Chevrolet Camaro 6,2 l V8
In aktionsbereitem Kraftschluss krallt sich deine Hand an den Hebel, und du musst aufpassen, wem du nach dem Aussteigen die Hand gibst, ohne ihm Angst und Schmerzen einzujagen.
 

Testbericht: Chevrolet Camaro 6,2 l V8

Die Welt mag eine andere geworden sein, aber das Gute lebt. Auch die Zweifler werden das schon noch begreifen. 

01.01.2012 Autorevue Magazin

Das ist kein Auto. Nein. Dieses Wesen hat die Form eines ­Autos, das schon, und was für eine Form noch dazu, es spricht aber mit dir, ganz einwandfrei, auf eine sehr eindringliche Art. Es bebt, zieht, zerrt, bäumt sich beinahe auf im Stehen. Es grollt, grummelt, röchelt, rotzt. Wie ein Höllenhund in Kriegsbemalung hockte es erst am Straßenrand, und als seine Maschine ansprang, dieser Achtzylinder mit Brennkammern groß wie Ofenröhren, und mit seinem inneren Veitstanz loslegte, ­fielen den Menschen die Worte von den Lippen, die Münder gingen auf und die Köpfe ­wendeten sich in dunkler Vorahnung.

Der Camaro ist eine Naturgewalt aus kalt geformtem ­Metall.

Nach all den Jahren ratlos machender Desorien­tierung, leistungsmäßiger Strangula­tion und stilistischer Laschheit, die schlussendlich Anfang der Nuller-Jahre in ­einem gnädigen Produktions-Aus mündeten, tritt der Camaro jetzt wieder an als echter Charaktertyp, mit einem massigen, geduckten Körper, einer perfide schmalen Fensterfront über der hohen Schulterlinie und einem bösen, breiten, an die Ur-Ikone erinnernden Maul, in dem seitlich kleine Scheinwerfer-Augen hinter halb geschlossenen Lidern ­lauern.

Chevrolet Camaro 6,2 l V8

Und was für eine Show man darin abgibt.

Jeder Tankstellenbesuch läuft zu großem Drama auf. Man darf sich das wirklich vorstellen wie im Film: Der weiße Blechmuskel mit den dicken schwarzen Kampfstreifen auf der Motorhaube rollt auf seinen breiten Zwanzigzöllern die Gasse entlang, brodelnd und knurrend, und den Leuten rutscht der Zapfhahn aus den Tankstutzen, sie verschütten das Benzin vor lauter Abgelenktsein, und wenn du aussteigst, saugen sie hörbar die Luft ein, als ­würde in deiner Hand eine Brechstange sichtbar, quasi als Zeichen deiner grundlegenden Entschlossenheit in allen Lebensangelegenheiten, die man auch braucht bei einem Auto, das an normalen Tagen knapp 15 Liter schluckt auf 100 Kilometer.

Natürlich ist die Brechstange eingebildet. Wahrscheinlich liegt es am neuen Muskeltonus, den du dir im Camaro zugelegt hast.

Das hat mit dem Schalten und Kuppeln zu tun. So richtig authentisch, im körperlichen Sinn, ist der Camaro nämlich mit manuellem Getriebe, das dich permanent der Gewaltigkeit versichert, die du da in Händen hältst. Einen 6,2-Liter-Motor muss man sich nämlich selbst erst einmal glauben. Also braucht es ein 6,2-Liter-Schalten und ein 6,2-Liter-Kuppeln, in aller Heftigkeit. Deine Hand fasst einen Baseball-großen runden Lederschaltknauf, mit dem der ­kurze Schaltknüppel unter Überwindung beachtlicher physikalischer Kräfte durch eine LKW-Schaltlandschaft ­gehebelt wird. Der Rückwärtsgang liegt rechts vorne, an ­einer eher unüblichen Stelle, und am Weg dorthin werden Muskelstränge benützt, die man erst aus ihrem evolutionären Tiefschlaf reißen muss, was zur Folge hat, dass deine Hand sich ständig in aktionsbereitem Kraftschluss an den Hebel krallt und du aufpassen musst, wem du nach dem Aussteigen die Hand gibst, ohne ihm Angst und Schmerzen einzujagen.

Chevrolet Camaro 6,2 l V8

Auch das Fahren ist 6,2-Liter-mäßig. So stellt man sich Kunstfliegen mit einer B52 vor.

Der mächtige Vorderwagen mit dem schweren V8-Motortrumm schiebt sich mit marschflugkörperhaftem Nachdruck in die Kurve. Konzentriert muss der Fahrer nun im Spielraum zwischen Lenkgenauigkeit und Eigenwillen der beschleunigten Masse den Kurvenradius abtasten. Folgt unmittelbar eine Gegenkurve, setzt daraufhin massives Pratzeln am Lenkrad ein, um den Massenschwerpunkt rasch über die Mittelachse zu wuchten und das Gegenmanöver einzuleiten.

Am Ende der Bergstraße ist man dann ganz außer Atem und das Adrenalin tropft einem aus den Haarspitzen, weniger wegen der Schärfe der Fahrt, sondern wegen des Eindrucks, den die Massengewalt erzeugt: 432 PS befeuern diesen 1,8-Tonnen-Schlitten, unter 5000 Touren hat sich schon die volle Wand von 569 Nm aufgebaut.

Fahrtechnisch ist der ­Camaro sauber umgesetzt. Schlüssig in seiner Art. Und durchaus gut manövrierbar, wenn man selber genug Kraft hat und tapfer am Gas bleibt. Der Fahrer sitzt weit hinten, trägt die stampfende V8-Kraftkammer wie ein Olympisches Feuer vor sich her, die ihre Leistung durch den riesigen Getriebetunnel, der den Innenraum in zwei Hälften trennt, auf die Hinterachse stemmt.

Für Europa ist die Fahrwerksabstimmung straffer gemacht worden. Auch die Spiegel des Camaro sind bei uns andere als daheim. Eckiger und größer, nicht gerade charmant, aber einem Raubein kreidet man nicht gleich jede stilistische Detailfrage an. Im Innenraum hat sich GM jedenfalls tapfer bemüht, zwischen unaufregender Material-Zufälligkeit und treffenden Design-Zitaten einen hemdsärmeligen Charme entstehen zu lassen, mit dem die Haudrauf-Ausstrahlung ohne Peinlichkeit ins Innere übertragen wird. Die vier eckigen Instrumente am Getriebetunnel unterm Dashboard sind so ein netter Verweis auf frühere Zeiten.

Gelungen ist auch das indirekte blaugrüne Licht, das in der Dunkelheit den Innenraum ausmalt. Die Sitze mit gelochtem Leder in der Mitte und weißen Nähten wirken edel. Und in Europa trägt der Camaro LEDs in den Rückleuchten, die bei heftigem ­In-die-­Eisen-Steigen blinken wie eine Leuchtreklame am Strip von Las Vegas. 50 Camaros sollen nächstes Jahr zu uns kommen. Man wird sich jeden Einzelnen davon merken.

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