front Audi RS6 Avant quattro vorne
Zum Parken eignet sich dieses Auto ebenso wie zum Fahren. Der Eindruck, den es hinterlässt, ist der gleiche.
 

Testbericht: Audi RS6 Avant quattro

Der Audi RS6 Avant beweist, was technisch möglich ist, wenn Geld kaum eine Rolle spielt.

22.09.2013 Online Redaktion

Die meistgestellte Frage, die nach den Kunden, sei zu ­Beginn beantwortet. Einen Menschen kenne ich, der so ein Auto fährt. Er ist Solar-­Unternehmer. Auf einer großen Wiese in Ostdeutschland hat er seine Kollektoren stehen, die für ihn Sonne und Sub­ventionen tanken. Der Energiewende in Deutschland sei Dank, finanziert Angela Merkel seinen Audi RS6 Avant.

Er hat das Auto wahrscheinlich, weil er gerne Gas gibt, ohne viel denken zu müssen.

Vollgas. Die Welt steht kurz still, dann verschwimmt sie. In der Zeit, als die Welt durchatmete, gab der Audi ­einer Armee künstlicher Intelligenzen – die dem Fahrer das Denken abnehmen – den Marschbefehl: Federn und Dämpfer stellten sich automatisch auf die Fahrbahn ein, ein dynamisches Schaltprogramm passte sich dem Fahrstil des Fahrers an und verhandelte die Gänge aus. Die Kraft wurde über ein Mitteldifferenzial verteilt. ­Dabei erkannte die Elektronik natürlich, ob es geradeaus oder in eine Kurve ­gehen sollte. Durchdrehende ­Räder wurden eingebremst – ein Knochenjob bei dieser Leistung. Die elektronische Lenkung wusste, was der Fahrer wollte, noch bevor der das selbst registriert hatte. Ent­sprechend direkt oder ruhig ­reagierte sie.

Audi RS6 Avant quattro detail hinten heckleuchte

Das führt in Summe dazu, dass der RS6 Avant nach 3,9 Sekunden auf Tempo ­hundert und kurze Zeit später bei ­zweihundertfünfzig Stundenkilometern angelangt ist. Der Audi-R8-Fahrer schaut irritiert, während er im Rückspiegel kleiner wird – zumindest, wenn er den 4,2 FSI fährt –, der Gallardo-Pilot wundert sich, warum er diesen Kombi nicht los wird.

Audi nennt das Downsizing.

Weil man vom Leistungs-Peak aus dem Jahr 2008 – zehn ­Zylinder schossen 580 PS um sich – wieder etwas heruntergeklettert ist. Jetzt kommen nur noch 560 PS aus acht Zylindern. Dank zweier Turbo­lader. 700 Newtonmeter liegen bei 1750 Touren an. So schnell kannst du deinen Fuß gar nicht vom Gas nehmen, wie er im Kriminal steht.

Audi RS6 Avant quattro motor motorraum

Denn von all dem kriegt man nichts mit. Gar nichts. Der Kombi zuckt nicht, die ­Räder drehen nicht durch. Nur die Physik meint, Zicken machen zu müssen. Bis zur Höchstgeschwindigkeit (zwischen 250 und 305 Stundenkilometer – kommt auf den bezahlten Aufpreis an) sind alle Passagiere bewegungslos in die Sitze ge­nagelt. Keine Sekunde zum Durchschnaufen. Nur Vortrieb.

Rein emotional gibt das aber überraschend wenig her.

Sound, der einem nahegeht, stimmt der RS6 erst ab 5000 Touren an. Da helfen auch Zwischengas-Stöße nichts. ­Jedes Geräusch ist streng ­gedämpft. Der RS6 Avant klingt, als hätte er eigene Lärm-­Designer gehabt. Knapp über 6000 Umdrehungen
fliegt die nächsthöhere Stufe ein. Schade eigentlich.

Ein Auto, das zeigt, was ­alles möglich ist und dem es deswegen an Identität fehlt.

Oder es hat eine zu viel, ganz wie man will. Denn einerseits ist der Audi A6 so etwas wie der Goldstandard der geho­benen Mittelklasse. Mit diesem Auto und seiner direkten Konkurrenz misst eine ganze Gesellschaftsschicht ihren Erfolg. Dazu gehören Geschäftsreisen und ­Urlaubsfahrten – die man aber mit der Firmenbuchhaltung klären muss, will man nicht ins Fadenkreuz der Finanz ­geraten, weil ein Auto dieser Klasse sicher kein Privatkauf ist. Andererseits torpediert dieser Avant die Straße mit 560 PS. Bumm. Diese ­Zerrissenheit, Supersportgene mitten im Alltag, hat er mit allen RS-Modellen gemein.

Audi RS6 Avant quattro schaltknauf mittelkonsole

Wenn Sie diesen Artikel ­lesen, fragen Sie sich nicht ernsthaft, ob Sie einen RS6 kaufen sollen, außer Sie sind Solar-­Unternehmer. Sie haben es schon vorher gewusst. Dieses Auto ist kein Sympa­thie­träger, kein Held der Arbeit. Aber ­ideal, wenn man einfach nur Gas geben möchte.

 

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