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Selbst an einem Bugatti verliert man das Interesse, wenn die Alternative ein Gespräch mit Ferdinand Piëch ist.
 

Besuch aus Salzburg

Exklusiv für autorevue.at: ein Vier-Augen-Gespräch mit Ferdinand Piëch.

24.01.2011 User

Nahezu unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit, gibt sich seit Herbst 2002, dank Univ.-Prof. Dr. Hans-Peter Lenz, einer der mächtigsten und umstrittensten Automanager Europas einmal pro Semester für je zwei Tage ein „Stell Dich ein“ an der Technischen Universität Wien und hält eine Vorlesung zum Thema „Innovationsmanagement“. Sein Name: Prof. Dr.h.c. Dipl.-Ing. Ferdinand K. Piëch, Aufsichtsratsvorsitzender des Volkswagen Konzerns und Enkel von Ferdinand Porsche.

An sich mag eine Vorlesung eines Technikers und Managers aus der Industrie und Wirtschaft an der TU Wien nichts außergewöhnliches sein, jedoch unterscheidet sich diese Vertiefungsveranstaltung sehr von anderen an dieser Hochschule.

Zweimal pro Jahr wirbt er vor rund 100, teilweise internationalen Studenten für den Konzern. Im Schlepptau meist ein knappes Dutzend der neuesten Produkte des Konzerns und seltene aktuelle Prototypen. Das besondere daran ist, man darf jedes Exemplar ansehen, fühlen und sich reichlich darüber informieren.

Sah man den Bugatti Veyron Super Sport oder den VW Golf blue e-motion einige Tage zuvor auf der Auto2011 nur hinter Absperrungen aus der Ferne, so kann man sich nun eingehender und intensiver damit beschäftigen. Und so wird ein rein elektrisch betriebener Golf mindestens ebenso interessant – zumindest für einen angehenden Diplomingenieur – wie das schnellste Serienfahrzeug der Welt, da der zuständige Entwicklungsleiter daneben Rede und Antwort steht und bereitwillig auch über die Schwierigkeiten des Betriebs im kalten und schneereichen Dezember in Wolfsburg spricht. (Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass noch ein Porsche Speedster, ein Bentley Continental GT, ein Audi A6 3.0T quattro, ein VW „Wien Taxi“ auf Basis der Studie up Microbus, ein Skoda Octavia Greenline mit Elektroantrieb, ein Seat Alhambra und ein VW Race Touareg in Wien ausgestellt wurden.)

Am ersten Tag gibt es eine grundsätzliche Einführung in die Thematik der Vorlesung und „Innovationen im Antriebsstrang“ mit einer anschließenden Gruppenarbeit der Studenten. Hier soll in Grundzügen das Konzept einer „Projektorganisation für ein Elektroauto auf Basis eines Audi A1“ erstellt werden. Die Ergebnisse präsentieren die Studenten und Nachwuchsingenieure anschließend auf Charts vor den strengen Augen des berühmten Technikers.

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Am zweiten Tag gibt es vorab wieder einen Theorieblock zu unterschiedlichen Themen wie „Innovationsmanagement und Arbeistprozesse in der Forschung und Entwicklung bzw. in der Elektronik“, „Prozessinnovationen und Leichtbau“ und „Handlungsfelder und Perspektiven“.

Diese Inhalte werden mit einer anschließenden Exkursion nach Györ, zu Audi Hungaria (oder Volkswagen Slovakia im Sommersemester) praktisch untermauert. Zusätzlich gibt es auch dort neben einer ausführlichen Führung, verschiedene Workshops zu den Themen „Motoradaption, Reibungsanalysen, Akustik, CA/CAE, Qualitätssicherung, konzeptionelle Planung einer Produktionslinie, Bau eines 2.0 l TDI-Motors oder Simulation einer LKW Linie aus Legobausteinen“. Je nach Vorliebe können die Studenten einen Workshop wählen und sich so praxisgerecht austoben.

Kritiker können dies als eine reine kostenintensive Marketingaktion abstempeln, doch nirgendwo erfährt man mehr und aus erster Hand über die neuesten Pläne, Entwicklungen und Strategien des Konzerns. Man kann diese Veranstaltung für autobesessene und technikverliebte Studenten auch als „Turbo-Boost“ für ihr Studium ansehen. Denn hier wird einem bewusst, wofür man sich Tag für Tag in veraltete Hörsäle schleppt. Andererseits versteht man vielleicht, wie viel Wissen, Fleiß, Know-How und Arbeit allein in dem „Gesamtkunstwerk Auto“ steckt und warum dieser Konzern seit Jahren weltweit so erfolgreich ist.

Ein unbezahlbarer Bonus ist die Möglichkeit, zwischendurch oder am Ende der Vorlesung, Fragen an Dr. Piëch zu stellen. Seine Mitarbeiter erzählten, dass diese Art der Veranstaltung in solch einem fast schon „privaten Rahmen“ in Deutschland nicht durchführbar wäre. Seit 2002 haben insgesamt nur dreimal Journalisten, alle aus Deutschland, teilgenommen. Gerade bei diesen Fragestunden, wirkt dieser unnahbare und die Distanz wahrende Mann geradezu menschlich und freut sich, Anekdoten aus seiner Laufbahn erzählen zu können oder aber auch, manch internes abgeschwächt bekannt zu geben.

Ich hatte die Möglichkeit abseits und „unter vier Augen“ ein wenig genaueres zu den Gerüchten um Alfa Romeo, ein tatsächliches Angebot und damit eine eventuelle Übernahme und die Art und Weise der Integration in den Konzern als dritte sportliche Marke neben Audi und Porsche zu erfahren.

Er erklärte, dass die Alfa-Mannschaft im Moment sehr demotiviert sei, aufgrund der Drohungen/Vertragsverhandlungen und deren Ergebnisse mit Fiat, was auch die Kontakte deren Betriebsräte zu VW zeigen.

Piech selbst meinte weiters, Fiat geht es im Moment noch etwas zu gut, als dass sie sich sofort von Alfa trennen müssen. Allerdings sagte er mit einem lausbubenhaften Blick: „Haben Sie noch ein wenig Geduld, wir haben es ja nicht eilig und können warten!“ Diesen Satz hat man schon öfters von ihm gehört und es hat dann tatsächlich nicht mehr lange gedauert, bis etwas passiert ist und er als Sieger aus einer Schlacht hervorging.

Eine Kannibalisierung mit oder ein Ende von Seat sähe er nicht, denn „alle Kinder seien gleich¬berechtigt“ und sollten die Synergien des Konzernverbunds nutzen (können) und sich gegebenenfalls anstrengen.

Zum sportlichen Teil, also wo der VW Konzern Alfa im Motorsport neben Audi und Porsche einsetzen könnte/würde, wollte er sich dann nicht mehr äußern. (Würde jedoch Alfa ebenfalls in eine Rennserie einsteigen, wären faktisch alle Marken des Konzerns im Motorsport vertreten…ob das vernünftig wäre sei einmal dahingestellt.)

Vergangenen Sommer wollte ein Student abschließend wissen, was zwischen ihm und Wendelin Wiedeking bei der geplanten VW Übernahme von Porsche eigentlich schiefgelaufen sei. „Unsere Ansichten waren nicht so unterschiedlich. Aber Wiedekind wollte die Führung und ich wollte sie auch.“ Und da war es wieder, dieses lausbubenhafte Lächeln des Siegers.

(((Der Autor ist der Redaktion selbstverständlich bekannt und wird im Lauf der Zeit noch etwas mehr von seinen Gesprächen mit Ferdinand Piëch berichten.)))

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