Australien Outback Offroad Reise Mercedes
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Dirigent Der Wüste

Eine 2000-Kilometer-Reise durch das Outback. Soll ich mich nachts den Dingos stellen oder in die Hose machen?

05.12.2011 Online Redaktion

Der emotionale Unterschied zwischen einem einfachen, nächtlichen Bedürfnis und wahrhaftiger, tief liegender Verzweiflung ist enorm, kann aber schnell egalisiert werden. Für diesen Gefühlsumschwung braucht es nur eine leichte Drehung. Der Ellbogen touchiert die ­Trägerstange des Zeltes, die gibt nach und reißt die ­Heringe gleich mit aus der Verankerung, schon ­liege ich mit zum Bersten voller Blase unter den Trümmern meines Zeltes. Es ist etwa drei Uhr nachts. Licht: gleich null. Woher sollte es auch kommen in der australischen Wüste. Der Krach hat die Dingos neugierig gemacht, einer von ihnen heult nur wenige Meter von der Ruine, die vor ­wenigen Sekunden noch mein Zelt war, entfernt auf.

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Das ließ die Frage reifen: „Was zum Teufel tue ich hier?“ Ganz einfach. Mercedes-Benz Australien lancierte heuer, nur 33 Jahre nach deren Erfindung, die G-Klasse auch auf ihrem Kontinent und veranstaltete zu diesem Anlass eine Outback-Tour. Das Briefing für Wüsten-Neulinge hielt drei wichtige Faustregeln parat. Erstens: Dingos sind Hunde und deswegen nicht mit dem Maßstab von Bären, Wölfen oder anderen Wildtieren zu messen. Begegne man nachts auf der Straße in der Stadt drei Schäferhunden, würden die ja auch nicht flüchten, nur weil man Lärm mache. Zweitens: Bleib nachts im Zelt. Drittens: Dort, wo wir hinfahren, gibt es wenig tödliche Tiere, die können dort nicht überleben. Wie beruhigend.

Das „dort“ ist die Canning Stock Route. Eine 2000 Kilometer lange Offroadpiste, die Alfred ­Canning zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Wüstenboden stampfte. Es galt einen Weg zu finden, auf dem sich Rinder – von Farmen, die so groß sind wie ganz Österreich – in den Süden treiben ließen, wo gerade der Goldrausch tobte. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist immer eine Gerade. Außer im Outback. Hier legen 52 Linien, die jeweils von einem Brunnen zum nächsten und schließlich zu einem See mit Rinderfarmen führen, wenn auch nicht die kürzeste, so doch die einzig machbare Strecke fest.

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Auf tragische und erstaunliche Weise prägt dieses Vorhaben bis heute das Gesicht Austra­liens. Die ersten Siedler waren hemdsärmelige Abenteurer, um es höflich zu formulieren. So auch der im Lauf der Jahrzehnte romantisierte ­Alfred Canning. ­Weder er noch seine Hundertschaft an Trägern hatte die geringste Ahnung, wie man in der Wüste Wasser findet. Die Aborigines sehr wohl. Um die nächste Gerade zu einem Brunnen ziehen zu können, band er einen der Ureinwohner an einen Baum und gab ihm Pökelfleisch oder gleich Salz zu essen. Wollte er nicht sterben, musste er Wasser finden. Ein Sittenbild der damaligen Zeit, das sich lange hielt und bis heute den dunkelsten Fleck in der Geschichte Australiens darstellt.

Ein Thema, das erwähnt werden musste. Zum erstaunlichen Punkt: Die Expedition brachte Austra­lien einen zusätzlichen Wirtschaftszweig ein. Den Kamelexport. Um die Wüste zu durchqueren, importierte man Kamele und entließ sie nach getaner Arbeit in die Freiheit, wo sie keine natürlichen Feinde hatten und sich vermehrten wie die ­Karnickel. Heute gibt es in Australien mehr Kamele als im Nahen Osten, weswegen man die Tiere ­genau dorthin verkauft.

Mittlerweile dient die Canning Stock Route als Touristenmagnet für Offroader, die sich für die Tour etwa sechs Wochen Zeit nehmen. Mercedes strickte einen 2-Wochen-Plan. Deutsche Pünktlichkeit trifft australischen Pragmatismus. Acht Stunden Fahrzeit täglich, um 17 Uhr wird gestoppt, weil es um 18 Uhr stockdunkel ist, die Zelte dann aber schon stehen müssen. An schlechten ­Tagen schafften wir so 50 Kilometer, an guten fast 200.

Mercedes grub sich damit auch gleich in die ­Rekordbücher des Automobilbaus ein. Denn sie sind der erste Hersteller, der die Route vom Ausgangspunkt Wiluna bis nach Halls Creek in einem Stück schaffte – mit fünf serienmäßigen G-Modellen und zwei G-Klasse Professionals als Begleit­fahrzeuge. Die Professionals werden für das Militär und ähnlich robuste Anwendungen hergestellt.

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Die Tour teilt sich fahrerisch in zwei Abschnitte zu je 1000 Kilometern. Teil eins ist steinig und bietet viele 50-Kilometer-Tage. Messerscharfe fußballgroße Steine müssen umfahren und Schlaglöcher, die ganze Autos verschlucken, gemeistert werden. Hinter den Schikanen steht der Beifahrer und mimt per Daumen und Zeigefinger den Dirigenten. Der Fahrer spielt die Instrumente (Geländereduktion, drei Differenzialsperren, Gas und Bremse) des ­G-Orchesters. Es geht Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Aber es geht vorwärts. Teil zwei hält ­Dünen und stoßdämpferquälende Pisten bereit. Merke: Wenn man schnell genug fährt, nimmt man nicht jede Rippe der Straße mit und kann auch in einer G-Klasse driften. Wird dafür aber von seinem australischen Beifahrer „Hoon“ genannt. Down ­under ein Straftatbestand (lautes, rauchendes, zu schnelles Rumproleten).

