Bugatti Veyron Grand Sport
Aber jetzt mal abseits aller Superlative: Dies ist ein wirklich netter Roadster für die große Reise.
 

Testbericht: Bugatti Veyron Grand Sport

Anzukündigen wären: 1001 PS und 360 km/h offen für knappe zwei Mille.

29.02.2012 Autorevue Magazin

Ein ordentlicher Schirm gilt als unerlässlicher Begleiter für den Mann von Welt, darüber braucht man nicht lange diskutieren. Dieser hier liegt gut in der Hand, hält allen Wettern stand, ist aber doch für den täglichen Gebrauch eher ungeeignet. Zu schwer und vor allem: zu teuer. Kostet er doch knappe zwei Millionen, weil nämlich ein Bugatti Veyron Grand Sport dranhängt.

Der Schirm soll alle Besitzer eines offenen Veyron trocken halten, wenn die sich bei trübem Wetter zu weit von daheim weggetraut haben. Bei Regen wird der Schirm aufgespannt, verankert und der Griff entfernt, danach ist allerdings Schneckengang (= Tempo 160) angesagt. Sagen wir mal so: Durch dieses Prozedere strömt nicht ganz jener große Ingenieursgeist, der das gesamte Veyron-Projekt so einzigartig gemacht hat. Man sollte besser schon vor der Ausfahrt gewissenhaft ­checken, ob man den Himmel lieber völlig frei oder durch das transparente Polycarbonat-Dach betrachtet, das den vollen 400-plus-Hammer verträgt.

Macht nichts, meint man bei Bugatti, denn die Erfahrung mit der Kundschaft besage, dass dieser Fall nur äußerst selten eintreten werde, a) weil Bugattis eher in klimabegünstigten Weltgegenden garagiert werden (Stichwort: It never rains in Southern California) und b) weil die Kreise rund ums Eigenheim klein gehalten werden. Jedenfalls ist dem Werk nicht ein Besitzer bekannt, der seinen Veyron als schnödes Alltagsauto benützt. Die durchschnittliche Jahresfahrleistung liegt bei 1420 km, das weiß man deshalb so genau, weil jedes Auto übers Internet ständig mit dem Werk verbunden ist, wenn es der Kunde so wünscht.

Eigentlich ein berührender Gedanke: Selbst daheim bei Multimillionärs, also dort, wo es echt nicht auf ein paar Millionen mehr oder weniger ankommt, benützt man den supersten aller Supersportwagen nicht wie einen schnöden Golf.

Bugatti Veyron Grand Sport

Eigentlich ein riesengroßes Missverständnis, befeuert von den Extremen, stärkstes, schnellstes und technisch aufwendigstes Serien-Automobil aller Zeiten zu sein. 1001 PS, 1250 Nm , 407 km/h Spitze. Und im Extremfall, also unter Volllast, rauscht der 100-l-Tank in weniger als 15 Minuten durch die Einspritzdüsen. Dabei wird eine Energiemenge frei, mit der man ein Einfamilienhaus eine Woche beheizen könnte. Deshalb hält Bugatti auch eine Kühlmittelmenge von 100 Litern für angebracht.

Und doch: In Wahrheit fährt sich der Veyron sanft wie ein Automatik-Golf. ­Sicher, das Einsteigen erfordert ein wenig mehr Sorgfalt und Gelenkigkeit, und drinnen umfängt einen dann die pure Wucht, eine volle Breitseite an Luxus und Handarbeitskunst, die alles auch nur halb so Teure (also jedes andere Auto­mobil dieser Welt) ein bissl billig dastehen lässt.

