Bentley Continental GT V8S
Mit stolzen 2.470 Kilogramm wird auf den Straßen gecruist.
 

Der Sumo-Ringer mit acht Zylindern

Klar, aus einem Sumo-Ringer wird nie eine Primaballerina, da hilft alles Training nix. Der Bentley ist ein Sumo-Ringer, allein der Kraft wegen.

16.08.2014 radical mag

Schon klar, von den Abmessungen her ist ein Bentley nie ein Schmalhans. Der Continental GT Convertible V8 S den wir rund ums Werk in Crewe bewegen durften ist mit einer Länge von 481 cm aber auch kein Riese. Naja, mal abgesehen davon dass er mit einer Breite von 194,5 cm nicht wirklich auf enge, britische (oh sorry, zum Teil walisische) Landstraßen passt. Zumal mit den Außenspiegel satte 2,22 Meter darauf warten, den entgegenkommenden Verkehr in Angst und Schrecken zu versetzen. Bei den Maßen ist der Bentley also kein Schmalhans, bei der Masse erst recht nicht. 2.470 Kilogramm nennen die Briten als Leergewicht für das Cabrio.

Bentley, der Sumo-Ringer

Das Gerücht allerdings, dass der Bentley keine Federung braucht weil bei dem Gewicht der Boden nachgibt können wir nicht bestätigen. Klar, aus einem Sumo-Ringer wird nie eine Primaballerina, da hilft alles Training nix. Der Bentley ist ein Sumo-Ringer, allein der Kraft wegen. Denn auch wenn nur acht Zylinder im Bug ihre Arbeit verrichten, behäbig wirkt der offenen Continental überhaupt nicht. Die 528 PS aus den vier Litern Hubraum sorgen dafür, dass was vorwärts geht. Hinzu kommt ein maximales Drehmoment von 680 Nm ab 1700 Umdrehungen._Bentley-Continental-GT-V8S (2)

Der Vernunftsmotor

Das können die «großen» Brüder nicht viel besser. Der Continental GT mit W12-Motor ist zwar deutlich kräftiger (575 PS, 700 Nm), aber das macht den Braten auch nicht fett. Und er klassische Bentley-V8 mit 6,75 Liter Hubraum (wird zum Beispiel im Mulsanne verbaut) ist mit 512 PS sogar etwas schwächer, bietet aber einen Drehmomentberg von 1020 Nm. Der V8 S in Continental ist also eine Art Vernunftsmotor der wenn möglich sogar vier der acht Zylinder abschaltet.Bentley-Continental-GT-V8S (1)

Sound, Performance und Ansprechverhalten

Aber, das sei hier gesagt: Sound. Performance und Ansprechverhalten sind ganz einfach – toll. Natürlich hat die VW-Tochter Bentley den Motor nicht selber entwickelt – er stammt eigentlich von Audi, wo er zum Beispiel den RS6 befeuert. Überhaupt hat Bentley wohl nur überlebt, weil man von Synergien mit dem Giganten aus Wolfsburg profitieren kann. Natürlich kann man Schnöden, dass das Navigationssystem auch im VW Passat verbaut wird – aber es ist modern, funktioniert prima und lässt sich einfach bedienen._Bentley-Continental-GT-V8S

Kein Blender sondern ein Cruiser

Konkurrenten in dieser Fahrzeugliga arbeiten da teils noch mit Systemen, die Anfangs dieses Jahrhunderts in einem Volvo ihren Dienst taten… Denn die Entwicklung dieser Multimedia- und Navigationskomponenten verschlingen Unsummen. Sachen, die sich gewisse Hersteller einfach nicht leisten können. Hier profitiert Bentley extrem von VW. Ursprünglich ist ja auch die Plattform des Continental von VW (Phaeton), aber Hand aufs Herz, davon merkt man einfach nichts. Das hat zwei Gründe. Erstens ist der Continental GT kein Blender sondern ein Cruiser mit mächtig Reserven. Und zweitens spürt man an jeder Ecke das Know-how der Arbeiter im Werk in Crewe, in dem bis vor geraumer Zeit auch Rolls Royce montiert wurden. Die Verarbeitung gehört ganz klar zu den Stärken eines Bentley – wir zitieren wieder mal den VW-Chef: «Da scheppert nix». Und, in den Hauptmärkten der Marke aus Crewe (USA, Russland, China) interessiert sich kaum ein Kunde für Rundenzeiten auf dem Nürburgring sondern viel eher für Rosenholz, Vogelaugen-Ahorn oder für eine Außenfarbe, die der des Nagellacks der Holden entspricht.

Schneider mit Guinness-Bauch

Und das können sie – die Briten. Bei einem Besuch im Werk konnten wir uns vom nach wie vor hohen Anteil an Handarbeit auch beim Continental GT überzeugen. Da sitzen gestandene Männer mit Guinness-geformten Bäuchen in Reih und Glied und nähen edle Lederhäute auf die Lenkräder. Ein wunderbares Bild. Oder die Holzverarbeitung welche im Gegensatz zum Mulsanne etwas stärker automatisiert ist, aber immer noch viel Handwerkskunst verlangt._Bentley-Continental-GT-V8S-2

Klar kostet das auch was

Wer nicht so um die 240.000 Euro hat, braucht eigentlich gar nicht zum Bentley-Händler zu gehen. Obwohl die Basispreise teils deutlich unter dieser Marke liegen, wird sich kaum jemand einen Standard-Bentley kaufen. Und die Aufpreise sind teils happig, aber das ist auch bei einigen Grossserien-Herstellern mittlerweile nicht besser. Wir erinnern da gerne an die C-Klasse. Bentley baut nach wie vor hervorragende Autos und ist auf gutem Weg, sein etwas angestaubtes Image abzulegen. Helfen soll da eine fünfte Baureihe, die nach dem SUV-Modell etwa 2018 auf den Markt kommen könnte. Wenn wir gerade beim SUV aus Crewe sind. Er soll definitiv anders aussehen als der Prototyp, den David Staretz 2012 als „Stumpfungehobeltlangweilig-abgerundetunverblümtschonungs­losungeschminkt“ beschrieben hat. We will see.

Vielen Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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