Aufregung aus dem Nichts

1265 km von Almaty nach Astana: Eine Reise auf der man viel über das Element Wasserstoff, die Folgen ­kleiner Irritationen und die Architektur von Strommasten lernt. 

06.12.2011 Autorevue Magazin

Der Auftrag. Ende Jänner ist Mercedes zu einer Welt­umrundung mit drei Brennstoffzellen-B-Klasse-­Fahrzeugen auf­gebrochen. Ein Hardcore-Test in Sachen Wasserstoff-Betankung und Langstreckentauglichkeit von Elektromobilität. Von Stuttgart aus ging es durch Süd­europa, Nordamerika, Australien und China, alles ungefähr mit 90 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, weil da der Verbrauch am maßvollsten ist, vorausgesetzt natürlich, die Straßenverhältnisse lassen diese Geschwindigkeit überhaupt zu. Am 53. Fahr-Tag erreicht der Tross Kasachstan, wo wir uns ins ­Geschehen einklinken und die 1265 Kilometer von der alten Hauptstadt Almaty über die Kupferminen-Metropole Balqash min die neue Hauptstadt Astana übernehmen. Es ist Anfang Mai, die Sonne scheint und die Mercedes-Pionier-Truppe hat bereits über 23.000 Kilometer hinter sich gebracht, ganz ohne Unfall. Eine ­Bilanz, die in Kürze ganz anders aussehen wird.

Almaty.

Mai ist gut. Besonders in einem ultrakontinentalklimatischen Land wie Kasachstan, wo es im Sommer 40 Grad plus haben kann und 40 Grad minus im Winter. Die mäßigenden Weltmeere sind hier so weit weg wie an keinem anderen Festlandspunkt der Erde. Es kommt natürlich drauf an, wo in ­Kasachstan man genau hinfährt. Immerhin ist es das neunt­größte Land der Erde, das in seiner Ost- West-Erstreckung die Ausmaße von Australien hat.

Kasachstan Mercedes-Benz F-Cell B-Klasse

Almaty, das wie in Sowjet-Zeiten oft immer noch Alma-Ata genannt wird, liegt ganz im Süden des Landes. Die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt duckt sich in den nördlichen Schatten des mächtigen Tien Schan-Massivs, das gleich hinter dem Villenviertel der reichen Oberstadt steil anhebt und sich innerhalb von 40 Kilometer Luftlinie am Pik Talgar schon zu knapp 5000 Höhenmetern aufgeworfen hat. In der Halbhöhe zwischen Ebene und Gebirge gedeihen Blumen, Gemüse und Obst, weshalb ­Almaty auch Almaty, also „Stadt der Äpfel“, heißt. Wo früher Obstgärten standen, bauen sich die Reichen jetzt aber ihre Häuser.

Mai ist gut. Auch im vergleichsweise milden Almaty. 18 Grad, buntes Treiben auf den Straßen, überall Grün. Eigentlich erstaunlich viel Grün für die ehemalige Hauptstadt einer sowjetischen Unionsrepublik, die man hauptsächlich als militärischen Rückzugsraum, Atombombenversuchsgelände, Deportations­adresse und Labor für gigantische Landwirtschaftsexperimente kennt. Natürlich gibt es sie auch, die protzigen architektonischen Machtsymbole, abbröckelnde Plattenbauten und die in der zeitlichen Distanz spannend gewordene Sowjetmoderne. Im Vorbeifahren erkennt man den Zirkus als steinernes Zelt. Den kuriosen tortenförmigen Hochzeitspalast. Den monumentalen Palast der Republik. Und das Hotel Kasachstan, das mit seiner Zacken­krone wie eine architektonische Landmark am Prospekt Dostyk aufragt. 29 Stock hoch und Ende der 1970er in speziell erd­bebensicherer Konstruktion gebaut, weil die Erdkruste, auf der Almaty steht, höchst unruhig ist.

Alles aufsaugen. Man wird die Bilder brauchen. Das von den tausenden roten Rosen und Nelken, die am Kriegsdenkmal im Park der 28 Panfilov-Soldaten liegen. Das von den vielen Autos in den Straßen, die allesamt relativ modern und neu, in Einzelfällen auch auffallend schwarz und teuer sind. Und das von den Leuten, die hier – 300 Kilometer von China und 30 von Kirgi­sien entfernt – überwiegend kasachischer Herkunft sind oder einem der anderen Turkvölker angehören.

Almaty–Balqash, 648 Kilometer.