Aber das muss sein. Soll er unken. Das sind die seltenen Stellen, an denen Kilometer gemacht werden können. Bis, ja bis … Kilometer 68 des zweiten Abschnitts geschafft war und zwölf von zwanzig möglichen Stoßdämpfern (Professionals nicht mitgerechnet) gebrochen, geplatzt oder gekrümmt sind. Über 1000 Offroad-Kilometer forderten ihren Tribut. Mercedes stellte G350-Modelle zur Verfügung – mit deren 211 PS und 560 Newtonmeter jede Düne unterjocht wird –, stattete sie aber mit dem spürbar härteren AMG-Fahrwerk aus.

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Ein Fall für Erwin und Luke. Erwin, der in Graz für Mercedes arbeitet und dort Soldaten schult, deren Arbeitgeber sich für die G-Klasse entschieden haben. Luke, ein Mechaniker von Mercedes Austra­lien. Für einen Stoßdämpferwechsel brauchen die beiden nicht länger als 40 Minuten. Die benötigten Teile kamen per Charterflug aus halb Austra­lien ins Outback. Ein „Plan B“, den man in der Hinterhand hatte und ein Beweis für die Perfektion, mit der diese Reise angegangen wurde. Als weiterer Beleg soll ein kurzes Funkgespräch dienen: „Hier ist Auto fünf, wir fahren schon auf Reserve.“ „Kein Problem, nur noch drei Kilometer.“ Sekunden später.

„Hier ist wieder Wagen fünf, unser Tank ist ­abgefallen.“ „Ach was?“ Eine Durchsage, die außerhalb des engmaschigen Mercedes-Sicherheitsnetzes für Panik gesorgt und andere Autos endgültig in die Knie gezwungen hätte und die zeigt, welche Belastungen und Kräfte hier überwunden werden müssen. ­Diverse ausgebrannte Autowracks an der Strecke zeugen von Verzweiflung und Scheitern.

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Der G, oder „Tschi“, wie ihn der Australier nennt, vermittelt im Nirgendwo aber die Art Selbstverständnis, die es braucht, um hier zur Ruhe zu finden. Die Buckelpisten werden immer wieder von wasweißichwiehohen Sanddünen unterbrochen. Geschätzte 30 Meter weit erstreckt sich jetzt ein Untergrund, den man zu Fuß vermeiden würde, weil man mit jedem Schritt bis über die Knöchel einsinkt.

Der Trick: gleichmäßig Gas geben, den Rest erledigen Allradantrieb und Sperrdifferen­ziale. Schlaglöcher, die man unter den Verwehungen nicht sieht, lassen das Dachgepäck hüpfen und entleeren die Rücksitzbank. Buckelpiste, Sanddüne, Buckelpiste, Sanddüne, Buckelpiste, Buckelpiste. Und andersrum.

Die größte Herausforderung im Nirgendwo ist das Equipment. Zuallererst Sprit. 500 Autos dürfen pro Jahr die Canning Stock Route befahren. Alle müssen sich vorher anmelden, damit es an den wenigen Zapfsäulen, die alle in Aborigine-Communitys liegen, auch etwas zu kaufen gibt. 3,90  Dollar (etwa 2,90 Euro) kostet hier ein Liter Diesel. Wer Bier kaufen will, hat Pech gehabt. Die meisten Dörfer sind „dry communities“. Kein Alkohol. Die Ureinwohner leben von der Wohlfahrt, haben also nur selten Arbeit und wohnen im staubigen Nichts. ­Betrunken schlagen sie sich aus Langeweile gegenseitig die Köpfe ein. Erfahrung macht klug.

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Wichtig ist, hier das Auto bis zur Decke mit Wasserflaschen vollzustapeln. Brunnenwasser kann oder sollte man nicht immer trinken. Stichwort: Filteranlage. Aber selbst die geht in die Knie, wenn ein Kamel im Loch ertrunken ist.

Für solche Informationen habe ich Finch auf dem Beifahrersitz. Finch heißt eigentlich Chris, aber auf seinen richtigen Namen hört ein Australier nicht einmal, wenn man ihn aus ­einem brennenden Haus retten will. In der Gruppe waren unter anderem noch Coco, Waddo, Spanky, Macca, Sidewall, ­Review, Chanel und Nick (echter Name). Nick, der gute Geist von Mercedes. Beim Rückflug aus dem Outback hatte sich die Fluglinie verkalkuliert und der Charter war überladen. So blieb Nick mitsamt Gepäck in der Wüste stehen. Ein Bild von verstörender Trostlosigkeit. Macca, sein Chef, schwört, Nick sei nach 700 Mietwagen-Kilometern und drei Flügen gesund heimgekommen. Andere Gerüchte sagen, er sei von Aborigines adoptiert worden.

Zwei Zahlen zum Abschluss: Drei Schritte sind nachts ein ausreichender Hygieneabstand zum Zelt, wenn Schritt vier bedeutet, einem Dingo auf den Schwanz zu treten. Ein Zelt lässt sich in finsterer Nacht in dreißig Sekunden neu aufrichten. 

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