Essay Autoliebe David Staretz Wie ich das Auto lernte Teil 2
 

Wie ich das Auto lernte II

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz – Teil zwei.

03.12.2012 Autorevue Magazin

Teil II – Das Auto als Unterrichtsfach. Vom Düngersack zum ­Unschlitt. Die Jahre vor und in Steyr waren der Trübsinnigkeit des Missverstandenen förderlich. Aber ich wusste: Da muss man durch.

Ich klebte ohne Geduld Flugzeuge aus Bausätzen, hörte mit dem Ohr ans Radio gepresst Axel Cortis Schalldämpfer (er flüsterte so nuschelig) und fuhr, weil es damals noch keine BMXe gab, ein Fahrrad Puch Mini mit Weißwandreifen und zwei Rückspiegeln. Auto hatten wir ja immer noch keines. Ich war inzwischen vom Waldviertel in die Laaer Ebene geraten, was schwer zu verkraften war. Statt Rodelhängen der Nordpromenade gab es einen Weinkeller mit Sträuchern auf dem erdigen Rücken, der Kiniglberg genannt wurde. Dort konnte man auf Düngersäcken runterrutschen, wenn sich der Schlamm mit ausreichend Schnee vermengt hatte.

Dann bekam ich zwei entscheidende Bücher in die Hand: The Racing Driver von Dennis Jenkinson. Und Das bonbonfarbene, ­tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby von Tom Wolfe. Ich habe sie beide bis heute nicht richtig gelesen. Das lag aber daran, dass meine Begeisterung so rasch entfacht war, dass ich gar nicht zu Ende lesen musste, sondern sofort begann, sämtliche Kugelschreiber und einen Wecker zu zerlegen, was meinen damaligen technischen Möglichkeiten am nächsten kam.

Die wurden von meinen Eltern sofort richtig interpretiert, und man bot mir an, nach Steyr auf die Fachschule für Motoren- und Kraftfahrzeugbau zu gehen, samt angeschlossenem Internat. Das passte genau zu meinen geheimen Plänen: Ich wollte einen schwarzen VW-Käfer mit Ovalfenster kaufen und ihn auf 200 PS frisieren. Ich würde in der Stadt immer genau Tempo 50 fahren, damit mich alle überholen, und mich dann auf der Landstraße wieder zurückrunden.

Das Internat war eine Niederlage. Ich hatte mich im Blazer mit gesticktem Abzeichen und gestreifter Club-Krawatte gesehen. Stattdessen gab es vierschrötige „Präfekten“ in weißen Halb­mänteln und kurzen Hosen darunter, so dass man nur die behaarten Waden sah. Langhubige Scholl-Gesundheitssandalen.

Im ersten Schuljahr gab es kein Auto, keinen Motor zu sehen, nur das Feilübungsstück im Schraubstock. Schruppen als Meditation: Was hab’ ich mir da angefangen? Unser zuständiger Fachlehrer sah aus wie Louis de Funès und war genau so unwitzig. Er trug einen grauen Mantel und prüfte unsere Arbeit ständig mit dem Stahlwinkel gegen das Licht. Unglaublich, was man mit Feilen für Fehlerhaftigkeit anrichten kann. Danach stellten wir einen Hammer her, reziprok. Also im ersten Jahr: feilen, bohren und zurichten des Gussrohlings. Facettieren, bombieren, brünieren, härten. Im zweiten Jahr drechselten und feilten wir den Stiel. Die Gießerei trat zuletzt in den Lehrplan. In Jahres-Etappen haben wir so einen kompletten Hammer gefertigt. Als Jahre später ein Freund beim Zelten den Stiel abschlug und ich entsetzt rief: „A-aber den hab’ ich selber gemacht!“ antwortete er nur trocken: „Das sieht man.“ Zur Strafe wurde nicht gezeltet, sondern im Auto übernachtet. Es war ein ­Citroën-CX-Dauertestwagen der Autorevue. War mir eh lieber.

Zurück nach Steyr. Die Werk- und Maschinenhallen erinnerten an die düstere Phase der Industriellen Revolution. Holzstöckel­boden, schwere Maschinen, die von Firmen ausgemustert waren. Erster Lernbegriff: Spiel rausnehmen. Davon zehre ich heute noch. Wenn man einen Drehmeißel oder HSS-Bohrer vom Magazineur holte, wurde man von dem Mann im schwarzen Kloth-Mantel misstrauisch beäugt; brachte man den Stahl nicht fetttriefend zurück, bekam man ein Stück Unschlitt (kaltes Tierfett) in die Hand, um ihn damit rostfrei zu imprägnieren.

Ich lernte feilen, treiben, fräsen, bohren, honen, schleifen, spengeln, shapen, sägen, schaben, gießen, Holzbearbeitung, schweißen Schutzgas und Elektro, und ich lernte, dass ein Meter tausend komma null null null Millimeter sind.