Die Reise ins Nichts beginnt um 7.30 Uhr. Die Brennstoffzellen-B-Klassen warten am Stadtrand von Almaty, dort, wo sich im Grün immer mehr schäbige Häuser hinter Wellblechzäune ducken und der Asphalt auf den Nebenstraßen brüchiger wird. Die Wasserstofftanks sind voll. Der Kofferraum auch. Lunchpaket. Wasser. Landkarten. Decken. Decken? Die Tagesetappen sind lang. Sehr lang. Die längsten, die Mercedes auf dieser World Tour bisher hatte. Und am Land draußen, sagen sie, ist die Dunkelheit dein größter Feind.

Die Ausläufer von Almaty ziehen vorbei. Wir sind zu dritt im Auto. Keiner redet. Alle schauen aus dem Fenster. Bäume wechseln sich mit eingezäunten Hausansammlungen ab. Hellblaues Wellblech. Weißes Wellblech. Rostrotes Wellblech. Dazwischen Schmiedeeisen. Beton. Ein Supermarkt. Ein Container-Terminal. Taglöhner in Gruppen vor den offenen Türen ihrer Autos.

Kasachstan Mercedes-Benz F-Cell B-Klasse

8.25 Uhr. Die Stadt franst aus. Kleine Straßenstände tauchen auf. Kühlmittel, Motoröl und Getränke werden feilgeboten. Die Flaschen sehen nicht neu aus.

8.45 Uhr. Wir biegen auf die Hauptstraße nach Norden ab. Geradeaus ginge es ostwärts entlang des Alatau-Gebirges weiter nach Bishkek, der Hauptstadt von Kirgisistan. Alleebäume. Der Himmel ist grau. Es fallen ein paar Regentropfen. Ein Mann am Straßenrand bietet zwei Tannenbäume zum Verkauf an.

9.01 Uhr. Ortsanfang Zhambyl. 9.02 Uhr. Ortsende Zhambyl. Grüne Wiesen links und rechts. Es sieht ein bisschen aus wie im Weinviertel. Die Straße ist breit, der Asphalt tadellos. „Das mit den Decken ist übertrieben“, sagt der Steirer, der gerade hinterm Steuer sitzt. Wir passieren eine kleine Gedenkstätte am Straßenrand, auf der ein Lenkrad liegt. Dann, aus dem Nichts, ein Schlagloch, wobei „Loch“ der wahren Abgründigkeit der Begegnung nicht gerecht wird. Der Steirer sagt eine Zeit lang nichts mehr. Wie zum Hohn folgt eine Baustelle, auf der kein Arbeiter zu sehen ist. Ein paar Kilometer weiter hat ein Kasache vor seinem alten Beiwagengespann fein säuberlich alles an Werkzeug aufgebreitet, was man fürs Wechseln von Reifen braucht.

9.26 Uhr. Ortsanfang Taldykorgan.

9.27 Uhr. Ortsende Taldykor­gan. Das Weinviertel ist in Steppenlandschaft übergegangen. Flachgewellt, grüngraubraun, ohne Bäume und Sträucher. Keine Menschen. Keine Häuser. Kasachstan hat 15 Mil­lionen Einwohner. Mehr als die Hälfte davon leben in den Städten. Statistisch bleiben 2,5 Menschen pro Quadratkilometer auf dem Land über. 9.51 Uhr. Eine Herde Dromedare, ein Reiter zu Pferd. Plötzlich links und rechts Blumen. Ein zartblauer Schleier schwebt über dem Boden. Vergissmeinnicht. Dann gelbe Blumen. Dann roter Mohn. Edgar Degas’ Pferde in der Landschaft.

10.34 Uhr. Bis Balqash sind es noch 376 Kilometer, bis zum Mittagstankstopp noch 46. Der Wasserstoff wird knapp. Schneller als 60 km/h ist nicht mehr drinnen. Ich fahre und suche mir Windschatten hinter einem LKW. Der sieht von oben auch die Schlaglöcher besser. Das Tanken zu ­Mittag, das mitten in der Steppe stattfindet und von einer großen Gefahrengut-Hoch­sicherheits-Aktionsplan-Oper der kasachstanischen Feuerwehr begleitet wird, dauert für drei Autos gut eine Stunde. Die mobile Füllanlage, die Mercedes im Tross mitführt, pumpt in zwei Durchgängen 3,17 Kilo Wasserstoff aus einer Batterie Metall-Kartuschen in die Auto­tanks. Mittlerweile scheint die Sonne. Am Horizont ist Wasser zu sehen.

14.10 Uhr. Weiterfahren. Um die Spitze des Balqash-Sees ­herum. Das hellbraune Schilf und die weißen Salzflecken am Ufer bilden einen berauschenden Kontrast zum Braungrau der Steine und dem tiefen Blau von Wasser und Himmel. 14.55 Uhr. Salz­verkrustete Lacken links und rechts. Von links mündet im großen Stil, mit Überführung und Abfahrt, eine große Straße auf unseren Steppenhighway ein. Man könnte hier zur Stadt Shuw abbiegen, die für den Handel mit erstklassigem Haschisch berühmt ist.

