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Autodromo Terramar: Phoenix aus der Vogelfarm

Auf diesem Hochgeschwindigkeits-Oval mit zwei Steilkurven fand 1923 der erste Große Preis von Spanien statt. Heute kämpft der verwitternde Beton mit der Natur und macht eine Runde in einem modernen Auto zum Abenteuer.

12.05.2015 Press Inform

Salvador Mora ist ganz in seinem Element. Als der Seat Leon in die mächtige Steilkurve brettert, nimmt der 71-jährige die Hand vom Lenkrad und zwitschert wie ein Vogel. „Das geht alles ganz einfach“, strahlt der rüstige Senior, während er fröhlich weiter pfeift, „hier zu fahren kommt dem Fliegen am nächsten!“ Der Spanier weiß, welche Geschwindigkeit die überhöhten Ecken vertragen und spult eine Runde nach der anderen ab.

1923: GP von Spanien auf frischem Beton

Später steht das Auto in der riesigen Betonwand, die eine Kurve ist, und krallt sich mit aller Haftungskraft an den sandfarbenen Beton, um nicht nach unten zu rutschen. Salvador Mora zeigt uns derweil Reifenspuren, die sich im Asphalt der Steilkurve verewigt haben. „Das hier ist ein Dunlop und das ein Michelin“, erklärt der Señor. Die Abdrücke stammen noch aus dem Eröffnungsrennen, dem Großen Preis von Spanien, der am 28. Oktober 1923 ausgetragen wurde. Da der Asphalt der hastig fertiggestellten Rennstrecke noch nicht ganz trocken war, konnten gruben sich die Reifen in den Untergrund und sind bis heute Zeugnis wagemutiger Piloten in knatternden Kisten. Denn die Spuren steigen an und beweisen, dass die Fahrer immer schneller die Wand entlangrasten.

Tausende Menschen strömten 1923 zum GP

Der Brite Louise Zborowski bretterte beim Auftaktrennen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,2 km/h über die Asphaltplatten und umrundete die zwei Kilometer lange Strecke in seiner schnellsten Runde in 45,8 Sekunden. Blöd allein, dass in den Augen des spanischen Königs Alfons XIII. der Franzose Albert Divo die Ziellinie als Erster überquerte – und Adel ging damals noch vor Arithmetik. Mehrere tausend Zuschauer drängten sich damals um das Oval, über vier Stunden lang war ihre Reise über staubige Schotterpisten von Barcelona nach Sitges-Terramar.

Schon zu Baubeginn war das Geld knapp

Der katalanische Textil-Geschäftsmann und Autonarr Federico Armangué hatte sich 1922 entschlossen, die Rennstrecke zu bauen, rund 300 Tage lang schufteten die Arbeiter und stampften das Projekt aus dem Boden. Die Steilkurven sollten mit einer Überhöhung von 60 bis 90 Grad sogar Geschwindigkeiten bis 200 km/h ermöglichen und die Tribünen wurden so hoch gebaut, dass die Zuschauer möglichst viel vom Kampf auf dem heißen Beton mitbekamen. Vier Millionen Pesetas kostete der Bau des Rennovals, doch das Geld war von Anfang an knapp. Die zweite Tribüne, deren Reste noch aus dem grünen Rasen ragen, wurde nie fertig, weil die finanziellen Mittel erschöpft waren. Heute wohnt der Hausmeister in dem Gemäuer.

Inmitten von Sant Pere de Ribes

Zwei Jahre nach der Eröffnung verkaufte Armangué die Strecke an den tschechischen Rennfahrer Edgar Morawitz. Heute ist von dem Glanz der vergangenen Jahre nicht mehr viel übrig. Die Tribünen sind verweist und Gebäude-Ruinen stehen wie ein Skelett inmitten der grünen Landschaft nahe des verschlafenen Städtchens Sant Pere de Ribes. Rostige Stahlträger, Risse in den Wänden der Gebäude und Löcher im Straßenbelag verleihen dem Gelände einen morbiden Charme.

Eine Rennstrecke wird zur Hühnerfarm

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Oval in Vergessenheit, 1955 fand das letzte Rennen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs statt. Danach verwandelten die neuen Besitzer das Autodromo Terramar in eine Farm. Wo früher Menschen jubelten, der legendäre Pilot Tazio Nuvolari seine Runden drehte und Rennmotoren brüllten, gackerten nun 250.000 Hühner. Aus den Boxen wurden Pferdeställe und unter den Tribünen entstand eine Tierfutter-Produktion und der Asphalt, über den vor kurzen noch Rennwagen gerast waren, wurde genutzt um Stroh zu trocknen und Futterreste aufzubewahren.

Hoffnung für das Autodromo Terramar

„Es sah aus, wie eine große Müllhalde. Aber diese Schutzschicht hat die Strecke vor dem Zerfall geschützt“, erzählt Salvador Mora, der als Direktor eine Initiative unterstützt, um das Oval wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. In einem Porsche hat Mora einmal die 230-km/h-Marke geknackt, erst 2012 wurde der Rundenrekord von dem ehemaligen Rallye-Weltmeister Carlos Sainz geknackt, der in einem Audi R8 LMS eine Zeit von 42,6 Sekunden in den historischen Asphalt brannte. In Zukunft sollen hier wieder Oldtimer-Rennen stattfinden und eine Automobil-Museum entstehen.

Ganz so vogel-leicht fühlt man sich übrigens nicht mehr, sobald man selbst über den holprigen Beton brettert: Man lässt die Hände gern am Lenkrad.

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