Aber solange man den Veyron nicht reizt, ist er so was von einem höflichen Automobil, dass man glaubt, er hätte seine Erziehung von Klosterschwestern erhalten. Denn er lässt dich schon beim Erstkontakt gut aussehen. Einsteigen, anschnallen, losfahren. Der 16-Zylinder brummelt, das 7-Gang-DSG greift sanft und automatisch, man rollt weg, als hätte man sein Lebtag nichts anderes getan, als Bugatti zu fahren. Keine besonderen Vorkommnisse. Keine Spur von 1001 PS oder der Nervosität eines Lamborghini Aventador.
Wir lernen: Am besten kommt so ein Bugatti, wenn man eigentlich nix von ihm will. Keine Hysterie, keine Hektik, da fehlt ein Supersportwagen-Gen, dafür besitzt der Veyron ein anderes: Es gehört nämlich zu den höchsten Gran-Turismo-Tugenden, schnell zu sein, ohne dabei schnell zu wirken. Und genau diese Eigenschaft beherrscht der Veyron exzellent, und zwar bis in die Gegend von etwa 350 km/h.

Mit der ohnehin gebotenen Sorgfalt am Gaspedal wird einem vor allem eine unglaubliche Sattheit und ein dezenter, aber ungekannt komplexer Sound dargeboten: Im Normalbetrieb gibt ein Bugatti nicht mehr als ein sanftes Grollen von sich, eher sogar von weniger Dramatik als ein Zwölfzylinder, dafür mit einem vielstimmigen, mechanischen Gewurl als Backgroundchor unterlegt.

Aber wehe! Mit der Zehenspitze lassen sich klarerweise alle Urgewalten, zu denen die Physik fähig ist, entfesseln. In Zahlen: Null auf Hundert in 2,5 sec, auf Zweihundert in 7,3 sec, auf 300 in 16,7 sec – alles theoretisch auch von dressierten Schimpansen abrufbar durch die Launch Control. Null auf Vierhundert kann dagegen Jahre dauern: Im Normalbetrieb wird der Veyron bei 375 km/h (offen schon bei 360) abgeregelt, für alles darüber benötigt man einen Extra-Schlüssel, Extra-Auslauf und Extra-­Cojones (der Bremsweg beträgt bei 400 mehr als einen halben Kilometer). Deshalb warten die meisten Veyron-Besitzer lieber, bis ein Platz im vom Werk angebotenen 400-km/h-Experience auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke frei ist.

Jederzeit abrufbar ist der kurze Befreiungsschlag auf der Autobahn, nachdem sich der Lastwagen auf der linken Spur endlich verkrümelt hat: 100 auf 200 ­dauert kaum länger als ein Wimpernschlag, und man muss wirklich seine ­gesamte Kinderstube, sittliche Reife und Respekt vor dem Objekt aufbringen, um nicht einfach DRAUFZUBLEIBEN. Denn die nahtlos dargebrachten 1250 Nm (7-Gang-DSG!), die leicht räudige Geräuschkulisse schweren Maschinenbaus und das Abblas-Fauchen der vier Turbolader schaukeln sich zu einer Art göttlichen Geilheit auf.

Bugatti Veyron Grand Sport

Aber: Bei dieser Leistungsgewalt kann jedes Beschleunigen halt nur ein kurzes Durchatmen sein. Ein Veyron verlangt immer Respekt, Fingerspitzengefühl und vor allem Größe – und mit Letzterem ist nicht das Volumen des privaten Geldspeichers gemeint. Und noch etwas: Endlich losgelöst von den ursprünglichen ­Beweggründen – Ferdinand Piëch wollte 400 fahren und ein technisches Denkmal setzen –, gewinnt der Veyron zunehmend an Würde. Das Design darf schon heute als zeitloser Klassiker gelten, sind doch seit der Präsentation der Studie zwölf Jahre vergangen, von denen man dem Veyron keinen Tag ansieht.

Der Grand Sport scheint der bessere Bugatti zu sein, weil er dem Fahrer helfen wird, sich ein wenig zu zügeln. Der Frischlufteffekt ist kaum stärker als bei einem größeren Schiebedach, lässt sich aber bis ins flottere Autobahntempo von 360 km/h genießen. Über 100 kg zusätzlich verbautes Kohlefasermaterial (um die Zuwaage wenigstens teilweise rein­zuholen, sind auch die Türen aus CFK) sorgen dafür, dass keine fahrdynamischen Einbußen spürbar sind. Deshalb hier die Botschaft an alle ­Bugatti-Fahrer: Dies ist ein großartiger Roadster. Also fahrt gefälligst auch ­damit!n

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