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Wer braucht schon Fenster, wenn er Netze haben kann?

Auf der Suche nach Käfer-Verrückten, wird man weltweit fündig. So auch in den USA, wo die Baja Bugs ihr Unwesen treiben.

14.02.2016 Press Inform

Der Käfer von Jim Graham ist kein Schmuckstück – im Gegenteil. Jemand, der seinen Beetle so liebt wie der Kalifornier, sollte sein Traumauto an sich mehr pflegen. Das 69er-US-Modell fällt augenscheinlich fast auseinander. Der Farbe ist schmutzig schwarz; zahllose Werbeaufkleber zieren die Außenhaut. Auch die mehrfach verklebte Startnummer 1107 und zwei LED-Scheinwerferbatterien auf Dach und Haube deuten darauf hin, dass es sich um ein Rennmodell der Baja Serie handeln muss. „Mein Käfer hat 54 PS. Hört sich nicht nach viel an“, erzählt Jim Graham, „darum geht es aber nicht. Bei den Baja-Rennen geht es ums Ankommen.“

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© Bild: press-inform

Puristische Ausstattung

Aus der Nähe brachtet sieht Grahams Traumwagen nicht besser aus. Insbesondere im Innern bietet das Baja-Modell ein Bild des Grauens. Rostlöcher sind faustgroß und von dem ohnehin überschaubaren Komfortangebot des ehemaligen Serienmodells ist nichts mehr geblieben. Lenkrad, zwei Schalensitze, Überrollkäfig und ein paar gebastelte Schalter – das war es – mehr braucht es auch nicht. Auf dem Armaturenbrett wurden mit einem Edding die Zielkoordinaten des letzten Rennens gekritzelt. Die Klappenkiste ist nackt bis aufs Blech. Abgesehen von der Frontscheibe wurde alles Fensterglas entsorgt. „Brauchen wir alles nicht“, so Jim, „dafür haben wir ja die Netze. Bei den Rennen tragen wir spezielle Rennhelme.“ Die werden über einen kleinen Lüfter hinter dem Fahrergestühl notdürftig mit Frischluft versorgt. Sonst wären die Baja-Rennen, die Mexiko, Kalifornien oder Nevada stattfinden, wegen Atemnot nach ein paar Minuten beendet.

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40 Stunden am Stück

VW war schon bei der ersten Baja Mexiko im Jahre 1967 dabei. Graham feierte seine Rennpremiere exakt 40 Jahre später. Der Amerikaner entschied sich für den historischen Käfer, weil er und dessen Ersatzteile so billig zu bekommen sind. Modifikationen sind kein Problem, doch je nach der entsprechenden Fahrzeugklasse müssen die Fahrzeuge so original wie möglich sein. Daher knattert Graham mit seinem rund 900 Kilogramm schweren 1600er-Modell mit gerade einmal 54 PS durch die Lande. Wenn er auf fester Piste Gas gibt, hat das verbaute GPS-Gerät schon einmal 75 Meilen Höchstgeschwindigkeit angezeigt – immerhin 120 km/h. „Im Rennen selbst sind es vielleicht so 25 Meilen“, meint Graham, „aber dann bis zu 40 Stunden am Stück.“

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100 Dollar und ein Führerschein

Die Belastung für Mensch und Maschine ist auf den staubigen Wüstenpisten gewaltig. Alle 125 Meilen werden die Fahrer getauscht, die nach den mörderischen Etappen aussehen, als hätten sie ohne Wasserversorgung an einem Triathlon durch die Sahara teilgenommen. Die Fahrerteams, die in unterschiedlichsten Klassen und in bis zu 800 PS starken Renn-Buggies starten, bestehen jeweils aus vier Personen. Einige sind Profis – andere blutige Anfänger. Ein Führerschein und 100 Dollar reichen, um sich ins Starterfeld zu buchen. Jim Graham startet sein dunkles Schmuckstück mit einem unsichtbaren Schalter unter dem zusammengeschusterten Armaturenbrett. Der Vierzylinder-Boxer schüttelt sich einmal kurz, knattert und läuft. Ein typischer Käfer eben. Jim aalt sich in den heruntergerockten Rennsitz auf der Fahrerseite, schnallt sich notdürftig an und legt erst im zweiten Versuch den ersten Gang ein. Der Beetle schüttelt sich und zuckelt los. Lenkung, Bremsen und Schaltung – an Bord ist alles eine Katastrophe, doch Jim Grahams Mundwinkel ziehen sich mit jedem Meter nach oben. Zusammen mit seinem zusammengeschusterten Spielmobil holpert er nach ein paar Kilometern auf eine unbefestigte Piste. Er tritt voll aufs Gas und der Baja Beetle scheint beinahe auseinanderzufallen. Beim Durchfahren der ersten Pfütze fliegen Dreckfontänen in das Knattermobil mit Startnummer 1107 – Jim Graham lacht: „Macht Laune, oder?“ Die Stollenreißen krallen sich ins unwegsame Geläuf, katapultieren mittelgroße Steine durch die Löcher im Unterboden in den überfluteten Fußraum. Der verdreckte Boxer im Heck brüllt bei über 4.000 Touren, als würde man die Schallmauer durchbrechen. Doch die Hügel rund um Palm Springs ziehen langsamer als sonst vorbei. Für Höchstgeschwindigkeiten ist der Baja Bug einfach nicht gemacht.

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Kein blutiger Anfänger mehr

Naja. Nachdem sich der Amerikaner 2006 im Fernsehen mit dem Baja-Syndrom infiziert hatte, dauerte es nicht einmal ein Jahr und er hatte Auto und Team beisammen. „Doch nach 154 Meilen flog uns der Motor um die Ohren.“ Nach schmerzhaften Erfahrungen bei den ersten Rennen wurde der 54jährige zum Semi-Profi, der im Laufe der Jahre beinahe jedes Wüstenrennen gewinnen konnte – nur die Baja nicht. Mittlerweile ist Jim Graham kein blutiger Anfänger mehr. Mit seinem Desert Dingo Team hat er kleinere Sponsoren, die die Kosten für seine Rennteilnahmen dämpfen. Trotzdem soll seine Frau nie erfahren, wieviel er über die Jahre in seine Käfer gesteckt hat. Das nächste Rennen kommt bestimmt: im Mai.

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