Audi Urban Future Award 2012 Konzept
Der Neuentwurf des amerikanischen Traums sieht nach Höweler + Yoon die Verschmelzung von Verkehrssystemen vor.
 

Die Stadt von morgen

Das Bostoner Architekturbüro Höweler + Yoon zeigt, wie aus dem alten amerikanischen Vorstadt-Traum, der vor dem Kollaps steht, ein neuer werden könnte.

01.12.2012 Autorevue Magazin

Boswash ist der amerikanische Alptraum, könnte man sagen. Im Großraum zwischen Boston und Washington sind City­zentren, Außenbezirke und ­Peripherie von Großstädten wie New York City, Philadelphia und Baltimore zu einer sogenannten Megalopolis, einer gigantischen Urbanregion zusammengewachsen. Auf rund 400 Kilometern entlang dem Interstate Highway I-95 erstreckt sich die „Northeast Megalopolis“, wie Boswash auch genannt wird. 53 Millionen Menschen leben hier und erwirtschaften rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

 

Die Fortbewegungsmöglichkeiten in der Boswash-­Region sind an und für sich gut entwickelt und das Straßennetz großzügig ausgebaut, aber chronisch überlastet und überaltert. Da die einzelnen Städte außerdem unabhängig voneinander gewachsen sind, fehlen Verbindungen zwischen den verschiedenen Mobilitätssystemen, von denen auch keines eine dominierende Rolle übernommen hat. Und Amerika kann sich seinen Traum, der auf den Lebensvorstellungen der Nachkriegszeit gründet, einfach nicht mehr leisten. Für die Aufrechterhaltung des Verkehrs nach altem Muster fehlen den USA die Mittel. In fünf Jahren, stellen Höweler + Yoon in ihren Recherchen fest, werden 1,2 Billionen Dollar mehr für Erhalt und Ausbau der ­Infrastruktur benötigt, als zur Verfügung stehen werden.

 Architekturbüro Höweler + Yoon Audi Urban Future Award 2012

Als einer von fünf Teilnehmern am Audi Urban Future Award hat das Architekturbüro Höweler + Yoon aus Boston einen Neuentwurf des Amerikanischen Traums für die Boswash-Region vorgelegt und damit den Architekturpreis, der mit 100.000 Euro dotiert ist, gewonnen. Zentraler Gedanke von „Shareway“ ist die Verschmelzung von öffentlichem und individuellem Verkehr. Sämtliche Verkehrsträger der Region werden neu organisiert und zu einer komplexen, hochtechnisierten Hauptschlagader verschmolzen, die der Streckenführung der I-95 folgt. In diesem sogenannten „Bundle“ verkehren Hochgeschwindigkeits- und Pendlerzüge, Frachttransporte und PKW, Radfahrer und Fußgänger in verschiedenen Ebenen, die Staus vermeiden und an schlauen Schaltstellen miteinander verbunden sind.

 

Newark liegt ideal, um zu einem smarten Logistikzentrum zu werden, einem „Superhub“, in dem Schiene, Schifffahrt und Luftverkehr zusammenlaufen und Passagiere wie Güter in den „Bundle“ einfließen. Um auch die letzte Meile von den Stationen zur gewünschten Destina­tion zu schaffen, werden an den Stationen Elektroautos nach ­Bedarf zur Verfügung gestellt, die von der Bremsenergie der Züge geladen werden.

 

In ihrem Neuentwurf des American Dream beschäftigen sich die Architekten aber nicht nur mit dem Verkehrsfluss. ­Besitz wird im allgemeinen neu definiert. Egal ob Auto oder Wohnung – beides lässt sich im urbanen Umfeld immer schwerer finanzieren. „Meine Studenten“, sagt Eric Höweler, „haben gar kein ­Bedürfnis mehr nach Besitz.“ Das „Sharestay“-Modell würde es möglich machen, die monatlichen Wohnkosten auf 10 Dollar zu senken, indem man auch sein Zuhause mit anderen teilt. Passende Mitbewohner würden sich über soziale Netzwerke finden.

 

„Shareway“ umfasst Infrastruktur und Betriebssystem. Urbanes Brachland, das zu Landwirtschaftsfläche umgewidmet wird, Knotenpunkte, die dem Gemeinschaftsleben zugänglich gemacht (und über das Netz organisiert) werden, und Flächen, die einen Mehrfachnutzen erhalten. Drehbare Bodenplatten, sogenannte ­„Tripanels“, etwa könnten den öffentlichen Raum vielseitig nutzbar machen, je nach Bedarf würde aus einer Straße (Asphalt) ein Erholungsraum (Gras) oder ein Energiepark (Solarpaneele) werden.
Der Architekturpreis, der heuer zum zweiten Mal vergeben wurde, ist Teil der „Audi Urban Future Initiative“, einer von Audi gegründeten interdisziplinären Denkfabrik zur Erforschung der Mobilität von morgen. Der Preis ging an ­Höweler + Yoon wegen der fundierten Analyse der sozialen und ökonomischen Kontexte und dem hohen Poten­zial zur Umsetzung – zumindest in Teilen bis 2030, jenem Zeitrahmen, den der Wettbewerb vorgegeben hat.

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