Wie ich das Auto lernte Autoliebe, essay
 

Wie ich das Auto lernte

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz.

21.11.2012 Autorevue Magazin

Teil I – Das Onkelprinzip: Vom Chevrolet Impala des Onkel Waschmaschinenverkäufer bis zum Käfercabrio (mit Porsche­motor!) des Onkel Playboy.

Also wir hatten ja gar kein Auto. Frühe sechziger Jahre, tieferes Waldviertel, gelbe Saurer-Postbusse mit ihren vibrierenden Peilstangen. Auch die langen Schalthebel mit blanken Kugelköpfen vibrierten als faszinierende Boten eines lebendigen Tiefenlebens. Im Winter waren sie mit Strickhäubchen überzogen. Wenn man über dem Hinterrad saß, konnte man höher sein und besser rausschauen. Schlecht wurde mir überall. Ich weiß als Einzelkind nicht, ob es allen so ging, aber ich hatte jede Menge Onkel. Also tatsächlich hatte ich nur einen, und der war angeheiratet. Doch Freunde meiner Eltern wurden mir grundsätzlich als Onkel vorgestellt. Bald lernte ich, sie nach ihrer Brauchbarkeit in Sachen Auto zu unterscheiden. (Der Familienonkel reihte weit hinten – er hatte einen Lloyd Alexander.)

Onkel Datler arbeitete am Bezirksgericht und besaß einen ­nylonsockenbeigen VW Käfer. Ich war noch ein Baby und die Leute schauten wie in ein Aquarium bei den Fenstern rein, als ich aufwachte. So wie man das in Albträumen sieht, wo man auf dem Operationstisch oder gleich im Grab liegt. Man hatte mich im Auto schlafen lassen, und es war mir peinlich, so angeglotzt zu werden. Babys ist wahrscheinlich mehr peinlich, als man denkt. Später, ich war jetzt drei, durfte ich den Scheibenwischer einschalten und auf den Spritzknopf drücken. Hupe auch.

Ein anderer Onkel war Polizist in Wien, er pfiff den Autobus nach Horn zurück, den meine Mutter und ich gerade verpasst hatten. In Maissau hielt er immer an für einen längeren Aufenthalt. Regelmäßig gingen einige Alkoholiker im Gasthaus verloren.
Onkel Görblich hatte einen Opel Kapitän, machte aber Faxen beim Autofahren. Typischer Nachkriegsangeber. Mehr Eindruck machte der Mann mit dem hellgrünen Peugeot 404 (Schiebedach!), Rollkragen, Tennisspieler wie mein Vater, dessen Sohn faszinierenderweise Raoul hieß, aber abstoßenderweise Schmetterlinge fing, betäubte und aufspießte. Ich war damals noch auf Briefmarken und hatte den höheren Auftrag, Insekten aus Swimmingpools zu retten.

Dann gab es den Onkel Waschmaschinenhändler mit dem metallicblauweißen Chevrolet Impala Schwalbenschwanz, so schlecht war mir selten. Einmal holte er uns vom Bahnhof Sigmundsherberg ab, aber das Auto sprang nicht an. Ich bedauere es bis heute.

Onkel Ernst: Bungalow, Swimmingpool, Hollywoodschaukel, Mercedes Heckflosse, stehender Zeilentacho, dessen Anzeige sich von grün über gelb nach rot verfärbte. Dann fuhr man aber auch schon 120. Einmal ließ er für uns Kinder den Wagen schlingern, links, rechts, links, rechts, dass die Federn quietschten. Autofahren war immer hart am Anspeiben, soweit ich mich erinnern kann. Einmal fuhren wir in einem Opel-Kleinlaster seiner Metzgerfirma zum Mistplatz, und er hielt die Hand über meinen Kopf, weil die Löcher im Feldweg so stark durchschlugen, dass sein echter Neffe und ich fast gegen die Decke sprangen. Onkel Ernst fuhr auch eine Puch DS 50, und ich klammerte mich an seinem Trevirahemd fest, so gut ich konnte. Es ging damals immer um ehrgeizige Dinge, und so jaulten wir einen steilen Fußpfad hoch, der uns auf halber Höhe abwarf.

Nachbar Grammanitsch von der Krokobar hatte einen hell­blauen Fiat Spyder, aber mit Krokodil hinten draufgeschnallt, mit dem er in die Thaya baden fuhr. Das Krokodil hieß Jockl.

Ärzte und Apotheker fuhren damals Peugeot 403; der Sohn des Papiergeschäftes, ein hagestolzer Typ, den ich mir auf dem Schulweg immer als Windschatten nahm, weil er so zügig ging und ich so vielen Ablenkungen ausgesetzt war, also dieser Sohn hatte plötzlich einen Bart und einen Führerschein und einen roten offenen Sportwagen. Als Gefälligkeit von Ehepaar zu Ehepaar musste er mich auf eine Runde mitnehmen. Ich sah absolut nichts, nur einmal, auf dem Bahnübergang, wurde ich hochgefedert, so dass ich für einen Augenblick durch die Windschutzscheibe nach vorne sehen konnte.

Fräulein Elli, die unter uns wohnte, fuhr einen Roller mit ­Reserverad, das fand ich höchst verwegen. Damals machte man Afrikaexpeditionen mit solchen Rollern. Onkel „Gustavgans“-Jessernig war meine absolute Nummer eins: Er fuhr ein Käfercabrio mit PORSCHE!motor, und er fuhr richtig gut Auto. Aufgerichtete Schiträger im Winter, das sah richtig gut aus. Daneben hatte er für gesteigerte Playboy-Allüren noch einen Citroën Mehari. Der war so wie Rauleder-Mokassins ohne Socken. Später fuhr er Triumph-Sportwagen, und seine verlassenen Freundinnen kamen bis zu uns nach Hause, um sich bei ­meinen Eltern auszuweinen. „Bernhard“, sagte er in seiner leisen Stimme zu mir (aus irgendeinem Grund nannte er mich immer Bernhard), „fang dir nie was mit zwei Frauen gleichzeitig an.“ Später fand er eine volle Geldbörse mitten auf einer Almwiese.

Damals sahen alle Erwachsenen für mich wie Filmstars aus. Ich war teilhaftig des Waldviertler JetSet, war aber leider nichts weiter als ein Kind und mir selber peinlich. Onkel Kuch, der Assessor vom Bezirksgericht, fuhr einen roten Käfer, das genügte im Grunde auch schon. Er nahm mich mit zum Schifahren, aber an meinen Fischerski-Holzbrettern (ich sprach sie aus wie Sikorsky, damit das besser klang) blieb so viel Schnee kleben, dass ich wie auf Stelzen ging.

Der exemplarische Nachkriegs-Erfolgsonkel war Onkel Erich vom Oberlandesgericht und fuhr einen Nash Metropolitan. Damit brachte er meine Mutter und mich zu meiner Mandeloperation ins Spital. Der Nash war nämlich ein Dreisitzer und alle saßen wir in der ersten Reihe. Später hatte er einen Diaprojektor samt ­Mexikobildern und einen Postkastel-Fiat 1500 mit 70 PS. Sein Ehrgeiz im Straßenverkehr war enorm, dem entsprach der verchromte ­Hupenring im Lenkrad. Nur ein überholter Autofahrer war ein guter Autofahrer. Einmal fuhren wir vollgepackt ins Gebirge, es waren nur noch regennasse Kühe rundherum, und wir mussten alle aussteigen, weil der Auspuff aufsaß, und so gingen alle bepackt mit Wanderrucksäcken hinter dem Auto her, Onkel Erich am Steuer. Da wusste ich, ich will später was mit Autos.

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