Eine Tankstelle rechts. Eine Tankstelle links. Ortseinfahrt Shighanaq. Von links biegt ein Lada Taiga in meine Fahrtrichtung auf die Straße ein. Er hat einen Rammschutz vor dem ­Kühler. Er fährt nicht sehr schnell, aber unbeirrt. Er fährt un­gebremst auf Höhe des Hinterrads in meine B-Klasse. Ich bin das einzige Auto auf der Straße. Ein grellgelbgrüner, lautloser, wasserstoffbetriebener Elektro-Mercedes, was für einen Lada-fahrenden kasachischen Steppenbewohner also entweder eine Sinnestäuschung oder ein von einer übergeordneten Macht ­entsandter Botschafter aus der Zukunft sein muss. Als Unfall­ursache darf eine energetische Verwirbelung im Raum-Zeit­kontinuum angenommen werden.

Ich hab zum Glück einen bestens beleumundeten Augen­zeugen auf meiner Seite. Ruslan, den kasachstanischen Exekutiv­beamten mit der Dienstnummer H006. Er hat im Schutz einer Fischhandlung seine Radarfalle aufgebaut und alles gesehen. Drei Stunden und vier Protokolle später dürfen wir weiterfahren. Die restliche Fahrt in einem Ersatz-Brennstoffzellen-Auto verläuft ereignislos. Wir erreichen Balqash kurz nach Sonnen­untergang.

Kasachstan Mercedes-Benz F-Cell B-Klasse

Balqash–Astana, 614 Kilometer.

Die 70.000-Einwohner-Stadt Balqash lebt vom Kupferabbau. Kasachstan ist enorm reich an Bodenschätzen: riesige Öl-, Gas-, Kohle- und Erzvorkommen. Mit seinen Zink-, Wolfram- und Barytvorräten steht Kasachstan weltweit auf Platz eins, bei Silber, Blei und Chromerzen liegt es an zweiter, bei Kupfer an vierter, bei Gold an sechster Stelle. Von diesem Reichtum hat der Großteil der Bevölkerung aber nichts. Im Gegenteil. Sie leben in vor Ewigkeiten eilig hochgezogenen Hochhäusern, die längst wieder am Verfallen sind, zwischen den Bauten unbefestigte Straßen und Plätze, die bei Regen und Tauwetter zu ­tiefem Morast werden.

8.30 Uhr. Aufbruch. Eine riesige Kupfermine am Stadtrand, gleich dahinter die weite Steppe. Die Gleichförmigkeit der Landschaft hat etwas Tröstliches. Blauer Himmel, gelbgrünes Gras, rötlich braune Erde. Topographie der Ewigkeit. Sary Arka nennen die Kasachen ihr karges Mutterland, das eine grausame ­Geschichte hat. Millionen Tote. Kriege, die Hungersnöte der ­Zarenzeit, die Landkollektivierung und die zwangsweise Sess­haftmachung der Nomaden unter Stalin, 470 Atombombentests zwischen 1949 und 1989. Man nennt sie auch die „Hungersteppe“.

9.15 Uhr. Ein Café am Straßenrand. Ein flaches kleines ­Häuschen, hellblau gestrichen, über dem Windfang eine Holz­tafel mit weißer kyrillischer Schrift. Um die Tische, auf denen gemusterte Tischdecken liegen, stehen Schulsessel, einige für Erstklässler. Zum Kaffee werden getrocknete, säuerliche Käsebällchen gereicht.

Die Landschaft ist leer, baumlos, nicht einmal Tiere sind zu sehen. Im Nichts bekommt alles Bedeutung. Jeder größere Stein. Jeder Pflock in der Erde. Dem Reisenden werden die Strom­masten zur Hauptbeschäftigung. Die Leitungen verlaufen ohne erkennbares Muster. Kommen aus dem Nichts. Gehen ins Nichts. Manchmal parallel. Manche kreuzen in steilen Winkeln. Es gibt solche mit drei, fünf und sieben Drähte. In einer, zwei oder drei Etagen. Solche mit eckigen Betonmasten oder solche mit runden aus Holz. A-förmige. T-förmige. Isolatoren können weiß, blau, grün oder transparent sein. Manche Leitungsaufhängungen sind rechtwinkelig, andere geschwungen.

