Chevrolet Camaro Cabrio Muscle car musclecar
Bei Vollgas und offenem Dach klingt der Motor wie ein kräftiger Rülpser in einer Tropfsteinhöhle.
 

Testbericht: Chevrolet Camaro Cabrio

Vor 45 Jahren hatte die US-Autoindustrie noch recht. Ein erhaltenswerter Zustand.

08.10.2013 Online Redaktion

Die Gegenwart ist immer anachronistisch. Ob ein Auto in ­seine Zeit gepasst hat, kann man erst sagen, wenn diese vorbei ist. Nehmen wir den Opel Manta. Den Satz „Mensch, der Manta passt aber in die 1980er wie Arsch auf Eimer“ hat vor dreißig Jahren zu Recht niemand gesagt.

Der Chevrolet Camaro kam 1967 auf den Markt und war für Europa das Amerika der 1960er und 1970er Jahre (zusammen mit dem Ford Mustang und dem Dodge Challenger). Das Auto kam zwar etwas spät, schuf aber trotzdem eine eigene Zeitrechnung. 2012 ist sozusagen 45 n. C. (nach Camaro). Das hat man anfangs aber noch nicht gewusst, wie die Nuller-Jahre beweisen. General-Motors stellte die Produk­tion ein und ging folgerichtig und gottgewollt in die Insolvenz.

Der Camaro ist nichts weniger als die Cola-Formel von General Motors, und Cola hört ja auch nicht auf, Coca-Cola abzufüllen.

Deswegen sieht der ­Camaro heute noch so aus wie vor 45 Jahren. Er ist der Stammbaum der US-Autoindustrie. Von ihm mendelten und darwinisierten sich allerlei Äste weg, die von sich glaubten, in irgendeine Zeit zu passen. Wenn man sich heute noch an sie erinnert, dann kann man sie nicht unterscheiden. Nur der Stamm blieb.

Beziehungsweise kam – nach Europa nämlich. Chevrolet will seine Absatzpläne hierzulande mit etwas Testosteron befeuern und schob dem ­Coupé das Cabrio nach. Was gleichzeitig eine Weltpremiere ist. Denn für Europa haben die Ingenieure das Auto straffer abgestimmt – Dämpfer neu eingestellt und Stabilisatoren getauscht. Damit haben sich 1,9 Tonnen Leergewicht und 405 PS auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Weswegen das Setup für das neue Modelljahr auch in den USA übernommen wird.

Es bleibt ein amerikanisches Muscle Car.

Auf schnellen, kurvenreichen Passagen schaukelt das Auto vorne, hinten und in der Mitte nach links, rechts, oben und unten. Und zwar alles gleichzeitig, und dazwischen lenkt man. Deswegen bauen Amerikaner auch nur gerade Straßen, die so breit sind wie Shopping Malls.

Beschleunigt wird wie auf einer Luxusyacht. Kickdown, dann passiert überraschend wenig, und plötzlich kriegst du einen Tritt vor die Brust und hängst tief im weichen Leder. Die Gasannahme ist so direkt, wie sie bei einem Muscle Car sein kann. 405 amerikanische PS befeuern eben erst Klimaanlage, Elektromotörchen und Klangkörper, bevor sie die Hinterachse bedienen.

Gut so – vom hochtourigen Motorgekreische der euro­päischen Konkurrenz braucht es regelmäßig Erholung. Tief und voll stampfen und schmatzen die 6,2 Liter vor dir. Geht das Theater los, klingen sie wie ein kräftiger Rülpser in einer Tropfsteinhöhle. Motorsound made in America.

Den rustikalen Plastik-Charme im Innenraum zu ­kritisieren wäre der falsche Ansatz. Denn Steuerpolitik und Vertriebskosten verdoppeln den Preis für dieses Auto während des Transports nach Europa. In den USA gibt es das Camaro Cabrio inklusive Head-up-Display und Ledersitzen um 38.000 Dollar. Um diesen Preis nimmt man Billig-Armaturen in Kauf. Für 67.000 Euro freilich nicht. Kurzum: Wir wurden um eine Muscle-Car-Epoche betrogen. 

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