Audi A6 Exterieur Statisch Front
Erstaunlich, was nach Perfektion noch kommen kann.
 

Testbericht: Audi A6 3,0 TDI

Anzukündigen wäre die post-perfekte Business-Limousine. Der Audi A6.

16.04.2011 Autorevue Magazin

Das mit der Perfektion von ­Automobilen ist so eine Sache. Zuerst einmal ist sie eine ziemlich unglaubliche Geschichte. Die letzte Generation des A6 stand in der gleichen Konfiguration wie dieser Testwagen (V6-Diesel, Automatik, quattro) als Dauertester in unserer Garage. Nach einem Jahr waren wir uns ziemlich sicher, dass ein Mehr an technischer Exzellenz und Wohlbehagen kaum möglich und auch gar nicht sinnvoll sei. Kaum sechs Jahre später hinterließen die ersten Kilometer mit dem Neuen vor allem den Eindruck, dass dieser A6 seinen Vorgänger einfach nur alt aussehen lässt. So viel zum Thema Fortschritt.

Zum anderen wissen wir, dass Perfektion ziemlich schnell ziemlich langweilig werden kann. Zuerst staunt man, dann genießt man, schließlich beginnt der Geist aber unaufhaltsam an der Glätte des Objektes abzurutschen. Charakter nennt man das, wenn Ecken und Kanten greifbar werden, wenn emotionaler Halt geboten wird. Es scheint, als hätten die Ingolstädter diese hochsensible Gratwanderung derzeit am besten im Griff. So kann man sich stundenlang mit der Frage beschäftigen, ob die auffallend dreidimensional wirkende Holzmaserung in der Mittelkonsole nun echt ist oder nicht (ist sie, eh klar).
Sogar die äußere Form wollen wir als Charakter durch­gehen lassen. Und das, obwohl das Design völlig in der schmäh­freien Zone angekommen ist. Da kann der Audi-Designer Stefan Sielaff auf Salons noch so lange erklärend ums Auto herumgockeln, der A6 ist ­einfach ein relativ biederes, vorhersehbares Teil geworden.

Und trotzdem: Gut so. Denn die Botschaft lautet: Architekten, Werbeagentur­bosse und andere Kreative ­mögen sich bitte an den A7 wenden, hier ist kein Platz für hochfliegende Ideen, hier wird bodenständig und kostenoptimiert gearbeitet.

Außerdem schafft der schlichte Auftritt die Basis für eine geradezu herzzerreißende Dramaturgie beim Einsteigen. Die wahre Pracht des A6 entfaltet sich nämlich erst im Innenraum, ziemlich schlau gedacht in Zeiten wie diesen. Im Cockpit angekommen, tut sich ein Kunstwerk von nachgerade italienischer Grandezza auf: schlichte Eleganz, keine Linie zu viel, keine Verspieltheit zu wenig, als hätte man Maß am extrateuren Möbeldesign genommen. Dass dabei alles in teutonischer Akribie umgesetzt wurde, ist Ehrensache. Die optische und haptische Qualität von Leder, Holz und Kunststoffen (die hier diesen hässlichen Namen längst nicht mehr verdienen) und deren Zusammenspiel wirkt einfach nur großartig. Und ja, das klingt jetzt alles ein bissl sehr nach Lobhudelei, stellt aber tatsächlich die neue Benchmark der Klasse.

Ähnliches gilt für die Befriedigung des Spieltriebs: Das beginnt beim elegant aufschwingenden Monitor, ermöglicht Malen nach Zahlen am Touchpad (das für Nicht-Asiaten dann doch eher sinnbefreit bleibt) und endet bei einer WLAN-Verbindung, die dem Geschäftsreisenden endlich den Einstieg in die unendlichen Weiten des Internets ermöglicht – das alles ist allerdings nicht gerade aufpreisfrei. Außerdem mit an Bord: die komplette Armee an Fahr-­Assistenten und die große LED-Lichtorgel.

Dass vom Fahrerlebnis erst relativ spät die Rede ist, entspricht dem Grundgedanken des A6. Fahren passiert einfach. Priorität hat das Wohnen, der Rest ist unspektakulär und – jetzt sind wir wieder beim hässlichen Wort – nahezu perfekt. Der A6 fühlt sich an wie der A8, den man auch selber fahren möchte: gewichtig, aber nicht schwer. Bedeutsam, aber nicht ausladend.

Dass der Neue im Gegensatz zum Vorgänger etwas kürzer und leichter geriet, fällt nicht weiter ins Gewicht. Wichtiger ist da schon die neue Fünflenker-Vorderachse, in die viel Hirnschmalz in­vestiert wurde. Erstes Ziel war eine Erhöhung der Agilität, und in ganz seltenen Momenten lässt das Fahrwerk tatsächlich ungeahnte Qualitäten ­aufblitzen: Auch dank Allrad neutral bis zur Selbstverleugnung mit einem Grenzbereich so weit draußen, dass man dort als Entscheidungsträger eigentlich nichts mehr zu suchen hat. Was für den Alltag bleibt, ist eine verblüffende Hand­lichkeit der 1,8-Tonnen-Fuhre. Der Fahrkomfort entspricht mit der gefahrenen Luftfederung (plus 2.500 Euro) un­eingeschränkt dem Ober­klasse-Niveau, werden doch die Unbilden des Straßenalltags mit der Kompetenz ­einer ­goldenen Mastercard weg­gebügelt.

Deshalb: schwere Empfehlung, weit vor dem meisten Assistenz-Zeugs. Die 245 PS aus dem Dreiliter-Diesel samt Siebengang-DSG geben eine mehr als würdige Antriebskombination ab, deren Stärke nicht nur in der Leistungsentfaltung, sondern auch an der Tankstelle liegt: Denn ein Mehrverbrauch von kaum einem Liter (Testverbrauch: 7,8 l/100 km) gegenüber einem 170-PS-Vierzylinder-Passat ohne Allrad scheint mehr als gerechtfertigt.

Überraschend aber auch die Präsenz des V6-Diesels bei geringen Tempi, die uns vom Vorgänger her nicht so deutlich in Erinnerung ist. Natürlich ist der A6 niemals LAUT, hier sind Rangordnungen gemeint. Der Motor dürfte einfach ein Opfer der deutlichen Ansenkung von Abroll- und Windgeräuschen geworden sein – irgendwas steht halt immer im Vordergrund. Immerhin lässt sich hier ­erahnen, was der nächste A6 besser können wird. 

Mehr zum Thema

Kommentare sind geschlossen.

pixel