13.40 Uhr. Das Wirrwarr an Stromleitungen verdichtet sich. Zwei Männer am Straßenrand. Wir nähern uns einer Stadt: ­Qaraghandi. Kohleabbau. Gigantische, hässliche Förderstätten, die wie postkommunistische Industrie­schrott-Ungetüme wirken. Auf der ­Umfahrung begegnen wir dem schlechtesten Stück ­Straße der gesamten Reise. Schlaglöcher, in denen ganze LKW-­Züge Platz finden würden. Zehn Minuten für 500 Meter.

Hinter Qaraghandi ist die Steppe deutlich erschlossener. ­Timirau, die nächste Bergwerksstadt mit sowjetmäßigem Entree. Ein Stück Autobahn. Plötzlich ein Ort wie aus einer anderen Welt: Gagarinskoe. Blühende Bäume und kleine Datschas mit Lattenzäunen und Vorgärten. Im Bergbau verdient man hier eben vier- bis fünfmal so viel wie in der Landwirtschaft.

14.55 Uhr. Ortsanfang Baimurza. 14.57 Uhr. Ortsende Baimurza. 15.07 Oshagandy River. 2 km links nach Osakandrovka. 128 km bis Astana. Dann plötzlich Äcker rechts der Straße und ein großes Schild, das der Gegend eine Zukunft als Getreide­produzent in Aussicht stellt. Auf dem Feld sind noch keine Pflanzen zu sehen. Das Land ist grüner geworden, die Dörfer größer. Am Straßenrand ein blondes Mädchen im dunklen ­Hosenanzug, das nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau hält.

Astana kündigt sich an. Die Baumreihen der Windschutz­gürtel entlang der Straße werden dichter und höher. Ein schütterer Ort noch, eine Kolchose, dann eine lange, einsame, von ­Straßenlaternen gesäumte Straße, die in die Stadt führt. Präsident Nursultan Nasarbajew beschloss 1997 den Regierungssitz des Landes von der Randlage in Almaty in den einst russisch dominierten Norden nach Akmola zu verlegen. Eine bedeutungsvolle Geste für die Identitätsfindung der Kasachen, die erstmals in ­ihrer Geschichte einen eigenen Staat haben. Nasarbajew lässt dort nach dem Masterplan des japanischen Architekten Kisho Kurokawa mit enormem Aufwand eine internationale Pracht­metropole erbauen. Weil der Name Akmola wegen der extremen Kältelage der Stadt mit einer Winterdurchschnittstemperatur von minus 15 Grad gerne als „weißes Grab“ übersetzt wurde, ließ der Präsident die Hauptstadt in Astana umbenennen. Astana heißt „Hauptstadt“. Die kaputte Brennstoffzellen-B-Klasse läuft übrigens wieder. Und morgen geht es weiter nach Petropavlovsk.

Eine Ergänzung noch:

Die Autos, die Technik. Die Weltumrundung der drei Brennstoffzellen-Mercedesse hatte neben der Langstrecken-Erprobung auch den Sinn, weltweit auf Wasserstoff als Stromspeichermedium für die lokal emissionslose E-Mobilität und die Alltagstauglichkeit der damit verbundenen Technologie aufmerksam zu machen. Noch fehlt allerdings selbst in den dichtbesiedelten Ländern der ersten Welt eine flächendeckende Wasserstoffversorgung, ein Manko, das zu ändern sich Mercedes zusammen mit seinem World-Tour-Partner Linde zur zentralen Aufgabe gemacht hat.

Mit der B-Klasse hat sich Mercedes in Sachen Brennstoffzellen-Antrieb schon nahe an die ­Serienreife herangearbeitet. Die drei Tanks, die es in jedem Auto gibt, können knapp vier Kilo Wasserstoff bei 700 bar Druck fassen. Damit gehen sich bei verbrauchsschonender Fahrweise bis zu 400 Kilometer Reichweite aus, der Energieverbrauch pro 100 km entspricht 3,3 Liter Diesel.

Anzumerken ist, dass die Reichweite auch ganz anders aussehen kann, wie chinesische Journa­listen gleich auf der ersten Etappe der F-Cell World-Tour unter Beweis stellten, als sie aus den 136 PS Leistung ein 170-km/h-Deutsche- ­Autobahn-Fahrerlebnis machten und auf halber ­Strecke liegen blieben. Die in Kasachstan verunfallte B-Klasse konnte übrigens in einer Nacht­aktion in einer Werkstatt in Balqash repariert ­werden und die Welt-Tour, die Anfang Juni nach 125 Tagen zu Ende ging, fertig fahren. Nach den gefahrenen 90.000 Testkilometern kündigte ­Mercedes jetzt den Serienstart von Brennstoffzellen-Modellen für 2014 an. 

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