Paris Motorshow 2010 Publikumstage Seidel
 

Plötzlich im Puff

Der Weg führt in die Heimat.

03.10.2010 Online Redaktion

Smart, wer kein französischer Hersteller ist, sich aber trotzdem in Halle eins niedergelassen hat. Halle eins, das heißt in Paris: Peugeot, Citroën und Renault (letzterer bedingt noch Nissan und Dacia). Das sind die Local Heros. Die Helden der Messebesucher. Deswegen sind sie gekommen. Am ersten Publikumstag quillt die Halle über. Die Gäste, die gerade zwölf Euro Eintritt bezahlt haben, wollen die Zukunftsvisionen und brandaktuellen Modelle ihres Landes sehen.

Auch Nicolas Sarkozy kam auf den Autosalon Paris 2010

Hier hat sich tags zuvor auch Nikolas Sarkozy, der französische Präsident, blicken und neben dem Peugeot 508 ablichten lassen. Wegen einiger, vorsichtig formuliert, strittigen Entscheidungen in der jüngsten Vergangenheit, kam er gleich mit 40 Bodyguards. Sein Auftritt wirkte deswegen, als hätten die Publikumstage früher angefangen. „Das ist ein Puff“, beschrieb ein Pressesprecher aus der Schweiz den Auftritt. Wobei „Puff“ bei den Eidgenossen Menschenauflauf bedeutet.

Wäre der Schweizer mal einen Tag länger geblieben. Dieser Tag hätte sein Weltbild gerade gerückt. Vom Andrang bei den französischen Marken profitiert vor allem Ford. Die haben ihren Stand direkt neben Citroën und Peugeot. Wer dort keinen Platz mehr findet, oder kurz durchatmen will, der landet bei C-Max und co. Der Überlauf sozusagen.

Die Hersteller, allen voran die Premium-Marken haben sich auf so einen Andrang eingerichtet – rund 1,3 Millionen Menschen werden in diesem Jahr zwischen dem 2. Und 17. Oktober erwartet. Durchgänge zwischen den Ständen, die während der Pressetage noch offen sind, wurden verschlossen und um die neuen Modelle wuchsen über Nacht kniehohe Glaswände. Man will die guten Stücke nicht unkontrolliert betatschen lassen. Wer trotzdem einen Blick riskieren will, muss Schlange stehen. Einen Blick in den Innenraum der aktuellen Jaguarmodelle? Etwa dreißig Minuten.

Besser als nichts. Maybach vertritt die Meinung „geschaut wird mit den Augen, nicht mit den Händen“ und erlaubt nur den Blick über eine Glasbalustrade. Ganz anders Mercedes. SLS AMG anfassen? Kein Problem.

Paris Motorshow 2010 Publikumstage Seidel

Dann beginnt ein Countdown. Noch dreißig Sekunden. Die Uhr hängt über dem neuen CLS und tickt dramaturgisch effektvoll nach unten. Noch zwanzig Sekunden. Eine riesige Menschentraube bildet sich. Rollstühle und Kinderwägen werden zu Nahkampfwaffen. Noch zehn Sekunden. Manche zählen laut mit runter. Gedränge, Schweißgeruch, Blitzlicht. Es geht los. Es wird ein Werbefilm zum neuen CLS gezeigt. Wahrscheinlich auch auf youtube zu finden. Menschen in den hinteren Reihen gehen wieder, wer vorne oder in der Mitte steht muss bleiben.

Das mit den Erwartungen ist ohnehin so eine Sache. Die meisten die hier sind, wissen was sie wollen. Neue Autos schauen, mal in einem Porsche sitzen, sich mit der bildhübschen Hostesse neben einem Lamborghini fotografieren lassen. Für sie ist eine Automesse, was für andere ein Fußballspiel ist. Viele von ihnen sind mit Kumpels oder der Freundin unterwegs. Glück hat, wer mit Kumpels unterwegs ist, dann geht sich neben den Autos auch noch ein Blick auf die Messeschönheiten aus.

Eine andere Art von Glück hat, wer mit seiner Freundin da ist. Das läuft so. Es gibt ein Showcar zu sehen. Schnell ist klar: vielleicht, mit etwas Glück, schafft es einer mit dem Handy in die erste Reihe und kann ein Foto machen. Aber was ist mit dem Sackerl? Mühevoll eingesammelte Prospekte kann man nicht unbeaufsichtigt auf dem Flur liegen lassen. Des Rätsels Lösung ist ein Kuss für die Holde. Sie schmilzt dahin, nimmt die Sackerl und wartet geduldig, bis der Mann seinen neuen Handy-Hintergrund abgeknipst hat. Streit gibt es keinen.

Liebe Frauen, mit nur einem Tag Aufopferung könnt ihr hier euren Mann mit Dankbarkeit und Schuldgefühlen an euch fesseln. So ihr das nach so einem Tag überhaupt noch wollt.

Dann gibt es die Autokäufer. Man erkennt sie daran, dass sie wirklich wichtige Dinge ausprobieren und eine Generation über den Fans angesiedelt sind. Bei Opel heißt das beispielsweise auszuprobieren, ob die Suizidtüren tatsächlich familienfreundlicher sind. Gequält dreinschauende Buben, die viel lieber bei Cadillac rumblödeln würden, werden von den Vordersitzen auf die Rücksitze verfrachtet. Und zurück. Werden nach ihrer Meinung gefragt. Bei Toyota werden die Sitze des iQ von vorne nach hinten gescheben. Und umgekehrt. Alles wieder retour.

Die Aficionados gibt es auch. Man sieht sie nur seltener. Weil sie dreißig Minuten anstehen, um einen Jaguar zu streicheln. Dann eine halbe Ewigkeit um den neuen VW Jetta rumtigern, dessen Türen öffnen, die Türrahmen streicheln und, als letztgültiger Qualitätscheck, am Dichtungsmaterial zupfen.

Aber, das Wichtigste, das allerwichtigste für jeden Hersteller: bespaßt die Kinder. Wenn die quengeln ist`s vorbei mit dem Eltern in der Kundenkartei. Ford hat eine Art Gleichgewichtsspiel. Man steuert ein virtuelles Auto durch die Stadt, indem man sein Gewicht auf einer Matte verlagert. Fast jede Marke hat eine Playstation, einen Rallyesimulator oder ein 3D-Erlebniskino. Irgendwas. Und wenn nicht, kümmern sich die Hostessen um die Kinder.

Wenn die Kleinen nicht von selbst ruhig sein. Bei Lotus bietet sich ein entzückendes Bild. Drei Generationen einer Familie stehen um den Evora rum. Der Opa kommt nicht rein. Erstens, weil dessen Sohn drin sitzt, zweitens weil die Enkeltochter lächelnd auf ihre Chance wartet endlich Platz zu nehmen und drittens, weil er wahrscheinlich so oder so nicht mehr rein käme. Schon sein Sohn tut sich beim rausklettern schwer. Drei Generationen lachen.

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