Bentley Continental GT
Jetzt vorsichtig sein, damit nicht das Wort Facelift rausrutscht und daliegt wie eine Bananenschale für Assoziationen.
 

Testbericht: Bentley Continental GT

Schönheit, die von innen kommt, und von außen auch: Dezenter und sozial verträglicher lässt sich Brutalität nicht abhandeln.

01.03.2012 Autorevue Magazin

Schon der Anblick des Bentley bringt einen weiter (innerlich, eher nicht außen), man muss also nicht einmal fahren, um wohin zu kommen, wo man noch nie war. In ein Stadium innerer Erhabenheit nämlich, das man sonst nur erfährt, wenn man historische Tempelanlagen anschaut oder die Öresundbrücke entlangrollt.

Das ist eine Art gute Nachricht für jene, die ihn sich nicht leisten können, und das sind fast alle. Denn für einen ­Bentley ist man ausreichend reich, wenn man nicht auf den Preis (238.000 Euro, das muss ja sowieso irgendwann gesagt werden) hinspart, sondern Geld auf die Budel zählt, bis der Verkäufer abwinkt, und dann einfach heimfährt. Unvorstellbar, dass Käufer des Bentley Continental GT im Verkaufslokal FEILSCHEN und mit dem Kauf ­eines Konkurrenzproduktes (welches eigentlich? Die Vergleichlinge in unserem Datenkasten beweisen eher, dass nicht alles ein Vergleich ist, was hinkt) drohen, bis der Händler einen Satz Winter­reifen und einen Kanister Scheibenreiniger dazupackt. Oder eine Summe nachlässt, die ­andere für einen Dacia ­Logan ausborgen – eine Summe, die hier aber erst in der zweiten Nachkommastelle der Aufmerksamkeit stattfindet.Was wir damit eigentlich nur sagen wollen: Der Bentley Continental GT strahlt schon im Stehen eine Erhabenheit aus, der andere bei Höchstgeschwindigkeit noch nachhecheln, und jetzt noch ein wenig mehr als früher.

Jetzt gilt es vorsichtig zu sein, damit nicht das Wort Facelift rausrutscht und daliegt wie eine Bananenschale für Assoziationen. Denn wenn Bentley ein Auto überarbeitet, denkt man besser an Denkmalpflege und aus dem Vollen gedrehte Verfeinerungen, und hier bestehen sie beispielsweise aus 575 PS (plus 15) und ­einer Fuge, die jetzt nicht mehr da ist.

Die Änderungen im Detail: Der Biturbo-Zwölfzylinder bringt jetzt etwas mehr ­Leistung und Drehmoment (700 Nm), das Fahrwerk wurde ein wenig nachgeschärft und die Spur verbreitert, ­worauf der Continental GT jetzt satter im Geläuf ruht.

Die vorderen Kotflügel sind mittels eines neuen Verfahrens aus ­einem Stück geformt statt bislang aus zwei, womit keine Naht mehr die Glattflächigkeit stört, und der Grill steht etwas steiler. Damit der Allradantrieb mit Leistung und Straßenlage mitzieht, wird der Hinterachse etwas mehr Power zugeteilt, nämlich 60 Prozent.

Für die Praxis bleiben somit Beschleunigungswerte, die an Urgewalten gemahnen. Man drückt aufs Pedal und der ­Bentley geht in Echtzeit mit, während man gut eingebettet dasitzt in einer Welt aus Leder, Holz, Metall und Überfluss. Die 2,3 Tonnen sind in diesem Moment aufgehoben, sie ­materialisieren sich erst wieder, wenn der GT Reiseflughöhe erreicht hat, und alles spielt sich völlig aggressionsbefreit ab. Es ist nämlich erstaunlich, wie höflich der Überfluss ­machen kann. (Na ja, nicht alle, ein ­junger Kollege parkte an der Autobahn-Raststätte quer über zwei Parkplätze, wurde aber von keinem der Umstehenden gerügt.) Gemeinhin aber gilt: Rasen ist das, was man daheim im ­Garten hat. Mit dem Bentley gleitet man, wobei das Gleiten hier durchaus in Regionen stattfindet, die schwuppdiwupp zum Führerscheinentzug führen könnten. Man wird das schnellere Gleiten aber immer gentlemanlike zelebrieren, also mit Ab- und Anstand, sozial verträglich und unbemerkt vom Rest der Welt.

Oder auf der Rennstrecke, was zwar eigentlich ein Missverständnis darstellt, aber die Suche nach Grenzen deutlich vereinfacht. Um sie zu finden, engagiert man beispielsweise Karl Wendlinger und notiert: „Er macht Spaß, ­reagiert spontan aufs Gaspedal und ist ­gemütlich zu fahren, ohne das geringste Unter- oder Übersteuern. Ein wenig wandert man auf den Sitzen, aber der Seitenhalt passt. Ordentlich verbessert wurden die Bremsen, aber beim Verzögern merkt man das Gewicht.“

Und hier ist der Bentley Continental GT in Aktion zu sehen:

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