Endlich eröffnete sich uns die Motorstube. Faszinierend. Moto­ren, wie aus dem Lehrbuch der fünfziger Jahre entnommen, ­mittels kleiner Kommandopaneele und Benzinbecher startklar gemacht. Meist aber standen sie halb zerlegt auf den drehbaren Stativen und wir mussten mit etwas, das Plastigage hieß und niemand richtig aussprechen konnte, die Lager einstellen. Mit Glück ließ sich ­danach die Kurbelwelle noch drehen.

In der Theorie mussten wir Normschrift zeichnen und Fachwerke ausrechnen. Ein Fachgruppenvorstand kam in die Klasse und erklärte uns zur Verlorenen Generation. Dabei fuhr er selber einen VW 411.

Alle trugen weiße Mäntel. Unser Fachlehrer für mechanische Technologie sah darin besonders seltsam aus, als hätte man ein ungeschlachtes Möbelstück, etwa einen Bauernkasten, damit zugedeckt. Er hatte eine holzgeschnitzte Nase und buschige Augenbrauen. Alle mochten ihn, besonders, wenn er erzählte, wie er mit seiner Geländemaschine im Wald herumkrachte und den Jägern abpaschte. Wir waren stolz auf unseren Klassenvorstand. Eines Tages war Steyr im Aufruhr: Die Post (also der Briefkasten im Eingangsportal) war am Wochenende gesprengt worden. Montags kam unser fröhlicher Fachlehrer in die Klasse, rieb sich die Hände und sagte: „Na, Burschen, wie hob ich des gmocht gestern?“ Freundliches Gelächter wie über einen Partywitz. Drei Wochen später wurde unser lieber Lehrer in Handschellen aus der Schule geführt. In der Nachbarklasse erzählten sie stolz, wie er mit ihnen Legohäuser mit Schweizerkrachern gesprengt hatte. Später begann er eine zweite Karriere in der Industrie. Schade, dass es so etwas wie die Myth Busters damals nicht gegeben hat.

Aber wir waren einiges gewöhnt: Unser Elektrotechnik-Fachlehrer, der aussah wie ein schrulliger Primar, von dem man sich höchst ungern operieren ließe, öffnete die Klassen-Türschnalle grundsätzlich mit dem Fuß, was unter uns eine gewisse Vorbildwirkung hatte. Doch so wie er während des Unterrichts aus dem Fenster zu steigen, wenn draußen ein Bekannter zu sehen war, das trauten wir uns dann doch erst in der Pause.

Auf einen anderen Fachlehrer, der mir in Erinnerung geblieben ist, weil er so einnehmend erzählen konnte, wie man ein Getriebe schaltet, wie man mit spitzen Fingern und sanftem Druck abwartet, bis die Synchronringe eingerückt sind, stieß ich Jahre später wieder: Ich fand bei einer Recherche seinen Eintrag im Wiener Patentamt. Er hatte ein Farbkleckssystem erfunden, das, am Schispringerstiefel angebracht, genau den Punkt des Aufsprunges im Schnee markieren sollte.

Unseren Autowerkstätten-Fachlehrer Andesner habe ich unlängst wieder besucht. Er sieht mit siebzig genauso aus wie damals mit dreißig, nur die Augenbrauen sind buschiger. Er verkörperte die moderne Generation des Lehrkörpers. Damit stand er ziemlich allein. Wir schnitten aus einem Puch 500 ein Cabrio für seine Frau. Das war immerhin einleuchtend und modern in einer Schule, wo man Turbomotor nur unter der Schulbank lesen durfte und natrium­gekühlte Ventile als Teufelswerk abgetan wurden. Stattdessen lernten wir alles über Dieseleinspritzpumpen. Freudlosigkeit als Lernprogramm.

In der Gießerei herrschte ein richtiger Untam, den alle fürchteten, man sagte ihm nach, dass ihm einmal oben flüssiges Eisen in den Gießerstiefel gelaufen sei und unten wieder raus. Er habe nur geschaut und den Fuß ausgeschüttelt. Aus unerfindlichen Gründen schenkte er mir plötzlich einen VW-Käfer-Tacho der zweiten Generation. Ich fühlte mich meinem Ziel ein kleines Stück näher. Ich wohnte jetzt in einem Dachzimmer über den Dächern der Stadt, las Hermann Hesse, hörte Peter Sarstedt und Room to move, kaufte den Playboy der Interviews wegen und gründete mit dem Freund eine Werbeagentur für Zündhölzer, von der leider niemand was erfuhr. Die Abschlussprüfung gelang mir, weil ich aus dem Fragenstapel die einzige Frage in Buchhaltung zog, deren Antwort ich wusste. Ich verließ Steyr am selben Tag in einem Fiat 126 Motor Steyr Puch. Die Hitze hatte den Dachhimmel gelöst und alles gnädig zugedeckt. Ich nahm das symbolisch und machte ­einen Dankbarkeits-Abstecher an meine geheime Kultstätte, das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug, in dem ich das Gute Herz Österreichs vermutete.

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