5,3 Meter Luxus von Bentley.
5,3 Meter Luxus von Bentley.
 

Der Bentley Flying Spur V8 – Britische Sparsamkeit

Ein Testbericht im Bentley Flying Spur V8 sollte auf der Rückbank beginnen. Die meisten Käufer werden im Straßenschiff bloß im Fond Platz nehmen.

09.12.2014 radical mag

Ruhiger ist es geworden um Bentley. Die britische VW-Tochter, die ab 2003 mit dem Continental GT zum wahrscheinlich ersten (finanziellen) Höhenflug in der unterdessen 95-jährigen Geschichte angesetzt hatte, ist in den vergangenen zwei, drei Jahren stehengeblieben, wirft zwar dauernd neue Sonderversionen, immer mehr Speed an allen Fronten, auf den Markt, doch auf die Zahlen von vor der Finanzkrise 2008 kommen die Briten schon länger nicht mehr. Gespannt wartet man andererseits auf das große SUV, das dann wohl 2015, spätestens 2016 angeboten werden wird (auf Basis des Audi Q7). Doch mit diesem «Nutzfahrzeug» werden sich die Engländer in Mitteleuropa weniger Freunde machen als etwa auf den für die Marke besonders wichtig gewordenen Märkten China, Indien oder Mittlerer Osten; ein Nachfolger für den Continental GT ist sicher in Planung, doch wird vorerst noch nicht bestätigt._bentley-flying-spur-v8-(5)

Wie kommt der Bentley Flying Spur V8 an?

Aber so ein Bentley strahlt trotzdem etwas ganz Besonderes aus. Es fährt die glorreiche Geschichte mit, so ein bisschen auch die legendären fünf Le-Mans-Siege zwischen 1924 und 1930, so ein wenig der Glamour der damaligen «Bentley Boys» – und auch optisch machen sie einiges her. Der Auftritt ist mächtig, nicht nur, was die Dimensionen betrifft. Auf der Autobahn werfen sich die anderen Verkehrsteilnehmer auf die rechte Spur, auch wenn der mächtige Engländer genau innerhalb des gesetzlichen Limits einherrollt. In der Stadt bleiben die Fußgänger mit offenem Mund stehen, auf dem Lande rennen die Kinder hinter dem 5,3 Meter langen Flying Spur her, um ihn bestaunen zu können. Immer wieder wird man gefragt, was das mächtige, schon im Stand sehr edle Fahrzeug denn kostet, und dann kann man erzählen, dass es keinen offiziellen Basispreis gibt, denn so ein Fahrzeug wird ja ganz individuell konfiguriert. Aber so prinzipiell, als Größenordnung, geht es ab 150.000 Euro sehr schnell aufwärts.

Video: Testfahrt im Bentley Flying Spur

Seine Kraft und sein Verbrauch

Und wir sprechen hier vom neuen Einsteigermodell des Flying Spur, dem V8, der seit Frühling auf dem Markt ist. Der 4-Liter-Turbo, der 507 PS stark ist,  auch im Audi A8 arbeitet und als besonderes Merkmal über eine Zylinderabschaltung verfügt, ist die sparsamere Alternative zum bisher und weiterhin angebotenen Zwölfzylinder mit 625 PS. Zylinderabschaltung bedeutet, dass der fast 2,5 Tonnen schwere Bentley im Schiebebetrieb nur mit vier Zylindern unterwegs ist, ein eigentlich probates Mittel, um massiv Benzin zu sparen. 10,9 Liter sind es gemäß Werk und Norm, doch das erwies sich im Test dann weit mehr als Wunsch denn Realität, unter 14 Liter kamen wir auch bei sehr entspannter, einem Bentley angepasster Fahrweise nicht. Was dann wiederum am schon erwähnten Gewicht gelegen haben dürfte.

