man bekommt eine Ahnung davon, wie das gemeint war mit den Lenksäulen und der lückenhaften passiven ­Sicherheit. Die Pedale sind nur erreichbar, wenn man die Beine froschhaft anwinkelt, was aber eh nicht geht, weil dann die Knie das Armaturenbrett touchieren. Das haben sie beim Einsteigen aber auch schon gemacht, weil: Panoramascheibe!

Die Chevrolet Corvette C1 von 1953 zieht ihr Scheiben-Waschwasser aus einem der schönsten Infusionsbeutel.

Chevrolet Corvette C1 1953 Test Scheibenwischwasser

Von allem Eingezwicktsein kann man sich aber unterwegs perfekt ablenken, wenn die Corvette rund 40-jährige ­Diagonalreifen drauf hat. Die Anzahl benötigter Fahrstreifen entspricht dann ungefähr dem eingelegten Gang. Die Corvette war einzig­artig bei ihrem ersten Auftritt. Bis in die frühen 50er kamen Sportwagen aus Europa in die USA, sie waren die roten Blutkörperchen im Strömen der Straßenkreuzer, die erfrischende Entschlackungskur in den Fettrandln aus Chrom und ausufernden Formen.

Auftritt Harley Earl, Design­chef von General Motors, ­Erfinder der Heckflosse und unzufrieden mit der amerikanischen Lethargie bei den Sportwagen. Die Corvette sollte also zu einer Sache der nationalen Ehre werden, aber mit dem Rechenstift: Um Kosten zu sparen, kam Earl auf die ­Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), bei Fahrwerk und Motor wurde dann vielleicht doch ein bisserl zu sehr gespart. Das war weniger beim Kaufpreis bemerkbar (rund doppelt so hoch wie bei den unsportlichen Chevrolets) als am Ergebnis. Die Corvette C1 stand auf einem banalen Rahmen, es blieb bei der hinteren Starrachse an Blattfedern. Der Blue-Flame-Reihensechszylinder trug einen feinen Namen, kam aber gleichermaßen aus Vorkriegstagen und aus der Nutzfahrzeug-Abteilung. Immerhin leistete er 150 PS, die gemeinsam mit der hinreißenden Karosserie tapfer von ­Plastik-Schiebefenstern, dem eilig entwickelten Fahrwerk und dem nicht immer dichten Faltdach ablenken wollten.

Als die erste Euphorie verebbt war, war lediglich die halbe Jahresproduktion verkauft.

1954 wurden statt der geplanten 10.000 nur 3265 Corvettes erzeugt und selbst davon blieben 1100 auf Halde. Chevrolet bastelte am Ausstiegs-Szenario, als Ford den Thunderbird präsentierte, mit starkem V8 und beachtlichem Erfolg. Innerhalb weniger Tage hatte Ford 3500 unterschriebene Kauf­verträge und Chevrolet den Ehrgeiz zum zweiten Anlauf.

Den plante der neue Chefingenieur Zora Arkus-Duntov, heraus kam 1956 das Auto auf diesen Seiten. Endlich war ein ausgeschlafener V8 zu haben, mit sattem Sound und brutalem Antritt, auch nach heutigem Maß. Die Karosserie war deutlich überarbeitet: Statt dezenter Heckflossen gab’s eine Skulptur von Heck, unantastbar in ihrer ungekünstelten Schönheit, die Auspuff-Endrohre ragten aus der Stoßstange, die Rücklichter schienen eingeschmolzen. Die Scheinwerfer standen frei, die Flanken zierten Sicken. Amerika verstand die Botschaft und kaufte die Corvette erstmals in die schwarzen Zahlen, damit war das Projekt endgültig am Leben. Das nächste Facelift brachte 1958 Doppelscheinwerfer, die Leistung stieg auf bis zu 360 PS, Fords Thunderbird flüchtete in die Viersitzigkeit, um der direkten Konkurrenz zu entkommen.

1961 wurde die Corvette C1 letztmals überarbeitet, das Heck mit vier runden Leuchten war jetzt seltsam glatt. Es wurde für die zweite Corvette-Generation beibehalten, wo es perfekt passte. Diese Corvette C2 „Sting Ray“ war wieder genial aufregend gezeichnet und mit Einzelradaufhängung rundum bereit zur Leistungseskalation. Die kam dann auch.

Der Besitzer der hier gezeigten Chevrolet Corvette C1 von 1953:
Franz Wittners Vater hat eifrig Oldtimer gesammelt und seinem achtjährigen Sohn eine Opel Olympia Cabriolimousine geschenkt, mit absehbaren Folgen. Also begann auch Franz Wittner früh mit dem Sammeln, bisweilen mussten Oldtimer verkauft werden, um Neuzugänge zu finanzieren, und 2004 zog er die fällige Konsequenz: „Ich habe meine Baufirmen verkauft und hauptberuflich mit dem Oldtimerhandel begonnen.“ US-Importe und edle Klassiker stehen im Mittelpunkt, auch unsere Fotomodell-Corvette ist zu haben (€ 65.000,–) – nicht aber der Opel Olympia, den Franz Wittner 1974 vom Vater bekam. www.carcollection.at

Chevrolet Corvette C1 1953 Test Front

Happy Birthday Chevrolet. Alles Gute.

pixel