Mein erstes Auto Autoliebe Essay Teil 5 frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz
 

Wie ich das Auto lernte V

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz – Teil V.

19.02.2013 Autorevue Magazin

Als ich sechzehn wurde, ergab sich die Frage nach einem Moped, deren Lösung mein Vater so formulierte: „Du kannst aussuchen zwischen einem neuen Puch MS50 oder einem gebrauchten Auto um denselben Preis. Das Auto kannst du natürlich nur unter Aufsicht fahren.“ Dazu muss man wissen, dass die MS50 gemeinhin als Postlermoped bekannt war: Pressblechrahmen, Wespentank, ein schwächlicher 50-ccm-Zweitakter und Fahrradpedale zum Mittreten. Es gab zu dieser Zeit kein peinlicheres Moped auf dem Markt.

Ich wagte kaum meine Wahl auszusprechen, um diesen offensichtlich von Feen verzauberten Moment nicht zu zerstören. Wir machten uns vom nördlichen Weinviertel aus auf den Weg nach Korneuburg, wo es eine Niederlassung der Autohansa gab – eine Wellblechhalle mit zwei Reihen Gebrauchtwägen davor, die man von der Bundesstraße aus gut überblicken konnte. Schon von hier aus erkannte ich mein zukünftiges Auto. Es war hellblau.

Hier muss man einfügen, dass gebrauchte Autos damals WIRKLICH interessant waren, pittoresk geradezu. Es gab matronen­hafte BMW-Barockengel, rundliche Fiat Millecento, schwarze Ponton-Mercedes, dahingesunkene Borgwards, Weltkugel-Fordtaunus, Wolseleys im zweifarbigen Kinderwagendesign und taubenblaue Peugeot 403 Kombi, wie sie damals bei Landärzten beliebt waren wegen ihres professoralen Blicks. Jede Menge Brezelkäfer. Mein Blick war aber auf einen Renault 4CV fixiert, dessen fein lamelliertes Stahlhelmheck mich faszinierte als Gegenentwurf zum durchmodellierten Bug mit Zierleisten-Schnauzer, auslaufend in diese voluminösen Kotflügel, denen die Vordertüren so elegant dreidimensional eingeschnitten waren. Sie öffneten sich nach vorne, gegen die Fahrtrichtung. Dass es auf 3,7 Meter Länge auch noch Hintertüren gab, war fast schon zu viel; damals setzte man schwer auf Zweitürer, das war sportlicher. „Springt er auch an?“ Der Verkäufer stieß eine Kurbel ins Heck. Der ganze Wagen schwang auf und ab, als er die 750 Kubikzentimeter durchmolk. Der Vierzylinder lief los, als hätte er schon gewartet. Fixpreis waren 2.500 Schilling bar auf die Hand. Die Hälfte eines neuen Postlermopeds.

Mein erstes Auto Autoliebe Essay Teil 5 frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Nachdem mein Vater und ich ein paar Tage später mit dem Zug angereist waren, Nummerntafeln und Zulassung im Gepäck, und wir uns im Renault unverzüglich auf den Heimweg machten, bekam das Glück einen Dämpfer: Nur zwei von insgesamt drei Vorwärtsgängen ließen sich einlegen. Das heißt, wir kamen kaum über Tempo 60 hinaus. Schließlich entdeckten wir, dass das Problem am Beifahrersitz lag. Er stand dem dritten Gang im Weg. Also setzten wir ihn um zwei Bodenlöcher zurück, der Schalthebel konnte vorbei und die Reparatur war erledigt. Tempo 100 stand nichts mehr im Wege. Allerdings erreichte er die Höchstgeschwindigkeit nur selten; unser Ehrgeiz war gering angesichts buckliger Straßen und elastischer Federung.

In der nördlichen Grenzregion gibt es endlos gerade Agrar­wege, die Felder und Gutshöfe verbinden. Hier konnte ich gefahrlos üben. Kurven waren wegen ihrer Seltenheit doppelt aufregend. Unvergesslicher Augenblick der ersten Alleinfahrt.

Später, als ich sicherer war, öffnete ich die Fahrertür einen Spalt, während der Wagen im Standgas Schritttempo fuhr, um die ­Sensation des Fahrens, des aufwandslosen Vorankommens noch intensiver zu würdigen. Gräser und Blumen des Wegesrandes huschten unten vorbei. Diesen Moment, diese grundlegende Freude am Fahren habe ich bis heute bewahrt.

