Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse
Die Grundform von Hartmut Warkuß hat eine Menge Technikärger verursacht.
 

Vorstellung: Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse

So absurd die Behauptung auch klingen mag: Aus dem Veyron ist endlich ein richtig heißes Teil geworden.

09.08.2012 Autorevue Magazin

„Nichts ist zu kompliziert oder zu teuer, um es in einen Bugatti einzubauen.“
Ettore Bugatti

So ein Bugatti ist wahrlich ein Füllhorn an beeindruckenden Zahlen. Zum Beispiel: 1200, 1500, 410, 867, 2,380.000. Das wären in dieser Reihen­folge die Leistung in PS, das maximale Drehmoment, die Höchstgeschwindigkeit, der CO2-Ausstoß im Stadtverkehr, der Österreich-Preis inklusive NoVA.Aber selbst diese Zahlen sind nicht in der Lage, die ­unglaubliche Ingenieurs­leistung auszudrücken, die man wahrnimmt, wenn man einen ­Bugatti mal wirklich mit vollem – na ja, fast vollem – Hammer bewegen konnte.

­Unter Volllast entwickelt eine Vitesse die Leistung und den Energiebedarf eines Kleinkraftwerkes mit fast 1 MW (Megawatt, die Rechengröße bei Kraftwerken). Deshalb hat ein Bugatti nicht nur 16 Zylinder, sondern auch vier Benzinpumpen. Dementsprechend müssen unglaubliche Mengen an Bewegungs- und Wärmeenergie gemanagt werden – und man spürt davon genau … nichts. Der Veyron tut einfach so, als ob jetzt nichts gewesen wäre. Starten, Losfahren, Schalten, Lenken geschehen praktisch aufwandfrei, und das ist gut so, schließlich hat nicht jeder Milliardär auch das Talent zum Rennprofi. Speed bleibt immer ein KÖNNEN, kein MÜSSEN.

Man fühlt sich so schnell wohl im Cockpit und verwachsen mit der Maschine, dass es eigentlich unverständlich ist, dass Bugatti-Besitzer nicht jeden Kilometer ihres Lebens damit fahren. Im Gegenteil, im Vorjahr waren es nur exakt 1820 Kilometer Laufleistung, die der statistische Veyron-Fahrer zurücklegte. Damit wäre auch geklärt, dass selbst die Besitzer einen Bugatti mehr als feinmechanisches Kunstwerk denn als schnödes Fortbewegungsmittel sehen.

 

Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse

 

Wobei: Die einzige Einschränkung gegenüber einem – sagen wir mal – schnellen Golf besteht darin, dass man schleunigst die eigene Fest­platte neu kalibrieren sollte. Die Beschleunigungsgewalt von 1200 PS reicht nämlich, um alles auf den Kopf zu ­stellen, was man an Distanzen und Bremspunkten abgespeichert hat. Die meiste Zeit wird man einen Vitesse ganz cool bewegen, nur kurz unterbrochen von hitzigen Momenten der Illegalität, in denen man Geraden entlangzoomt wie in der obersten Bonusstufe von Gran Turismo. Der Bremspunkt ­nähert sich dann etwa doppelt so schnell, wie man glaubt, und sollte weit zurückverlegt sein, auch wenn die Bremsen in der Kraftwerksklasse spielen. Die maximale Bremsleistung beträgt nämlich 3 MW, also 3000 Kilowatt, was wiederum ermöglicht, dass ein Vitesse schon wieder steht, wenn andere endlich die Hunderter-Marke gerissen haben (Null auf 100 auf Null in 5,9 Sekunden). Aber irgendwann hat selbst ein Bugatti Veyron die Grenzen der Physik erreicht, auch wenn man das nach der Probefahrt nicht so recht glauben mag.

Menschliches Versagen in der Anbremszone dürfte bei Bugatti ganz oben in der Karbonschadenstatistik stehen. Im Grunde stellt der Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse die Fusion des offenen Grand Sport mit der Leistungsfähigkeit des Super Sport dar. Vor allem größere Lader und ein nochmals erhöhter Luftumsatz im Auto ermöglichen die ­Leistungssteigerung. Die wahren Feinspitze werden aber nicht von den zusätzlichen 199 PS reden, sondern vom weitaus besseren Feedback der Aufhängung, der neuen Sensibilität der Lenkung und der nochmals enorm dramatisierten ­Geräuschkulisse schwärmen. Was für ein Soundtrack! Das schrille mechanische Singen im Schubbetrieb – in dem man sich praktisch immer befindet, denn Gasgeben muss außerhalb von Hochgeschwindigkeits-Ovalen stets ein Sekundenvergnügen bleiben –, geht ab 2000 Touren in ein Fauchen aus kilometertiefer Kehle über, mit steigender Drehzahl bricht ein wahrer Orkan von Ansauggeräuschen aus, der sich am Schaltpunkt mit einem giftigen Zischen der Wastegate-Ventile verabschiedet. In den unteren Gängen läuft diese Partitur in rasenden ein, zwei Sekunden ab, solange man nur genügend Straße vor sich hat, schon die Zweite reicht ja bis knapp 150.

 

Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse

 

Selbst von 250 aufwärts darf man sich den Akzelera­tionsgewinn noch als durchaus zügigen Akt vorstellen, wenngleich auch spürbar mit purer Gewalt betrieben. Wegen des aufwendigen Luft­managements und der opulenten Downforce-Maßnahmen schiebt sich ein Veyron mit dem cw-Wert eines Kampf­panzers durch den Wind ­(gesteuert vom Heck­flügel: Standard 0,39, Handling 0,48, Topspeed 0,36), schiere Kraftmeierei ist es also, die den ­Bugatti über 400 km/h treibt (offen sind „nur“ 375 km/h möglich). Aber wie schon ­gesagt, kann sein, muss aber nicht. Eher nicht, sagen wir.

Die allgemeine Dramatisierung und neue Direktheit hat sich Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer so gewünscht und auch bekommen. Der Bugatti fährt jetzt erstmals wie ein Sportwagen, und Dürheimer darf als neuer Entwicklungschef zu Audi weiterreisen. Sein würdiger Nachfolger heißt Wolfgang Schreiber und leitete einst schon die Fertigentwicklung des Veyron zum Serienauto.

Weil wir eingangs bei be­eindruckenden Zahlen waren, hier die verrückteste von allen: 200.000. In Euro ist das die Summe, die für die Spezial-­Lackierung unseres Testwagens fällig wird, ohne Steuern versteht sich. Es gibt also Menschen, denen es den Gegenwert eines neuen Ferrari wert ist, Karbonfasern in den siebenschichtigen Tiefen eines Hochglanzlackes schimmern zu sehen und die perfekte Fortführung vom Fischgrätmuster des Gewebes rund um den Wagen verfolgen zu können. Wieder etwas dazugelernt.

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