Carsharing Aufmacher
Ein Auto steht im Schnitt 23 Stunden pro Tag – Die Idee, das eigene Vehikel mit anderen zu teilen, ist da naheliegend.
 

Carsharing: Teilen macht mehr draus

Dass weniger Autos herumstehen und -fahren, wenn sich mehrere Leute eines teilen, klingt einfacher, als es ist.

22.04.2013 Online Redaktion

Marktwirtschaft und Idealismus sind schwer vereinbar. Das mussten auch all jene erkennen, die Ende 2011 zum Start von Car2Go in Wien Visionen von einer autofreien Stadt und einem verkehrsberuhigten Gürtel bekamen. Car2Go, zur Auffrischung, ist eine Tochterfirma von Daimler, die einen Haufen Smart in Wien zur spontanen Anmietung anbietet. Die Autos können per Internet geortet und für eine Viertelstunde reserviert werden. Das System hat sich inzwischen gut etabliert. 42000 Menschen nutzen das Angebot, Tendenz fröhlich steigend. Die Smart-Flotte wurde Anfang des Jahres auf 600 Stück aufgestockt, das Geschäftsgebiet erweitert – sogar zum Flughafen kann man mit Car2Go mittlerweile fahren. Nur: Weniger ist der Verkehr dadurch nicht geworden, denn die Spontaneität von Car2Go verleitet dazu, eine Strecke mal eben mit dem Auto zu fahren, anstatt auf Bus und Bim zu warten. Car2Go kann’s egal sein, man ist auf dem besten Weg, erstmals Gewinne einzufahren.

Dieselbe Kritik übt auch der VCÖ, der eine scharfe Trennlinie zieht zwischen spontanen Mietautos wie Car2Go und echtem Carsharing, wo Autos längerfristig reserviert werden müssen und damit die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass das Auto nur dann eingesetzt wird, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Ein echtes Carsharing-Auto kann demnach bis zu acht Privat-PKW ersetzen. Allerdings ergibt sich die Reduzierung der Emissionen beim Carsharing erst durch Konvergenz, das heißt durch die Verwendung von verschiedenen Verkehrsmitteln, je nach Situation – Wer sein Auto teilt, verbraucht also deshalb weniger, weil er auch mal nicht damit fährt, sondern auf Bus oder Fahrrad umsteigt. Was viele Menschen ohnehin machen. Spürbare Entlastung ergibt sich freilich beim Parkraum, und auch Kosten können gesenkt werden, beim Auto sind viele Posten Fixkosten, die sich beim Carsharing elegant durch die Nutzerzahl teilen lassen. Als Daumenregel gilt, dass sich Carsharing bis 12000 Jahreskilometer rentiert.

Großes Vorbild in Sachen Carsharing ist die Schweiz, wo rund zehnmal so viele Menschen Carsharing nutzen wie in Österreich. Hierzulande gibt es bislang als österreichweiten offiziellen Anbieter nur Carsharing.at mit 188 Fahrzeugen (133 davon in Wien), man ist also, besonders in den Nicht-Wiener Gebieten Österreichs, oft auf Selbst-Organisation angewiesen.

Da kommt Caruso ins Spiel. Die Carsharing-Plattform aus Vorarlberg gibt registrierten Usern die Möglichkeit, eigene Carsharing-Gruppen zu bilden. Außerdem bietet das Unternehmen alles an, was man braucht, um das eigene Auto mit anderen zu teilen, von Tipps und Informationen bis zum Abrechnungssystem inklusive Tracking-Box. Bislang ist Caruso noch mehr Forschungsprojekt, als Geschäftsmodell, aber bis Ende des Jahres möchte man offensiv in den Markt einsteigen und später auch eine eigene Carsharing-Flotte anbieten. Ein besonderer Schwerpunkt der Vorarlberger liegt auf der Verwendung von Elektroautos für Carsharing-Zwecke – „Das macht doppelt Sinn,“ betont Mastermind Christian Steger-Vonmetz. Derzeit sind gut 100 Mitglieder auf der Plattform registriert, wie viele davon sich tatsächlich ein Auto teilen, ist schwer zu sagen. Aber das Potenzial ist da.

Für viele gehört die Möglichkeit, jederzeit überall hinfahren zu können, zum Freiheitsmythos des Autos dazu. Bei diesen Leuten ist die Hemmschwelle, auf das eigene Auto zu verzichten oder es mit anderen zu teilen, naturgemäß höher. Ob Carsharing Sinn macht, kommt auf die individuelle Lebenssituation an: Wohne ich in der Stadt oder auf dem Land? Wie viel fahre ich tatsächlich? Auch eine komplette Kostenaufstellung wird unerlässlich sein. Die technischen Möglichkeiten zum Carsharing sind jedenfalls – nicht zuletzt dank der Verbreitung von Smartphones – besser als je zuvor, und die Angebote werden sich in den kommenden Jahren noch deutlich weiterentwickeln. Und wer weiß, in ein, zwei Generationen, wenn wir im radargesteuerten Konvoi über Autobahnen geschleust werden und das Auto an der Tiefgarageneinfahrt dem Computer überlassen, werden wir es uns gar nicht mehr vorstellen können, viel Geld für ein eigenes Auto auszugeben.

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