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Testbericht: BMW X6 ActiveHybrid

Die Rolle des Umwelt-Apostels hätten wir diesem Auto ohnehin zu keinem Zeitpunkt abgekauft.

26.03.2010 Online Redaktion

„Ich wurde von brennenden Sehnsüchten gequält, als wenn in mir  Hyde nach Freiheit ränge. Und endlich, in einer Stunde moralischer Schwachheit, trank ich wieder das Verwandlungsmittel.“ Robert Louis Stevenson, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

Schon einmal im Internet ­einen Flug gebucht?

Oft wird einem vor der Bezahlung vorgerechnet, mit wie viel CO2 man die Atmosphäre durch diese Reise belastet und was der Ausgleich (Baum pflanzen) kostet. Diesen Betrag kann man sich dann mit auf die Rechnung setzen lassen und direkt spenden. Will man sich dem BMW X6 also unbedingt von der Umweltseite nähern, nur weil ActiveHybrid draufsteht, dann doch finanziell. 14 Prozent Normverbrauchs­abgabe werden auf den Netto-Listenpreis fällig: 12.095 Euro. Der CO2-Malus macht noch einmal 1.775 Euro aus, 500 Euro davon werden aber als Bonus gutgeschrieben, weil dieser X6 alternativ angetrieben wird. Mehrwertsteuer wird auch noch gezahlt. Macht in Summe 33.504,80 Euro für den Staatshaushalt. Das reicht gefühlt für mindestens 100.000 Kilometer ohne Gewissens­bisse. Schließlich würde die Regierung NoVA und Malus ja niemals artfremd verwenden.

Und überhaupt: „Hybrid, Hybrid“. Umweltschutz-­Mantra der Nicht-Versteher. Also jene, die jetzt verschämt den Blick senken, weil unser X6 ActiveHybrid so ins Bild springt. Natürlich tut er das, ist ja kein Öko-Auto, vielmehr das Flugzeug unter den SUV. ­Vorsicht, falls einen der Hafer sticht: das System aus zwei Elektromotoren und dem ­V8-Twinturbo stemmt in Summe 485 PS auf die Achsen. ­Ergibt ein SUV-untypisches Leistungsgewicht von 5,05 Kilo pro PS. Das sind nur 200 Gramm mehr als beim Ford Focus RS. Gerade 950 Gramm trennen ihn von Lotus Elise SC.

Vergleich unzulässig? Pah.

Tempo 100 nach 5,6 Sekunden. Focus paniert, der Elise dafür eine ganze Sekunde lang auf die Heckleuchten geschaut. Immerhin. Aber es gibt ja noch das ­andere Wesen im X6. Ein ­elektrisch betriebenes. Tatsächlich ist ein Elektromotor mit 67 kW (91 PS) in der Lage, den X6 einigermaßen flott durch den, zugegeben, zähen Stadtverkehr zu bugsieren. Flüster­leises Einparken und Gassenschleichen als großer Image­gewinn noch nicht mitge­rechnet. Der zweite Elektromotor mit 63 kW (86 PS) ist dafür da, um bei steigendem Leistungs­bedarf den V8 zu starten und ihn bei noch stärkerem auch zu unterstützen. In Schubphasen unter 65 km/h wird der Motor wieder abgedreht. Funktioniert. Das ist zwar nett, aber bloß ökologisches Beiwerk für einen überdimensionierten Sportler, eine Imageträger-Rakete für den US-Markt. Volkswagen und Mercedes haben das erkannt. Der Touareg wird demnächst in die Hybrid-Umlaufbahn geschossen, den ML gibt es in den USA bereits. Hierzulande war BMW schneller.

Zurück zur wahren, zur dunklen Seite. Topspeed 236 ist keine Herausforderung, sondern ohnehin schon ein Kompromiss. Weil die Serienreifen nur bis 240 km/h zugelassen sind, wird das SUV knapp unterhalb dieser Grenze elektronisch eingebremst. Abhilfe durch Hochgeschwindigkeitsreifen schafft das Sportpaket (2.200 Euro). Dann gibt es Tempo 250, BMWs selbstauferlegte Obergrenze für mehr ­Sozial- und Umweltakzeptanz.

Den wahren Höhepunkt dieses Autos, das Kunststück nämlich, den irrsinnigen technischen Aufwand hinter diesen Naturgewalten gar nicht spürbar werden zu lassen, verdankt BMW dem Getriebe­hersteller Allison. Die drei Motoren, deren ­Leistungen auf unterschiedliche Arbeitsbereiche ausgelegt sind, arbeiten jenseits aller Wahrnehmung mit der Siebengang-Automatik zusammen. Über Paddles kann man sogar selber schalten, wenn man meint, es besser zu können als die Elektronik. Was selten der Fall sein wird.

Erstaunlich ist nicht, dass der X6 ActiveHybrid per Gasfuß zu einem Monster wird, erstaunlich ist, dass es auch ruhiger geht. Theoretisch. Robert Louis Stevenson: „In meinem Fall aber bedeutete eine Versuchung, war sie auch noch so gering, unvermeidliches Straucheln.“ 

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