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Wie ich das Auto lernte IV

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz – Teil IV.

29.01.2013 Autorevue Magazin

Es gab Autos, die so stimmig waren in Ausdruck und Proportion, dass sie wirkten, als wären sie schon immer für uns dagewesen. (Speziell, wenn man selber erst seit vier Jahren da war.) In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren gehörte der Steyr 380/480 zur vertrauten Mimikry der Weltbetrachtung: gütig, streng, verlässlich. Man sah ihn als Postbus, als Langholzwagen, als Baustellenfahrzeug oder Bierwagen. Auf seiner Ladefläche war Österreich. Und unsere Wohnung. Ich saß als Vierjähriger auf einer Böschung und beobachtete Eintreffen, Beladung und Abfahrt der beiden Umzugswagen. Ich sah von schräg oben in die Fahrerkabine ­hinein und konnte erkennen, dass einer der beiden alternierend wiederkehrenden Lastwägen einen blanken, der andere einen mit Wolle umstrickten Schalthebel hatte. Alles, was Stange war, ­vibrierte im Leerlauf: die Schalthebel, die Auspuffrohre und die beiden Peilstangen an den vorderen Kotflügeln.

Die gingen dann auch als Erstes verloren an meinen beiden Spielzeugmodellen aus weichem Plastik. Sie waren gelb und grün und rot, die Ladefläche ließ sich kippen, und es gab passende Anhänger. Ich fühlte mich gut ausgestattet für die Expedition zum Mittelpunkt des gemusterten Perserteppiches unterm Wohnzimmertisch. Ich kann mich noch gut an die Entdeckerfreude erinnern, als ich ihn eines Tages tatsächlich fand. Nilquellen der Kindheit.

Dreizehn Jahre später saß ich hinter dem Lenkrad unseres ­weißen Fahrschul-480 mit lichtvoller Doppelkabine. Ich lernte über das unsynchronisierte Getriebe, über das Luftdruck-Bremssystem, den fußbetriebenen Fernlichtschalter. Zwischenkuppeln, Zwischengas. Ich liebte das Vorglühlämpchen, die Kühlerjalousie, den Kaltstartregler und hatte großen Respekt vor der Motorstaubremse, der Differenzialsperre und vor Fahrlehrer Jimmy auf der Rücksitzbank.

Der Besuch der Schule für Motoren- und Kraftfahrzeugtechnik verlangte auch nach entsprechender Ferialpraxis, die ich beim Steyr-Fiat-Betrieb unserer Kleinstadt absolvierte. Zur Begrüßung reichten sie mir G’studiertem einen aufgeladenen Kondensator, aber so ungeschickt, dass sie sich gleich selber elektrisierten. ­Später wurde ich einem Gesellen zugeteilt, der in jeder Sommerpause das lädierte Fahrschul-Lastwagengetriebe zu zerlegen hatte. Die Späne misslungener Schul-Schaltmanöver ausräumen. So lernte ich den Steyr-Lkw auch von dieser Seite her kennen.

Im Herbst war Bundesheer; sie hatten mich für elf Monate ­gefangen mit dem Angebot, den „schweren Hänger“ als Führerscheinausbildung machen zu dürfen. Ich erinnerte mich der Worte unseres Fahrschul-Ingenieurs: „Ein C-Schein ist eine komplette Berufsausbildung.“ E dazu würde mich meinem Berufsziel Fernfahrer entscheidend näher bringen.

Leider stellte sich heraus, dass in der Ausbildungskaserne gar kein Anhänger existierte. Aber ich möge erst einmal den Heereslaster-Schein machen, später würde man weitersehen. Mein Einwand, dass ich C eigentlich schon habe, wurde mit dem hässlichen Z-Wort abgetan: Zivil. Meine lebendigste Erinnerung an die ­Ausbildung (wiederum auf Steyr 380) war das zehnmalige Straf­einparken bei ungewaschenem Auto. Wenigstens ersparte man sich so die übliche Grundausbildung.

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Schwerer Hänger stellte sich auch danach keiner ein, also wurde ich dem Essenholdienst zugeteilt. Ratten in unserer Kagraner Kasernenküche machten es notwendig, Frühstück, Mittag- und Abendessen in der Fasangartenkaserne abzuholen. Ein Korporal zeigte mir die Route und wie man den Lkw auf die Kasernen­rampenkurve hinauf anbremsen musste, damit sich das linke Zwillingsreifenpaar hob. Die beiden Küchendiener, die hinten unter der Plane den großen Blecheimer voll Tee festhalten mussten, ­stiegen regelmäßig nass und klebrig aus. Gab es Mannschafts­transporte und zwei Mann fanden keinen Platz mehr auf der Längssitzbank, musste man fünf Meter vorfahren und scharf bremsen. Dann war Platz für alle.

Ich liebte die Maxingstraße, schmal bergab. Hier konnte man ausgiebig die Motorstaubremse ziehen, was eine Klappe vor das Auspuffrohr schob, somit den Motor drosselte und ein schönes tiefes Röhren herstellte. Mööööh!

Kennt ihr den NSU Prinz? Er hatte diesen Badewannenrand rundum, versehen mit einer verchromten Zierleiste. In der Ameisgasse stand einer. Plötzlich wich ein Entgegenkommender so scharf einer Baustelle aus, dass ich nach rechts korrigieren musste. Es gab einen harten Knall. Als ich den Lastwagen abstellte und zurückging, sah ich, dass sich erwähnte Zierleiste wie ein Hobelspan von dem NSU abgeschält hatte. Sie war über meinen rechten ­hinteren Kotflügel gewickelt. Auf dem Gehsteig hockte immer noch der Eigentümer des Prinz, den Tränen nahe: „Am Nachmittag warat a Käufa kumman!“

Resigniert warf er Putzschwamm und Polierpaste in den ­Kübel. Eines kalten Wintermorgens glomm das Vorglühlämpchen nur ganz matt. Erst kein Anhänger, und jetzt war keine geladene Batterie aufzutreiben. Das war das Ende meiner Kraftfahrerkarriere beim Militär. Man drückte mir Waschmop und Kübel in die Hand.

Nach dem Abrüsten half ich fallweise einem befreundeten Holz- und Kohlenlieferanten aus. Erst da erfuhr ich, was der Steyr 380 wirklich aushielt. Die Lieferungen aus dem Waldviertel erreichten oft groteske Dimensionen – der Rahmen des Typ 380/480 galt ja gemeinhin als unzerstörbar und war es offenbar auch. Es ging nur mehr darum, ob die Hinterräder am Kotflügel streiften oder nicht.

Heute ist sein Anblick selten geworden; Gerüstbaufirmen halten ihm oft noch die Treue, auf den Feldern sieht man manchmal Funktionsgerippe, die den Motor der Bewässerungspumpe antreiben. Die Batterie wurde nach dem Starten wohlweislich entfernt, und die Motoren spielen ihr einsames Lied wie die Wiedergänger einer Zeit, als die Technik dem Menschen am ­meisten entsprach.

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