Gutes Gewissen

Und vielleicht auch ein bisschen daran, dass der edle Flying Spur auf dem doch eher bürgerlichen sowie nicht mehr ganz taufrischen Volkswagen Phaeton basiert. Von der Zylinderabschaltung spüren die Insassen rein gar nichts, die Übergänge sind perfekt. Und irgendwie hat man als Pilot ein gutes Gewissen, wenn man weiß, dass es nicht die ganze Leistung des formidablen, wunderbar ruhigen Antriebs braucht, um auf Straßen im Verkehr mitzuschwimmen._bentley-flying-spur-v8-(1)

Leider dann doch ein wenig veraltet

Dass der Fyling Spur, zwar erst im vergangenen Jahr rundum erneuert, in seiner Grund-Konstruktion ein «altes» Auto ist, merkt man aber trotzdem, leider, auch im Fahrbetrieb; Querrillen mag der Engländer gar nicht, da tut es einen Schlag durch den ganzen Wagen. Und das passt irgendwie nicht zu einer großen Limousine, die ihre Passagiere ja möglichst komfortabel ans Ziel bringen soll.

Nichts für Bergstraßen oder enge Gassen

Will der Besitzer ausnahmsweise einmal selber ins Lenkrad greifen, dann verwöhnt ihn der Flying Spur mit einer sehr souveränen Leistungsentfaltung. Auf Landstraßen und Autobahnen marschiert er heftig, kraftvoll, seinem doch sehr martialischen Aussehen entsprechend. Enge Gassen oder Bergstraßen sind nicht sein Ding, dafür ist er zu groß, zu schwer, auch irgendwelche sportiven Anwandlungen des Fahrer goutiert er nur mäßig, die seitlichen Wankbewegungen sind ziemlich groß. Doch für den absoluten Fahrspaß ist der Engländer ja auch nicht gebaut. Außerdem gibt es im Programm von Bentley ja auch noch den Mulsanne, der vom klassischen V8 angetrieben wird, noch ein Stück edler ist (und entsprechend teurer) und trotzdem sportlicher, da muss ja auch ein gewisser Abstand gewahrt bleiben._bentley-flying-spur-v8-(2)

Wer fährt schon selbst?

Und auch in Sachen Infotainment ist der Bentley nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik, da ist ein Golf 7 moderner. Andererseits: so ein Flying Spur ist eine typische Chauffeur-Limousine – und was kümmert es den Gast hinten rechts, wenn sich der Pilot vorne links mit einem nicht besonders schnellen Navi abmühen muss?

Wie sich die Automatik anfühlt

Dort hinten genießt man einfach die Ruhe des großen Wagens, streckt die Beine aus, denn Platz ist mehr als nur reichlich vorhanden, genießt den einmaligen Duft des Leders und stellt seine maßgeschneiderten Schuhe auf Woll-Teppiche von besonders glücklichen schottischen Schafen. Überhaupt ist die Verarbeitung edelster Materialien absolut liebevoll, in Crewe wird die Handwerkskunst bis zum Exzess gepflegt, aber das versteht sich bei einem Bentley (und in dieser Preisklasse) ja von selbst. Außerdem schaltet die 8-Gang-Automatik von ZF derart sanft, dass man meinen könnte, der Flying Spur werde von einem Gummiband gezogen._bentley-flying-spur-v8-(4)

Wer kauft sich einen Bentley Flying Spur V8?

Es gibt modernere, auch sparsamere Luxus-Limousinen als den Flying Spur, die S-Klasse von Mercedes, zum Beispiel, überflügelt den Engländer in fast jeder Disziplin. Doch um technische Details, elektronische Gimmicks, Fahrleistungen oder Verbrauch geht es ja bei einem solchen Wagen nur ganz am Rande. Auch der Preis interessiert nicht wirklich – es geht um Stil, den ganz guten Geschmack, und den kann man ja bekanntlich nicht «kaufen». Es sind Dinge, die sich der Vernunft, aller Rationalität entziehen: wer einen Bentley will, der wird sich einen Bentley kaufen (entsprechendes Spaziergeld natürlich vorausgesetzt). Und da ist es eigentlich auch egal, ob unter der Haube der feiste W12-Motor oder ein «Vierzylinder» seinen Dienst tut.

Und wäre nicht dies Image-Dings, dann könnte man sich ja auch einen Skoda Superb kaufen. Der kann fast alles fast gleich gut…

Vielen Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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