Die deutsche AutoZeitung hatte damals eine tolle Serie: Rennfahrer wurden geprüft auf Reaktion, Geschicklichkeit und Einfühlungsvermögen in ihrem zivilen Fahrzeug. Am meisten hat mich Graham Hill beeindruckt. In der Disziplin „Lineal zwischen zwei Fingern fangen“ packte er nach konkurrenzlosen 4 Zentimetern Fallhöhe zu. Er fuhr testhalber einen Ford Zodiac, weil sein privater Holden in Australien stand und hierorts nicht aufzutreiben war. Die Aufgabe, zwei große Styroporblöcke nach Gefühl aufzustellen, um dann möglichst knapp durchzufahren, erledigte er mit zwei Zentimetern Abstand auf jeder Seite. Mein Vater schickte mich aufs Feld, Strohballen holen. Seither weiß ich, wie knallhart die sein können, denn ich fuhr gleich mit Tempo 30 durch, so sicher war ich meiner Einschätzung. Der Renault hat das gut weggesteckt; nur einmal, als der Kofferraumdeckel versehentlich aufsprang und gegen den Dachrahmen knallte, gab es einen Knick im Blech.

Mein erstes Auto Autoliebe Essay Teil 5 frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Mein Vater war bewundernswert; saß er neben mir, klemmte er sich mit angewinkelten Beinen auf den Beifahrersitz, stemmte sich mit Schuhen gegen das Dashboard und sagte ganz ruhig ­Sachen wie „Bremsen“. „Gas.“ „Hast du den Hasen nicht gesehen?“ oder: „Jetzt lenk scharf nach links und zieh die Handbremse.“ „Und jetzt Gas.“ O.k., ein reiner Euphemismus bei 21 PS, aber eines Tages, als der Auspufftopf abfiel, brachte ich aus der Schule (der TECHNISCHEN Schule) ein Stück abgewinkeltes Rohr mit. ­Hurra, es passte, und der Klang war GLEICH BESSER.

Eine große Peinlichkeit muss ich im Dienste der Wahrheit ­gestehen: Mit Tusche schrieb ich auf ein Stück weißen Zeichenkarton ganz adrett: MEIN ANDERES AUTO IST EIN ROLLS-ROYCE und klemmte es in die hintere Seitenscheibe. Zum besseren Verständnis: Es war die Zeit der originellen Aufkleber, reine Gebrauchsliteratur im Sinne von: WER DAS LIEST, IST ZU NAHE. Dennoch wurde mein Vater, wenn er mit dem Renault ins Amt fuhr, gefragt, wie er denn mit dem Rolls-Royce zufrieden sei und was denn der so verbrauche. Denn diese Spielverderberfrage war schon damals modern. Wir schreiben 1975.

Manchmal saß ich nur versonnen bei laufendem Motor da und spielte mit dem Gaspedal. Der dämpferlose Motor klang ja wirklich wie eine hitzige Rennmaschine. Ich weiß nicht, wie die umliegenden Wohnblocks das verkrafteten. Damals hatten Autos einfach einen höheren Status. Je lauter, desto besser. Ich begann Fotos aus Zeitschriften auszuschneiden und an die Küchentüre zu kleben. Eines zeigte einen mit links eingeschlagenen Vorderrädern quer springenden Lancia Fulvia auf dem Niederalpl, Foto: Rottensteiner. Aber das sagte mir alles nichts. Ich las nur: Und siehe, er kommt hüpfend über die Berge und springend auf den Hügeln. Das war aus dem Koran, erste Sure, zusammengestellt von Herbert Völker, aber für mich war das nur Jugendzimmertapete. Ich ahnte noch nicht, dass das alles Teil eines geschlossenen Systems war und dass ein Roman gleichnamigen Titels von Jerzy Andrzejew­ski Herberts Lieblingsbuch war und später auch zu meinem werden sollte. Damals hatte ich nur diffuse Träume und Vorstellungen; eine Aluminiumschraube mit Rundkopf hütete ich wie einen Schatz – sobald ich drei weitere gefunden hätte, würde ich darangehen, den Renault-Motor zu frisieren. Stufe 1, das Polieren der Ansaugkanäle, würde ich überspringen. Zu mühsam, zu wenig Ausbeute. Aber den Luftfilter konnte man schon einmal weg­nehmen.

So war mein erstes Autofahren eine einsame, geradezu meditative Angelegenheit. Mein Vater ging meist spazieren, während ich durch die Felder schnürte. Ich übte flüssige Gangwechsel und Einlegen des ersten (unsynchronisierten) Ganges mittels ­Zwischengas. Ich hatte eine auf dem Schulmüll gefundene Hupe ­installiert, und Wunder: Drückte man normal, ging die Normalhupe; presste man fester, schrillten alle beide los. In der Ferialpraxis beim Fiathändler war ich einem fixen ­Gesellen zugeteilt, Typ Indianer in Askese. Er hatte ein Dusika Mixte Zehngangrad mit untenliegendem Kettenheber. Wir wurden schnell handelseins. Mir war schon klar: Hans im Glück ist ein gerissener Typ gegen mich. Aber ich wollte dieses Rad. Und das nächste Auto stand schon in Reichweite. Es würde 48 PS ­haben, Zweifarblackierung und Lenkradschaltung.

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